INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung der Gesamtausgabe

Einleitung von Helmut Rechenberg

Teil I

1. Die verschiedenen Bereiche der Wirklichkeit
2. Die Sprache
3. Die Ordnung

Teil II

1. Die Goethe'schen Bereiche der Wirklichkeit
2. Die (klassische) Physik

a) Die Mechanik
b) Elektrizität und Magnetismus
c) Das Unendliche

3. Die Chemie

a) Die Wärme
b) Die chemischen Gesetze
c) Die Grenzen der Bereich
d) Der Zufall

4. Das organische Leben

a) Die Beziehung zwischen den biologischen und den physikalisch-chemischen Gesetzmässigkeiten
b) Die Struktur des biologischen Bereichs
c) Die besondere Stellung des Menschen

5. Das Bewusstsein

a) Bewusstsein und biologischer Zusammenhang
b) Bewusstsein und Wirklichkeit

6. Symbol und Gestalt

a) Die Verständigungsmittel
b) Die Kunst
c) Die Wissenschaft
d) Die Symbole der menschlichen Gemeinschaften

7. Die schöpferischen Kräfte

a) Die Religion
b) Die Erleuchtung
c) Das grosse Gleichnis

Teil III



Einleitung der Gesamtausgabe

Zu diesem Buch

1942 beendete Werner Heisenberg diesen Text, den er an ausgewählte Freunde in Kopie verschickte. In dem - auch später von ihm nie veröffentlichten - Manuskript zieht der Autor die philosophische Summe seiner bisherigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse. Leitmotiv ist dabei immer die Frage nach der Wirklichkeit: Wie ist Wirklichkeit aufgebaut, kann sie beschrieben werden durch Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und die Kunst, wie kann der Mensch überhaupt erkennen, was Wirklichkeit ist? Dieser vielleicht schönste Text Heisenbergs, von ihm selbst als eine Art Vermächtnis gedacht, wird hier erstmals eigenständig vorgelegt.

Werner Heisenberg, 1901 in Würzburg geboren, hat die Physik unseres Jahrhunderts mitbestimmt. Für seine Arbeiten zur Quantenmechanik erhielt er 1933 (für 1932) den Nobelpreis für Physik. Er starb 1976 in München. Im Piper Verlag erscheint die Abteilung C (Allgemeinverständliche Schriften) seiner ‘Gesammelten Werke’; bisher liegen vier Bände vor.

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Einleitung

VON HELMUT RECHENBERG

 

Der Physiker Werner Heisenberg (1901 - 1976) gehört zu den grossen Naturwissenschaftlern, die das Weltbild über unser Jahrhundert hinaus geprägt haben. Ihm gelang der erste An­satz zur heute gültigen Quantenmechanik, der erfolgreichen Beschreibung der Atome und Moleküle, zu der er im einzelnen wesentliche Beiträge lieferte. Seine Unbestimmtheitsrelatio­nen gaben den Schlüssel zur physikalisch-erkenntnistheoretischen Deutung dieser neuen Theorie. Schliesslich leistete er entscheidende Pionierarbeit zur Erweiterung und Vereinigung von Quanten- und Relativitätstheorie: Dabei packte er Pro­bleme vor allem der innersten Struktur der Materie an, er be­trieb also das, was wir heute Kern- und Elementarteilchenphysik nennen.

In Vorträgen und Aufsätzen nahm Heisenberg häufig Stellung zu Fragen, die über die engeren Grenzen seiner Fachwissenschaft hinausgingen. Er trachtete insbesondere danach, die Ergebnisse der »modernen Physik«, ihre erkenntnistheoretischen Grundlagen und philosophischen Folgerungen einem breiten Publikum näherzubringen. So entstanden Einzelveröffentlichungen ebenso wie Sammlungen von Aufsätzen mit Titeln wie Die Einheit des naturwissenchaftlichen Weitbildes oder Wandlungen in den Grundlagen der Naturwissenschaften. Darüber hinaus hat Heisenberg drei grössere Texte geschrieben, die sich mit philosophischen Fragen der Naturbeschreibung beschäftigen: die als Buch Physik und Philosophie (1958 bzw. 1959) veröffentlichten »Gifford Lectures« aus dem Wintersemester 1955/56; seine Erinnerungen Der Teil und das Ganze (1969); und den hier vorliegenden umfangreichen Essay, der vor der Herausgabe der Gesammelten Werke nur als Manu­skript ohne Titel und Datum vorlag und hier erstmalig als Eigenpublikation vorgestellt wird.

Der Essay, den wir nach einer Charakterisierung des Autors in seinem Text »Ordnung der Wirklichkeit« nennen, entstand vor Ende des Jahres 1942 und stellt einerseits Heisenbergs früheste ausführliche, andererseits überhaupt seine thematisch umfassendste Äusserung zum philosophischen und erkenntnistheoretischen Inhalt des Weitbildes der modernen Physik dar. Wie nie vorher oder später versucht Heisenberg hier, die gesamte, dem Menschen entgegentretende Wirklichkeit - die von den physikalisehen und chemischen Erscheinungen über die biologischen Systeme bis hin zu den sozialen Ordnungen und den künst1erischen und re1igiösen Ideen reicht - systematisch zu beschreiben. Viele dieser Fragen werden zwar auch in späteren Schriften behandelt oder in den Erinnerungen Der Teil und das Ganze angesprochen, in »Ordnung der Wirklichkeit« aber erscheinen sie in so origineller und programmatischer Zusammenstellung, dass wir diesen grossen Essay als eine Art erkenntnistheoretisches Schlüsselwerk Heisenbergs bezeichnen dürfen.

Heisenbergs Text gliedert sich in drei Teile. Die Einleitung (Teil I) umreisst in drei Abschnitten die angesprochenen »Be­reiche der Wirklichkeit«, die zur Beschreibung der Bereiche benutzte »Sprache« und die »Ordnung« der Bereiche. Im Hauptteil (Teil II) wird, nach einem einleitenden Abschnitt (1.) über Goethes poetische Ordnung der Bereiche der Wirk­lichkeit - die Heisenberg den Anstoss zu seiner Abhandlung lieferte -, ein sechsteiliges Schema der Ordnung der Wirklich­keit aufgestellt, das sich vom niedersten Bereich her wie folgt aufbaut: 2. Die klassische Physik; 3. Die Chemie (einschliess­lich der Quantentheorie), 4. Das organische Leben; 5. Das Be­wusstsein; 6. Symbol und Gestalt; 7. Die schöpferischen Kräfte. Im Schlussteil (Teil III) nimmt der Autor Stellung zu den politischen Verhältnissen der Zeit, in der die Beschäfti­gung mit der geschilderten Ordnung als eine Art »Trost der Philosophie« erscheinen mag.

Aufgabe dieser einleitenden Bemerkungen ist nicht, den vielgestaltigen Inhalt zu analysieren - das sei dem Leser selbst vorbehalten. Wir wollen jedoch einige wenige Hinweise geben, die vielleicht das Verständnis erleichtern und die Einordnung des Essays in die Tradition ähnlicher Schriften, in seine Entstehungszeit und Heisenbergs Biographie ermöglichen. Wir beschränken uns hier auf die Erörterung von drei Fragen: Zunächst, wie ordnet sich Heisenberg unter die philosophieren­den Physiker seiner Zeit ein? Zweitens, wie und wann ist der vorliegende Text entstanden? Drittens schliesslich weisen wir auf Folgerungen hin, die sich aus dem Text über einige besondere Ansichten des Autors ziehen lassen.

 

 

Die philosophisch interessierten Physiker

aus Heisenbergs Umgebung

 

Das Verhältnis von Physik und Philosophie, die im alten Griechenland aus einer gemeinsamen Wurzel entstanden waren, hatte sich in Mitteleuropa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wesentlich verschlechtert, wenn nicht völlig aufgelöst: Die exakte Naturwissenschaft hatte sich vor allen Dingen energisch gegen die spekulative Naturwissenschaft der Schellingschen Schule gewandt. Obwohl einige bedeutende Pioniere der neuen ‘spekulationsfreien’ Physik wie Hermann von Helmholtz oder Ernst Mach wichtige erkenntnistheoretische Fragen erörterten, haben sich die Physiker im allgemeinen auf ihre speziellen Aufgaben beschränkt und dadurch die physikalischen Kenntnisse gewaltig vertieft und erweitert. Die entscheidenden Veränderungen in den Grundlagen der Physik zu Beginn unseres Jahrhunderts, die die Quanten- und die Relativitätstheorie mit sich brachten, mussten aber eine Diskussion ihrer philosophischen Konsequenzen erzwingen, um so mehr als die frühere ‘klassische Physik’ einen festen Platz in der philosophischen Aufarbeitung - etwa die Newtonsche Mechanik in der Kantschen Kritik - gefunden hatte. Wieder begannen gerade diejenigen Physiker, die den Umbruch wesentlich gestaltet hatten, nämlich Albert Einstein und Max Planck, zuerst zur philosophisch-erkenntnistheoretischen Diskussion beizutragen. Wir wollen an dieser Stelle nicht auf die umfangreichen Auseinandersetzungen über die Relativitätstheorie eingehen, die der an Machs erkenntnistheoretischen Methoden geschulte Einstein auslöste, auch nicht auf die Debatten über die Grundlagen und Folgerungen der Quantentheorie, die noch heute fortdauern. Hier sei nur an einige wichtige Beispiele erkenntnistheoretischer und philosophischer Fragen erinnert, mit denen sich die Physiker aus Heisenbergs Umkreis beschäftigen und die aus ihren fachlichen Ergebnissen hervorgingen.

Von Heisenbergs Lehrern in der Physik hat sich Arnold Sommerfeld kaum, Max Born erst spät in seinem Leben mit philosophischen Problemen beschäftigt. Das war bei Niels Bohr (1885-1962) ganz anders. Gerade von ihm sollte der junge Heisenberg, der nicht nur von seinem Freunde Wolfgang Pauli als ‘unphilosophisch’ bezeichnet worden war, ‘eine philosophische Einstellung seiner Gedanken nach Hause bringen.’ (Pauli an Bohr, 11. Februar 1924)1. Der Lehrer Bohr hatte Erfolg, wie Pauli später bestätigte: ‘Mit Freude habe ich auch wahrgenommen, dass Heisenberg in Kopenhagen bei Bohr ein bisschen das philosophische Denken gelernt hat und sich vom rein Formalen doch merklich abwendet.’ (Pauli an Hendrik Kramers, 27. Juli 1925).

Bemerkenswerterweise hat Bohr bis etwa 1930 eigentlich gar nicht öffentlich zu über die reine Physik hinausgehenden Fragen Stellung genommen. Pauli hatte sich eher auf die besondere Art und Weise bezogen, mit der der Kopenhagener Physiker die Probleme der Quantentheorie anging, nämlich durch genaue und logisch saubere Diskussion der physikalischen Erscheinungen und ihrer Grundlagen. Diese Diskussion lernte Heisenberg dann in längeren Aufenthalten bei Bohr kennen und schätzen, ehe sie sich in dessen Vorträgen und Schriften für ein Publikum jenseits der Physik niederschlug. In den dreissiger Jahren versuchte Bohr insbesondere, sein zuerst 1927 formuliertes ‘Komplementaritätsprinzip’ - nämlich die Tatsache, dass gewisse Erscheinungen zwei sich gänzlich ausschliessende Beschreibungen zulassen und erst die Zusammenschau der beiden «komplemänteren« Beschreibungsmethoden ein vollständiges Bild liefert -von der Atomphysik auf viele andere Gebiete zu erweitern: so diskutierte er chemische Probleme (1930), biologische Prozesse (1932, 1937, 1957, 1962) und das Verhältnis von Physiologie zur Psychologie (1938). Auch in die Untersuchung der menschlichen Kulturen (1938, 1954, 1960) versuchte er, den Komplementaritätsgedanken einzubringen. Bohrs Vorträge und Aufsätze wurden in zwei Bänden mit dem Titel Atomphysik und menschliche Erkenntnis (1958, 1966) gesammelt.

Heisenberg verdankte Bohrs erkenntnistheoretisch-philosophischen Erörterungen wesentliche Einsichten. Bereits in seinen ersten Publikationen für allgemeines Publikum schliesst er sich in Inhalt und Form eng an die Gedankengänge seines Lehrmeisters in der Atomphysik an. Zum 50. Geburtstag von Niels Bohr schreibt er insbesondere:

»Für die Wissenschaftler, die das Glück gehabt haben, eine Zeitlang in Bohrs Institut in Kopenhagen arbeiten zu dürfen ist ein anderer Teil seines Werkes [neben der Physik an sich] fast noch wichtiger: Die Schaffung einer geistigen Mitte, in der sich die verschiedensten Fäden der modernen Naturwissenschaft vereinigen und in Beziehung zu dem allgemeinen philosophischen Untergrund aller Wissenschaft treten. Der ausserordentliche persönliche Einfluss, den Bohr auf seine Schüler ausgeübt hat und ausübt, liegt eben in dieser Einheitlichkeit des Denkens begründet, in dem jede wissenschaftliche Frage ebenso wie das Leben selbst auf die gleiche unveränderliche Mitte bezogen wird. «2

Die angesprochene Mitte bildete natürlich das Komplementaritätsprinzip, das auch in Heisenbergs Denken eine zentrale Stelle einnahm.

Ein zweiter Begründer der modernen Atomphysik, der freilich nicht zu Heisenbergs akademischen Lehrern gehörte, hat ihn vor allem nach 1930 zunehmend durch seine Schriften über das Verhältnis von Physik zu philosophischen, politischen und religiösen Fragen beeinflusst: es war Max Planck (1858-1947), der Vater der Quantentheorie. Planck begann erst mit 50 Jahren, sich über Themen zu äussern, die über den physikalischen Inhalt hinausgingen: 1908 entwickelte er in seinem Leydener Vortrag »Die Einheit des physikalischen Weltbildes« eine polemische Haltung gegen die positivistischen und antiatomistischen Anschauungen Ernst Machs. Weitere Vorträge Plancks tragen bezeichnende Titel wie: »Die Stellung der neueren Physik zur mechanischen Naturanschauung« (1910), »Dynamische und statistische Gesetzmässigkeit« (1914), »Kausalgesetz und Willensfreiheit« (1923), »Positivismus und reale Aussenwelt« (1930), »Ursprung und Auswirkung wissenschaftlicher Ideen« (1933), »Die Physik im Karnpf um die Weltanschauung« (1935), »Religion und Naturwissenschaft« (1937), »Determinismus und Indeterminismus« (1938), »Sinn und Grenzen der exakten Wissenschaft« (1941), »Warum kann Wissenschaft nicht populär sein?» (1942), »Wissenschaftliche Streitfragen« (1945) und »Scheinprobleme der Wissenschaft« (1946). Gerade die Tatsache, dass der weltweit geachtete und integre Gelehrte trotz persönlicher Ablehnung des »Dritten Reiches« in der für die Wissenschaft und die Wissenschaftler schwierigen Zeit nicht verstummte, sondern im Gegenteil seine Vortragstätigkeit ausbaute, gab vielen Fachkollegen und interessierten Laien einen bedeutenden geistigen und moralischen Rückhalt.

Der Entschluss, Deutschland nach 1933 nicht zu verlassen, liess Heisenberg damals näher an Planck rücken, obwohl dieser in der physikalischen Interpretation der Quantenmechanik eher einen entgegengesetzten Standpunkt vertrat. So beendete Heisenberg eine Besprechung des Sammelbandes Wege zur physikalischen Erkenntnis (1933) mit den Worten: »Den Gesamteindruck, den die Lektüre der Planckschen Vorträge hervorruft, möchte der Referent am liebsten dahin zusammenfassen, dass es eben jene religiös-sittliche Lebensauffassung ist, die letzten Endes die Stellung Plancks gegenüber der erkenntnistheoretischen Situation der modernen Physik bestimmt, die es ihm ermöglicht, einen geraden und fast zu sicheren Weg zu gehen auch dort, wo unermessliche erkenntnistheoretische Abgründe rechts und links vom Wege drohen.«3 Mit dem »fast zu sicheren Weg« meinte Heisenberg vor allem Plancks entschiedenes Eintreten für die strenge Gültigkeit des Kausalgesetzes.

Heisenbergs positive Kritik rief den Tadel Paulis hervor: Er schrieb Heisenberg, ihm seien »manche Wendungen in [der] Besprechung des Planckschen Buches unangenehm aufgefallen« - etwa das Zugeständnis Heisenbergs, die von Planck vertretene »Realität der Aussenwelt« sei ein sinnvoller Begriff -und beschwor ihn: »Möge der Geist, der über Plancks wissenschaftlicher Produktion und seinem persönlichen Leben herrscht, in Deinen Publikationen und in Deinem Leben nicht allzu stark überhand nehmen!« (Pauli an Heisenberg, 29. Sep­tember 1933). Pauli, der Planck dessen Polemik von 1908 gegen seinen Taufpaten Mach nie vergab, glaubte »Züge in Plancks Aktivität« zu entdecken, die er »im tiefen - nicht oberflächlichen! - Sinne als schlampig« empfand. Er meinte nun, nicht nur den Wissenschaftler, sondern auch den Politiker Planck kritisieren zu müssen, der sich nach dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten bemühte, einige Kollegen in Deutschland zu halten. Heisenberg stimmte zwar teilweise Paulis Einwänden gegen die Plancksche Philosophie zu, nicht aber dem Tadel von Plancks politischer und moralischer Haltung. So endete seine Buchbesprechung aus dem Jahr 1935:

»Am Schluss betont Planck mit dem ganzen Ernst seiner Persönlichkeit, der ihn über den Bereich wissenschaftlicher Leistung hinaus zum Sprecher der deutschen Naturforschung macht, dass die Wissenschaft durch ihr eigentliches Wesen zur Wahrhaftigkeit erzieht und dass ihr mit dem Hüten dieses Erbes heute die wichtigste und grösste Aufgabe gestellt wird.«5

Heisenberg fand nicht nur in der politischen und menschlichen Haltung Plancks eine Stütze, er nahm selbst zu den Themen von dessen Vorträgen und Aufsätzen Stellung-ja übernahm öfters die Titel -, wenngleich seine Folgerungen gelegentlich von denen des Vorbildes abwichen. Heisenberg wandte sich auch mit Planck gegen die »unentwegten Positivisten a la [Philipp] Frank«, während sein nahezu gleichaltriger früherer Göttinger Kollege Pascual Jordan (1902-1980) sich eindeutig zur positivistischen Methode bekannte. Jordan legte seit den dreissiger Jahren eine grössere Anzahl von Aufsätzen vor, in denen er die philosophischen Konsequenzen aus der Quantenmechanik zu ziehen versuchte. Die Titel seiner Bücher geben Hinweise auf die Richtung, in die Jordan zielte: Physikalisches Denken in der neuen Zeit (1935), Die Physik und das Geheimnis des organischen Lebens (1945), Eiweissmoleküle (1947), Verdrängung und Komplementarität (1947), Atom und Weltall (1952) und Der gescheiterte Aufstand (1956). Jordan überschritt nach 1930 auch die Grenzen des Faches Physik durch seine Beiträge zur Biologie, mit denen er half, die sogenannte Treffertheorie der Gene­tik zu begründen. Jedenfalls galt er seinerzeit als ein Pionier der neuen interdisziplinären Biophysik.

Wolfgang Pauli (1900-1958) stand ebenfalls dem Positivis­mus nahe, besonders aber der erkenntnistheoretisch-kritischen Methode Ernst Machs. »Zur Orientierung der Philosophen möchte ich gleich bemerken, dass ich selbst keiner philo­sophischen Richtung angehöre, die einen mit den Silben >-is­mus< endenden Namen trägt«, gestand er 1954 und erläuterte, er habe die Tendenz, »zwischen extremen Richtungen eine ge­wisse Mitte einzuhalten«6 Pauli veröffent1ichte selbst nur we­nig über allgemeinere philosophische Probleme der Wissen­schaft; so enthalten seine Aufsätze und Vorträge über Physik und Erkenntnistheorie (1961) nur fünf derartige Titel, darunter die wichtigen Aufsätze »Phänomen und physikalische Reali­tät« (1954), »Naturwissenschaftliche und erkenntnistheoreti­sche Aspekte der Idee des Unbewussten« (zu C. G. Jungs 80. Geburtstag, 1954) und »Die Wissenschaft und das abend­ländische Denken« (1955).

Heisenberg profitierte oft entscheidend von der freimütigen Kritik des Freundes an seinen philosophischen Schriften: So veranlasste Pauli an einigen Stellen eine Verschärfung der For­mulierungen im Aufsatz »Der Begriff >abgeschlossene Theorie< in der modernen Naturwissenschaft«7. Heisenberg hat seiner­seits Paulis philosophisehen Auffassungen eine ausfuührliche Darstellung gewidmet8; in ihr weist er besonders auf zwei gänz­lich verschiedene Seiten im Wesen und Denken des Freundes hin: »Die Kraft der Faszination, die von Paulis Analysen physi­kalischer Probleme ausging, entsprang wohl nur zum Teil der bis ins einzelne durchsichtigen Klarheit seiner Formulierun­gen, zum anderen aber auch dem ständigen Kontakt mit dem Bereich produktiver geistiger Vorgänge [im Unbewussten], für die es noch keine rationale Formulierung gibt« 9.

Unter den jüngeren Zeitgenossen Heisenbergs sei hier nur der Schüler Carl Friedrich von Weizsäcker (geboren 1912) ange­führt, dessen Interesse an philosophischen Fragestellungen frühzeitig feststand: er wollte eigentlich Philosophie studieren, aber Heisenberg veranlasste ihn, als Grundlage erst einmal Phy­sik zu lernen. Nach 1940 hat von Weizsäcker systematisch den Schwerpunkt seiner Arbeit auf die erkenntnistheoretische Analyse der neuen Theorien verlegt. In einem seiner ersten grösseren Aufsätze über »Das Verhältnis der Quantenmecha­nik zur Philosophie Kants« schlug er bereits ein zentrales Thema an. Heisenberg, der früher Kant im wesentlichen aus der Diskussion der Kausalitat kennengelernt hatte, erhielt durch seinen Schüler eine gründliche Vorstellung von der kriti­schen Philosophie, die sich an manchen Stellen in seinen eige­nen Vorträgen und Schriften niederschlug.

Man kann sagen, dass seither unter den Physikern die Bereit­schaft zurückgegangen ist, sich mit erkenntnistheoretischen Fragen oder philosophischen Folgerungen ihrer Wissenschaft zu beschäftigen. Andererseits haben die Diskussionen von Nichtphysikern - oft wenig durch genaues Wissen abgestützt -keineswegs aufgehört. Es wäre zu begrüssen, wenn der Aus­tausch von Physik und Philosophie auch in Zukunft zu beider Nutzen auf ähnlichem Niveau fortgesetzt werden könnte wie zu den Zeiten Plancks, Einsteins, Bohrs, Schrödingers und Hei­senbergs.

 

 

Zur Entstehung des Philosophie-Manuskriptes

»Ordnung der Wirklichkeit«

 

Mit der Bemerkung »Ich habe es in den ersten Kriegsjahren niedergeschrieben« umriss Heisenberg selbst die Entstehungs­zeit seines umfangreichen philosophischen Essays (Heisenberg an F. Kraus, 10. Februar 1947). Die Genesis seines Inhalts reicht aber viel weiter zurück. Wir wollen hier einige wesentliche Aspekte aus dieser Entstehungsgeschichte zusammenstellen.

Heisenberg begann unmittelbar nach seiner Entdeckung der Unschärferelationen (1927) über grundsätzliche Folgerungen nachzudenken, die sich aus ihnen für die menschliche Erkennt­nis der Natur ergaben. Bezeichnenderweise richtete sich sein erster erhaltener Vortrag dieser Art, »Erkenntnistheoretische Probleme in der modernen Physik« (1928), an die Philosophen:

Er skizziert darin die Schwierigkeiten, die die Ergebnisse von Relativitätstheorie (neue Auffassung von Raum und Zeit) und Quantentheorie (Komp1ementarität, Unschärfere1ation) der durch Kant formulierten klassischen Erkenntnistheorie berei­teten10. Besonders das Verhältnis von Kausalgesetz und Quan­tenmechanik beschäftigte Heisenberg in den dreissiger Jahren, angefangen mit seinem programmatisehen Vortrag bei der Kö­nigsberger Naturforscherversammlung von 1930 11. Daneben berichtete er gelegentlich von den vor allem von Niels Bohr vorgetragenen Erweiterungen der Komplementaritätsidee über die Atomphysik hinaus (Biologie, Psychologie) und for­mulierte seine Vorstellung von »abgeschlossenen Systemen« in der Physik, d. h. von Theorien, die mit einer gewissen Konsi­stenz und Vollständigkeit bestimmte Erfahrungsbereiche der Physik wiedergeben12

Heisenbergs vermehrte Vortragstätigkeit nach 1933 ausserhalb reiner Fachtagungen stand im Zusammenhang mit den ideologischen Angriffen, die von einflussreichen Stellen im »Dritten Reich« gegen die modernen physikalisehen Theorien und ihre Vertreter gerichtet wurden. Heisenberg nahm einen hervorragenden Platz in der Verteidigung der als »jüdisch« abqualifizierten Physik ein. Die Auseinandersetzung, die Ge­legenheit bot, die erkenntnistheoretischen Grundlagen zu ver­tiefen und die philosophischen Konsequenzen klarer darzustel­len, endete schliesslich in den ersten Jahren des Zweiten Welt­krieges mit einem Rückzug der gegnerischen, der sogenannten »Deutschen Physik«, die von Philipp Lenard, Johannes Stark und ihren Anhängern propagiert worden war13.

Die dunkle, für Heisenberg auch persönlich und beruflich gefährliche Zeit von 1933 bis 1939 wurde durch Auslandsauf­enthalte bei Freunden wie Niels Bohr in Kopenhagen und Wolfgang Pauli in Zürich aufgehellt, ebenso durch den Verkehr mit gleichgesinnten Kollegen in Deutschland. Ein kleiner Kreis von Professoren der Leipziger Universität, dem Heisenberg angehörte, erlaubte einen entspannten und lehrreichen Aus­tausch über Fragen, die über den engen Bereich der Spezialge­biete hinausgingen. Zu diesem »Coronella« genannten Kreis zählten neben Heisenberg der Kunsthistoriker Theodor Het­zer, der nordische Philologe Konstantin Reichardt, die Histo­riker Helmut Berve und Hermann Heimpel, der Archäologe Bernhard Schweitzer und die Altphilologen Friedrich Klingner und Wolfgang Schadewaldt. Man traf sich regelmässig privat zu Vorträgen - die öffentlichen Akademievorträgen entsprachen oder Generalproben fur diese darstellten - und anschliessender zwangloser Diskussion. Heisenberg hat später die Verbindung mit den Mitgliedern der »Coronella« über lange Jahre aufrecht­erhalten.

Am 1. September 1939 begann der Krieg, und Heisenberg wurde einige Wochen später zum Heereswaffenamt nach Berlin einberufen. Man verpflichtete ihn, am geheimen deutschen Uranprojekt mitzuarbeiten und zunächst zu erkunden, ob man die Spaltung des Urankernes in einer Kettenreaktion fur die Energiegewinnung oder Sprengstoffherstellung ausnutzen könne. Heisenbergs grundlegende theoretische Untersuchun­gen (Dezember 1939, Februar 1940) liessen die Möglichkeit einer Energieerzeugung zu; die bis Anfang 1942 an verschiede­nen Instituten im Deutschen Reich-besonders auch von Robert und Klara Döpel mit Heisenberg in Leipzig - durchgeführten Probemessungen zeigten, dass eine »Uranmaschine« mit Na­tururan und schwerem Wasser (als Moderator) funktionieren würde. Als sich dieser Erfolg abzeichnete, schrieb Heisenberg an den »Coronella«-Kollegen Heimpel, dem er für den ihm zu­gesandten Band Deutsches Mittelalter dankte:

»Sehr gefallen hat mir in Ihrem Buch die Stelle über das Zeit­gefühl des Mittelalters, im Gegensatz zu unserer Epoche. Dabei kam mir im Augenblick der Gedanke, es könnte sich in naher Zukunft noch einmal eine solche Umwandlung vollzie­hen. Denn vielleicht erkennen wir Menschen eines Tages, dass wir tatsächlich die Macht besitzen, die Erde vollständig zu zerstören, dass wir also durch eigene Schuld durchaus einen

>jüngsten Tag< oder so etwas, was ihm nahe verwandt ist, her­aufbeschwören können. Doch es ist wohl noch Phantasterei, das zu denken.« (Heisenberg an Heimpel, 1. Oktober 1941)

Die »Phantasterei« - Heisenberg meinte wohl die Atombombe - lag näher, als er sich vorstellte. In Deutschland blieb es aller­dings den Physikern erspart, den Weg zur Bombe einzuschla­gen.

Die intensiven Bemühungen der ersten beiden Kriegsjahre um das Uranprojekt, für die Heisenberg ständig zwischen Leipzig und Berlin hin- und herreiste, liessen ihm wenig Zeit, an anderen Problemen seiner Wissenschaft und darüber hinaus zu arbeiten. Allerdings brachte es seine Stellung als Berater am Kaiser Wilhelm-Institut für Physik - in dem damals die zentrale Leitung der deutschen Uranarbeiten vom Heereswaffenamt eingerichtet worden war - mit sich, dass er während der Semester dort Kolloquien über verschiedene Themen einrichten konnte, so im Sommersemester 1941 ein »biologisch-physikalisches Kol­loquium« mit Vorträgen über Strahlungsbiologie (Referenten U. a. N. W. Timofe'eff-Ressovsky, Ernst Zimmerund Karl Friedrich Bonhoeffer) und die »Physik bzw. Chemie der Eiweissstoffe« (Referenten U. a. Adolf Butenandt, Karl Wirtz, Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker). Zu diesen Kolloquien lud Heisenberg auch Pascual Jordan ein, der damals beim Flug­stützpunktkommando Bremen-Neuenlanderfeld Militärdienst tat. Weitere Kolloquien beschäftigten sich mit kosmischer Strahlung und Elementarteilchentheorie (ab Wintersemester 1941/42); ein Teil dieser Vorträge wurde ausgearbeitet und in dem Buch Kosmische Strahiung 1943 veröffentlicht.

Die Kriegsarbeit und die Nebenbeschäftigungen schränkten Heisenbergs Vortragstätigkeit etwas ein. Auf einer seiner weni­gen Auslandsreisen während der ersten Kriegsjahre sprach er am 5. Mai 1941 in Budapest über »Die Goethe'sche und die Newton'sche Farbenlehre im Lichte der modernen Physik« 14 Das Thema war ihm nicht neu, denn Elisabeth Heisenberg erin­nert sich:

»Als wir heirateten, zeigte mir mein Mann eines Tages Bil­der, die er wohl verwahrt in seinem Schreibtisch liegen hatte. Es waren einzelne Blumenbilder, die aber offensichtlich in einem inneren Zusammenhang standen. Diese Bilder waren gemalt von der Leipziger Malerin Hildegard Kress. Sie hatte in der Akademie einen Vortrag meines Mannes gehört über die Goethe'sche Farbenlehre und war derart inspiriert da­von, dass sie diese Bilder malte nach den gehörten Prinzipien aus der Farbenlehre. Dann schenkte sie sie meinem Mann, das muss etwa 1935 gewesen sein.«15

 

Heisenbergs Budapester Vortrag und seine entsprechende Veröffentlichung hatten eine ziemlich grosse Resonanz, die den Autor anregten, sich wieder häufiger mit ähnlichen Themen zu beschäftigen. Jedenfalls sprach er in den nächsten eineinhalb Jahren wenigstens viermal vor einem breiteren Publikum, nämlich über »Die Einheit des naturwissenschaftlichen Welt­bildes« (Leipzig, 26. November 1941), »Das physikalische Weltbild« (erweiterter Leipziger Vortrag, Ort und Zeit unbe­kannt), »1OO Jahre Energiegesetz« (Rundfunkrede, August 1942) und »Über das Weltbild der Naturwissenschaft« (erneut erweiterte Variante des Leipziger Themas, wohl in Zürich am 27. November 1942 vorgetragen) 16 Diese Vorträge enthalten, wie auch der von Budapest über die Farbenlehre, wesentliche Gedanken, die dann im Philosophiemanuskript (»Ordnung der Wirklichkeit«) verwendet oder weiter ausgeführt wurden; z. B. schliesst der letztgenannte Vortrag wie das Philosophiemanu­skript mit dem Zitat des Märchens über die Dauer der Ewigkeit.

Der naheliegende Schluss, der Autor habe das Philosophie­manuskript Mitte bis Ende 1942 beendet, wird durch weitere Einzelheiten in seinem Inhalt gestützt. So zitiert Heisenberg im Abschnitt über »Symbol und Gestalt« die Meinung des Biolo­gen Konrad Lorenz, die Kantschen »a-priori«-Anschauungs­formen seien als »angeborene Schemata« des Menschen aufzu­fassen und den Instinkthandlungen der Tiere gleichzusetzen; diese Ansicht wurde von Lorenz ausführlich im Februar 1942 in der Zeitschrift »Die Naturwissenschaften« dargelegt 17 Die Da­tierung ins Jahr 1942 deckt sich mit der Erinnerung von Frau Heisenberg, ihr Mann hätte das Manuskript im Kreise seiner Familie niedergeschrieben; diese folgte nämlich Heisenberg im Herbst 1942 nicht nach Berlin, sondern zog (etwas später) nach Urfeld in Bayern18

Den Beginn der Niederschrift des Manuskriptes darf man um die Zeit des Budapester Vortrages vom Mai 1941 ansetzen, zu­mal er an dessen Ende die im Manuskript verwendete »Organi­sation der Wirklichkeit« zitiert. Einige Passagen aus der Einlei­tung lassen sogar daran denken, dass Heisenberg den Hauptteil in den Sommerferien 1941 und 1942 in Urfeld ausarbeitete, wo er 1939 das ehemalige Haus des Malers Lovis Corinth gekauft hatte. Frau Heisenberg bestätigte jedenfalls, dass er sehr kon­zentriert und »mit grossem Engagement« schrieb. Im Herbst 1942 ging Heisenberg nach Berlin, um das geplante Grossexperi­ment für den Uranreaktor vorzubereiten. In der Tat begann für ihn nun wieder eine unruhige, hektische Zeit, die kaum Gele­genheit zu philosophischen »Extratouren« bot.

 

 

Anmerkungen zum Inhalt und Folgerungen

 

Der Physiker wird sich zunächst über die wichtige Rolle wun­dern, die der Autor dem grossen Dichter und »Amateurwissen­schaftler« Goethe bei der Organisation seiner Gedanken zu­weist. Heisenberg verehrte Goethe schon seit frühester Ju­gend. Als er im Juni 1925 nach Helgoland fuhr - um seinen Heuschnupfen zu kurieren und die Quantenmechanik zu ent­decken - befand sich der »West-östliche Diwan« in seinem Rei­segepäck. Heisenberg besass später das Gesamtwerk des Dich­ters in seiner Bibliothek; er las die grossen Romane ebenso sorgfältig wie alle Dramen; er kannte den Faust und viel Lyrik (auswendig) und Eckermanns Gespräche; in der Familie wur­den die verschiedenen Versionen der »Italienischen Reise« vorgetragen. »Goethe hat ihn durch sein ganzes Leben beglei­tet.« (E. Heisenberg)

Woher aber stammt die Wertschätzung auch des Physikers Goethe? Urteilt doch Heisenberg über dessen berühmten Streit mit dern Physikheroen Newton:

»Allen denen, die sich in neuerer Zeit mit der Goethe'schen und Newton'schen Farbenlehre beschäftigt haben, ist es klar gewesen, dass sich offenbar nicht viel Einsicht gewinnen lässt durch die Untersuchung der Frage, welche der beiden Lehren richtig oder falsch sei. Zwar lässt sich eine Entscheidung hier­über in allen sachlichen Einzelheiten fällen, und die naturwis­senschaftliche Methode Newtons trägt an den wenigen Stel­len, an denen ein wirklicher Widerspruch vorliegt, wohl den Sieg über die intuitive Kraft Goethes davon. Aber die beiden Theorien handeln eben im Grunde von verschiedenen Din­gen, und es bleibt eher die Frage übrig, wie es möglich ist, dass mit dem Begriff Farbe so verschiedene Gegenstände ver­knüpft werden können.«19

Die Vorstellung, die sich Heisenberg vorher von den verschiede­nen physikalischen Theorien, die er als »abgeschlossene Sy­steme« bezeichnete, gemacht hatte, liess sich nun in der Tat auch auf Systeme ausserhaib der Physik übertragen. Wie sich ver­schiedene »abgeschlossene« physikalische Theorien in be­stimmten Folgerungen widersprechen konnten - auch solche, die denselben Gegenstand behandelten wie die klassische und die Quantenmechanik -, so durfte das auch bei anderen Syste­men zutreffen. Es hatte wirklich keinen Sinn, grundsätzlich zu fragen, welche Lehre richtig sei: bei Newtons und Goethes Far­benlehre musste es sich einfach um verschiedene »Ebenen der Beschreibung«, also um verschiedene »Ordnungen der Wirk­lichkeit« handeln.

Zu beachten bleibt freilich, dass Heisenberg das System der gesamten »Ordnung der Wirklichkeit« von Goethe übernahm. Das mag einerseits an seiner Vorliebe für die Schriften des Dichters liegen, andererseits an seiner grundsätzlichen Über­zeugung: »Es ist wohl richtiger zu glauben, dass allen wirklich grossen Naturforschern auch die Sprache der Dichtung wohl ver­traut gewesen ist«20. Der Dichter gibt daher die Ordnung der Themen, also: »Zufällig, Mechanisch, Physisch, Chemisch, Organisch, Psychisch, Ethisch, Religiös, Genial«, der Natur­forscher füllt sie mit Inhalt.

Wenn man Heisenbergs Ausführungen mit denen seiner Fachkollegen und Vorbilder (Planck, Bohr) vergleicht, so fällt die Bedeutung auf, die er der Sprache beimisst. Für den Enkel des Altphilologen Nikolaus Wecklein und den Sohn des Byzan­tinisten August Heisenberg mag diese Betonung der grund­legenden Funktion der Sprache eigentlich als natürlich erschei­nen; dass aber schon der junge Heisenberg den entscheidenden Wert der Sprache in seinen physikalischen Entdeckungen im­mer wieder herauskehrte, muss auffallen. Allerdings hat der Begriff »Sprache« bei ihm eine viel umfassendere Definition, wie der Autor ausführlich in Abschnitt 1.2 seines Essays ausein­andersetzt: sie bedeutet zugleich auch jede Abbildung der Wirklichkeit, etwa die der physikalischen Phänomene durch die mathematischen Formeln der theoretischen Physik. Ver­schiedene Sprachen sind dann einfach unterschiedliche Abbil­dungen entweder derselben Wirklichkeitsbereiche - wie im Falle der atomphysikalischen Erscheinungen durch die Göttin­ger Quantenmechanik und die Wellenrnechanik-oder verschie­dener Bereiche. Wichtig ist Heisenbergs Ausgangspunkt: »Je­der Bereich der Wirklichkeit kann schliesslich in der Sprache abgebildet werden. Der Abgrund, der verschiedene Bereiche trennt, kann nicht durch logisches Schliessen oder folgerichtiges Weiterentwickeln der Sprache überbrückt werden.« (S. 45 die­ser Ausgabe)

Bei Heisenbergs verschiedenen »Ordnungen der Wirklich­keit« handelt es sich sowohl um verschiedene »Bereiche der Wirklichkeit« als auch um verschiedene »Idealisierungen der Wirklichkeit«, denn eigentlich gibt es für den Menschen nur eine einzige Welt (Wirklichkeit), die ihm gegenübertritt21. Der erste Bereich »Klassische Physik« (Abschnitt 11.2) umfasst Me­chanik, Elektrizität und Magnetismus und die Lehre von Raum-Zeit-Kontinuum einschliesslich der Gravitation der Ma­terie (d. h. die Spezielle und die Allgemeine Relativitätstheorie sowie ihre Konsequenzen für den Aufbau der Welt im Grossen) Die Wärmelehre und das chemische Verhalten bilden den zwei­ten Ordnungsbereich »Chemie«, dessen Gesetzmässigkeiten durch die diskontinuierliche, atomare Struktur der Materie, die Quantenrnechanik und den teilweisen Einbruch des Zufalls in die physikalische Beschreibung bestimmt werden (Abschnitt 11.3). Die klassische Physik und die oben definierte Chemie beschreiben viele, aber nicht alle Eigenschaften des dritten Be­reichs »Organisches Leben«; in ihm stellt »das Ganze« viel­leicht rnehr dar als die blosse »Summe aller Teile«, gibt es doch zielgerichtete Selektion und Evolution ebenso wie vererbte Verhaltensweisen (Abschnitt 11.4). Noch weniger scharf defi­nieren lässt sich der fünfte Bereich, »Das Bewusstsein«: Dieses hebt menschliches Handeln vom rein biologischen Mechanis­mus ab und liegt selbst den höheren geistigen und seelischen Vorgängen zugrunde (Abschnitt 11.5). Hier, wie in den letzten, obersten Bereichen »Symbol und Gestalt« (Abschnitt 11.6) und »Die schöpferischen Kräfte« (Abschnitt 11.7), entwickelte Hei­senberg eine Reihe von Vorstellungen, die weit über das hin­ausgehen, was seine Vorgänger und Nachfolger behandelten. Ja, er scheute sich sogar nicht, gelegentlich seinem verehrten Lehrer Bohr zu widersprechen (etwa im Abschnitt II.6a über die Vererbbarkeit geistiger Begabung).

Der kurze, abschliessende Teil III, der keine Überschrift trägt, fällt etwas aus dem Rahmen und Stil des Essays heraus, indem er den objektiven Ordnungen des Teils II - und den ebenfalls im wesentlichen rein sachlichen Vorbernerkungen des Teils I - eine mehr individuelle und zugleich politisch-mora­lische Dimension hinzufügt. Hier enthüllt der Autor seine per­sönliche Haltung zu den Problemen des Tages, auch wenn er sie in grossen, die Zeiten übergreifenden Zusammenhänge stellt. Eigentlich kann man den Beginn dieser Ausführungen schon früher ansetzen, etwa im Abschnitt 11.6, wo Heisenberg von den Kräften spricht, die menschliche Gemeinschaften zusam­menhalten, wobei er mit dem »primitiven Gefühl der gleichen Rasse, das schon im Tierreich geläufig ist«, anfängt, dann die »gemeinsame Sprache«, und schliesslich als »selbst Völker ver­schiedener Rasse und Sprache zusammenschweissende« noch stärkere Kräfte den »gemeinsamen Glauben« und vor allem das »gemeinsame Recht« erwähnt (S. 152). In den Auseinan­dersetzungen des Zweiten Weltkrieges stützten sich Deutsch­land, Russland und Japan auf eine »Ideologie, die sich eng an die alte Ideologie der Nationalstaaten anlehnt«, die Angelsach­sen dagegen auf »das gemeinsame Recht und der aus ihm erblühenden Wohlstand« (S. 153). Der Autor verhehlt keineswegs seine persönliche Einstellung zu den sich damals bekämpfen­den Bewegungen, wenn er etwa im Abschnitt 11.7 den Natio­nalsozialisrnus eine »merkwürdige Diesseitsreligion« nennt, das die angelsächsische Welt vereinigende Band dagegen wie folgt charakterisiert: »Diese andere Bindung knüpft an die Er­lebnisse der ersten grossen Geister der beginnenden Neuzeit an, die neben der aus der Offenbarung stammenden christ­lichen Wirklichkeit noch jene andere objektive Realität ent­deckten, die dann in der entstehenden Naturwissenschaft der Neuzeit ihren Siegeszug angetreten hat.« (S. 161 - 162)

Man hat gelegentlich im Kriege und nachher vor allem im Ausland Vermutungen über die politische Haltung Werner Heisenbergs angestellt, vorzüglich über die Art, in der er Mass­nahmen der nationalsozialistischen Regierung unterstützte. Während manche Vermutungen - darunter die, er habe die Atombombe für Hitler bauen wollen - durch die Tatsachen ein­deutig widerlegt wurden, zeigen bereits die oben zitierten Äusserungen aus »Ordnung der Wirklichkeit«, dass die Sympa­thien des Physikers Heisenberg keineswegs der »merkwürdi­gen Diesseitsreligion«, sondern natürlich der durch die »ersten grossen Geister der beginnenden Neuzeit entdeckten objekti­ven Realität« galten. In den Schlussbemerkungen (Teil III) des Essays wird er noch deutlicher, wenn er von der Pflicht spricht, »Zerstörtes aufzubauen und den anderen Menschen, über den Lärm der Leidenschaften hinweg, Vertrauen zu schenken« (S. 172); auch sollten »die wenigen, für die die Welt noch leuchtet«, die Führung übernehmen, denn: »Wir müssen uns immer wieder klar machen, dass es wichtiger ist, dem anderen gegen­über menschlich zu handeln, als irgendwelche Berufspflichten, oder nationale Pflichten oder politische Pflichten zu erfüllen«.

(S. 173)

Heisenberg hat tatsächlich auch in den letzten Kriegsjahren versucht, sich an diese Maximen zu halten: seine Handlungen in Deutschland und ausserhalb - etwa bei Besuchen in den von Deutschen besetzten Ländern - bestätigen dies. Und noch eine weitere politische Vorstellung kann man den Schlussbemerkun­gen des Essays entnehmen. Der Autor denkt darin über die zukünftige Gestaltung der Welt nach, in der »die Wissenschaft eine noch wichtigere Rolle spielen wird als bisher«. Er weist vor allem der reinen Wissenschaft die grösste Bedeutung zu und äussert: »Solange dieser zentrale Bereich der Wissenschaft un­angetastet bleibt, ist wohl auch die Gefahr nicht allzugross, die dadurch heraufbrechen wird, dass wir die Kräfte der Natur in viel höherem Masse beherrschen als frühere Zeiten«. (S. 174). Wir wissen, dass sich diese Hoffnung Heisenbergs nicht erfüllte, gerade dort, wo im Kriege das »höhere Mass der Naturbeherr­schung« erreicht wurde. Noch heute nützt der Mensch die neue, aus der Naturwissenschaft wachsende Macht nach den her­kömmhchen Prinzipien der niederen politischen Moral. Aber Heisenberg blieb stets Optimist, der glaubte: »Die Fähigkeit des Menschen zu verstehen [er meinte auch: zu lernen  ist unbe­grenzt«. (S. 45).

Dem aufmerksamen Leser wird ohne weiteres deutlich, warum dieser philisophische Essay Heisenbergs vor dem Ende des nationalsozialistischen Deutschlands nicht veröffentlicht werden konnte. Sein Umfang und seine »zu persönliche« Na­tur veranlassten den Autor, auch nach dem Krieg von einer Pu­blikation abzusehen. Einerseits verschärfte und erweiterte er manche, vor allen Dingen die physikalischen und chemischen Abschnitte 11.2 und 11.3 betreffende, Aussagen in späteren Auf­sätzen und Vorträgen22. Andererseits mussten manche Aussa­gen, etwa im Abschnitt über das organische Leben (11.4), ange­sichts der neuen mikrobiologischen Erkenntnisse eingeschränkt werden. Heute, über 45 Jahre nach seiner Entstehung aber tre­ten die zeitbezogenen ebenso wie die persönlichen Elemente zurück gegenüber der historischen Bedeutung des Dokumen­tes. »Ordnung der Wirklichkeit« ist trotz aller Einschränkungen und Einwendungen der grosse Entwurf einer »Weltanschau­ung«, und stellt zugleich ein philosophisch-erkenntnistheoreti­sches Testament und ein ehrliches Bekenntnis des grossen Physi­kers Werner Heisenberg dar.

Das Philosophiemanuskript existiert in einer Urschrift und zwei maschinengetippten Abschriften, die geringfügig vonein­ander abweichen. 23 Dem hier abgedruckten Text wurde die Hei­senbergsche Urschrift zugrunde gelegt, die gegenüber den Schreibmaschinenabschriften einige Verbesserungen enthält. Frau Elisabeth Heisenberg danke ich herzlich für ihre Mühe, mit der sie die Frage der Entstehung und des Umfeldes des Philo­sophiemanuskriptes zu klären half, den Herren Professoren Klaus Gottstein, Hermann Heimpel, Friedrich Hund und Carl Friedrich von Weizsäcker sowie Herm Dr. Gerald Wiemers für hilfreiche Hinweise, Herrn Dr. Walter Blum und Frau Barbara Blum und nicht zuletzt Herrn Ulrich Wank für die kritische Durchsicht.

 

München, im Juli 1988

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Anmerkungen

 

1 Die Zitate aus den Pauli-Briefen stammen aus Wolfgang Pauli: Wissen­schaftucher Briefwechsel/Scientific Correspondence, Band 1 und Band 2 (Springer-Verlag, Berlin-Heidelberg-New York-Tokyo, 1979 und 1985).

2 W. Heisenberg, Niels Bohr zum fünfzigsten Geburtstage am 7. Oktober

1935. Naturwissenschaften 23, 679 (1935); wieder abgedruckt in Werner Heisenberg: Gesammelte Werke/Collected Works, Band CIV (R. Piper Ver­lag, München-Zürich, 1986), S. 41.

3 W. Heisenberg, Max Planck: Wege zur physikalischen Erkenntnis (Buchbe­sprechung). Naturwissenschaften 21, 608 (1933); wieder abgedruckt in Ge­sammelte Werke CIV, S. 239.

4 Siehe Zitat 1, Band 2, S. 214.

5 W. Heisenberg, Max Planck: Physik im Kampf urn die Weltanschauung (Buchbesprechung). Naturwissenschaften 23, 321(1935); wieder abge­druckt in Gesammelte Werke CIV, S. 240.

6 W. Pauli, Phänomen und physikalische Realität, in Wolfgang Pauli: Auf­sätze und Vorträge über Physik und Erkenntnistheorie (Fr. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1961), SS.93-101, bes. S. 93.

7 W. Heisenberg, Der Begriff »abgeschlossene Theorie« in der modernen Naturwissenschaft. Dialectica 2, 331-336 (1948), wieder abgedruckt in Ge­sammelte Werke CI (R. Piper Verlag, Mu~nchen 1984), SS. 335-340.

8 W. Heisenberg, Wolfgang Paulis philosophische Auffassungen. Naturwis­senschaften 46, 661-663 (1960); wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CIV, S. 113-115.

9 Zitat 8, S. 113. Pauli bezog sich insbesondere auf C. G. Jungs Archetypen und benutzte gelegentlich die Symbolik der Alchemisten.

10               W. Heisenberg, Erkenntnistheoretische Probleme in der modernen Physik. In Gesammelte Werke CI, SS.22-28.

11               W. Heisenberg, Kausalgesetze und Quantenmechanik. Erkenntnis, zu­gleich Annalen der Philosophie 2, 172-182 (1931); wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CI, SS.29-39.

12               Siehe dazu Heisenbergs Vortrag auf der Hannoverschen Naturforscherver­sammlung von 1934: »Wandlungen der Grundlagen der exakten Naturwis­senschaft in jüngster Zeit«, veröffentlicht in Angewandte Chemie 47, 697-702 (1934), wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CI, SS.96-101.

13               Siehe auch den Aufsatz: W. Heisenberg, Die Bewertung der »modernen theoretischen Physik«, von 1940, veröffentlicht in Zeitschrift für die gesamte Naturwissenschaft 9, 202-212 (1943).

14               W. Heisenberg, Die Goethe'sche und die Newton'sche Farbenlehre im Lichte der modernen Physik. Geist der Zeit. Wesen und Gestalt der Völker (Hochschule im Ausland), Neue Folge, 19, 261-275 (1941); wieder abge­druckt in Gesammelte Werke CI, SS.146-160.

15  Es ist nicht gelungen, den genauen Zeitpunkt von Heisenbergs Vortrag über Goethes Farbenlehre an der »Leipziger Akademie« zu finden. Die Datierung ins Jahr 1935 erhält aber eine gewisse Bestärkung durch den Inhalt der Besprechung von Plancks Broschüre, Zitat 5; dort erwähnt Hei­senberg explizit Goethe und Newton als Naturforscher entgegengesetzter Natur, obwohl der Vergleich bei Planck nur eine untergeordnete Rolle spielt.

16  Die genannten Vorträge sind wieder abgedruckt in Gesammelte Werke CI,

SS.161-192, 193-201, 202-206 und 207-215.

17  Siehe K. Lorenz: »Induktive und teleologische Psychologie«, veröffentlicht in Naturwissenschaften 30,133-143 (1942). Heisenberg zitiert die Vorstel­lung von Lorenz auch im letzten der in Zitat 16 erwähnten vier Vorträge, in der Züricher Vorlesung vom Oktober 1942.

18  »Später als 1942 wurden die Zeiten doch derart unruhig und schwierig, dass zu einer solchen >Extratour< weder Zeit noch Kraft vorhanden war«. (E. Heisenberg an H. Rechenberg, 12.4.1984).

19  W. Heisenberg, Zitat 14, S. 265.

20  W. Heisenberg, Zitat 14, S. 267.

21  So kann etwa die klassische Physik ausser durch ihre einzelnen Gebiete da­durch bestimmt werden, dass »wir von dem Erkenntnisverfahren [d. h. der Beobachtungsmethode], das uns über die Wirklichkeit unterrichtet, ganz absehen können« (S. 59 dieser Ausgabe).

22  Siehe etwa den Aufsatz über die »abgeschlossenen Theorien«, Zitat 7, oder die Gifford - Vorlesungen Physik und Philosophie.

23  Unter den maschinengetippten Abschriften ist die eine wohl später nach Korrekturen (die zumeist ins handschriftliche Original eingetragen sind) angefertigt worden.

24  Schreibweise und Interpunktion des Autors wurden nach Möglichkeit - so­weit es sich nicht um eindeutige Fehler handelt oder das Verständnis des heutigen Lesers unnötig erschwert wird - beibehalten.

 

I.

Wer sein Leben für die Aufgabe bestimmt, einzelnen Zusammenhängen der Natur nachzugehen, der wird von selbst immer wieder vor die Frage gestellt, wie sich jene einzelnen Zusammenhänge harmonisch dem Ganzen einordnen, als das sich uns das Leben oder die Welt darbietet. Zwar wird ihm vielfach das Forschen nach einzelnen Naturgesetzen ein unendlich spannendes Spiel sein, das um so glücklicher macht, je sicherer er die Regeln der Natur zu beherrschen glaubt, aber im Laufe eines Lebens würde auch das abwechslungsreichste und noch so kunstvoll geführte Spiel inhaltslos, wenn es sich nicht auf das Aligemeine bezöge. So kreisen die Gedanken immer wieder um das Problem, wie jenes Ganze zusammenhängt, das wir Welt oder Leben nennen (-je nachdem wir uns aus- oder eingeschlossen denken-), und an welcher Stelle in diesem Ganzen die besonderen Zusammenhänge stehen, denen etwa ein grosser Teil der Lebensarbeit gilt. Diese Frage steht mit einer anderen, weiteren Aufgabe im Zusammenhang:

Immer dann, wenn an einer besonderen Stelle des geistigen Lebens eine grundlegende neue Erkenntnis in das Bewusstsein der Menschen tritt, muss die Frage, was denn eigentlich die Wirklichkeit sei, von neuem geprüft und beantwortet werden. In der Geschichte der Menschen heben sich verschiedene Epochen heraus, in denen die Struktur der Wirklichkeit deutliche Änderungen durchgemacht hat. Dabei kann die Frage unentschieden bleiben, ob diese Strukturänderung ihren Grund in einer neuen Erkenntnis gehabt habe, oder ob die neue Erkenntnis erst durch die Änderung in der Struktur der Wirklichkeit möglich geworden sei. Jedenfalls ahnen wir einen sinnvollen Zusammenhang, wenn wir erfahren, dass etwa in der beginnen den Neuzeit drei scheinbar völlig unabhängige, aber innerlich verwandte Ereignisse zeitlich eng beieinander liegen: die erste Fahrt des Columbus nach Amerika, die Gespräche zwischen Luther und Zwingli über die Frage, ob im Abendmahl das Brot der Leib Christi sei oder ihn bedeute, und die Entdeckung des Kopernikus.

Viele Anzeichen deuten darauf hin, dass auch in unserer Zeit eine tiefgehende Änderung der Wirklichkeit sich vorbereite. Die stürmischen und fruchtbaren Jahre nach dem letzten Weltkrieg haben die ersten Wellen einer neuen geistigen Luft in unsere nur scheinbar sichere Welt geweht, und niemand weiss, was nach den jetzt beginnenden Kriegen für die Mensehen «wirklich» sein wird. Es kann kaum Zufall sein, dass sich in den letzten Jahrzehnten auch innerhaib der Naturwissenschaften das Bild der Wirklichkeit grundlegend gewandelt hat. Selbst wenn wir den Zusammenhang dieser Wandlung mit jenen grösseren Veränderungen noch nicht durchschauen, so mag zu irgendeiner späteren Zeit das Verständnis dieser besonderen Vorgänge in der Naturwissenschaft einer allgemeinen geistigen Entwicklung die Wege ebnen. So wird unserer Zeit die Aufgabe gestellt, die allgemeinen Züge der modernen Naturwissenschaft als natürliche Folgerung einer bestimmten Stellung zur Wirklichkeit zu erkennen. Um diese Stellung zur Wirklichkeit soll es sich hier handeln, obwohl sie auch wieder nur Ausdruck einer Zeit und ihrer Hoffnungen sein kann.

 

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1. Die verschiedenen Bereiche der Wirklichkeit

 

Dass die uns umgebende Welt einfach und einheitlich sei - ein Garten, den wir von der Geburt bis zum Tod durchwandern, uns gewachsen zur Lust oder zur Beschwerde -, das wird uns heute nicht mehr gelehrt. Zu Bedenken und Zweifeln an dieser Einfachheit durch die Wissenschaft geneigt oder durch die Stürme der Zeit gezwungen, besinnen wir uns darauf, dass sich schon in unserem eigenen Leben die Wirklichkeit mehrfach geändert hat - nicht nur allmählich, wie eine Landschaft, die wir durchwandern, sondern plötzlich und unvorhergesehen; dass diese Veränderungen vielleicht eine tiefe Beunruhigung im Bewusstsein hervorgerufen, vielleicht die harmonische Einheit unseres Lebens gefährdet haben.

Die Kindheitserinnerungen reichen zurück in eine in Raum und Zeit eng begrenzte Welt; eine Welt, in der »Bedeuten« und »Sein« noch nicht getrennt waren und in der wir mit magischer Kraft die Wirklichkeit nach unseren Wünschen und Vorstellungen formen konnten. Wie war das doch damals: Der Faden aus dem Nähkorb der Mutter, auf den Boden gelegt, ist das hohe Seil des Akrobaten, der am vergangenen Sonntag auf dem Jahrmarkt seine Kunststücke zeigte; und ich bin der Akrobat. Em Stück Holz ist das Pferd, das mich als Reiter trägt. Es ist wirklich das Pferd, die materiellen Eigenschaften des Steckens sind nur Schein. Im Lauf der Jahre weitet sich die Welt in Raum und Zeit, die magische Kraft zum Verwandeln wird geringer, durch mancherlei Erfahrungen gezwungen räumen wir auch der materiellen Gesetzmässigkeit ihren Platz in der Wirklichkeit ein. Aber noch ist diese Wirklichkeit die einfache Fortsetzung jener von uns geformten kindlichen Welt.

Da erscheint in unserer Erinnerung ein anderer Tag: Das Kind besteigt eines Morgens wie schon so oft die Schaukel im heimatlichen Obstgarten und schaut über die Wiesen hinunter zum Fluss und auf die Höhen am anderen Ufer. Alles ist wie früher. Doch auf emmal fängt der Kirchturm drüben jenseits der Brücke an, in der Sonne zu glänzen. Das Leuchten breitet sich aus Über die Brückenpfeiler und die Pappeln in der schrägen Wiese, es steigt mit den Windungen des Feldweges hinauf bis zum grossen Holzlager und von dort zum Buchenwald auf der Höhe, bis sich wie mit einem Zauberschlag die ganze Welt verwandelt hat. Zum ersten Mal, wenn auch nur für kurze Zeit, betritt das Kind den neuen Bereich der Wirklichkeit, in dessen Allerheiligstem später die Liebe wohnt. Es wird noch manche Jahre dauern, bis die kindliche Welt ganz versunken ist, aber zwischen der Wirklichkeit, die das Kind umgibt, und jener späteren gibt es keinen allmählichen Übergang. Der Ton der Silbersaite, von der Gottfried Keller gesungen hat, kann von keiner anderen Saite erklingen.

Auch in die Jahre des tätigen Schaffens, in denen dem er wachsenen Manne neue Erfahrungen kaum mehr die Welt verändern, kann eine plötzliche und unheimliche Verwandlung der Wirklichkeit einbrechen. Zu leicht etwa verweben wir in unser Leben eine leitende Idee, einen Wunsch, der bald als der einzige Sinn dieses Lebens erscheint. An diesem Wunsch entwickeln sich alle guten Kräfte, der Glaube an seine Erfüllbarkeit erscheint als die Quelle des Lebens schlechthin. Dann kann es geschehen, dass das Schicksal die Grundlage des Wunsches plötzh\lich zerstört, dass es seine Unerfüllbarkeit ein für allemal festlegt. In diesem Augenblick kann sich die Welt in der unheimlichsten Weise verändern. Menschen und Dinge, die lebendig zu uns gesprochen haben, bleiben stumm und sehen starr und unwirklich aus. Dort, wo ein sinnerfüllter Zusammenhang unser Leben enthalten hatte, waltet ein starres Gesetz, das nur nach Ursache und Wirkung und ohne Ansehen höherer Zusammenhänge entscheidet. - Frühere Zeiten sprachen davon, dass Gott einen Menschen verlassen könnte. Vielleicht aber gibt es in unserer Zeit viele Menschen, für die die Welt ein graues und starres Antlitz trägt.

Es ist oft gesagt worden, dass auch für die verschiedenen Epochen in der Entwicklung der Menschheit die Wirklichkeit sehr verschieden ausgesehen habe. Jugendliche Völker scheinen über eine ähnliche magische Kraft des Verwandelns zu verfügen, wie sie uns aus der eigenen Kindheit in der Erinnerung ist. In der Blütezeit Griechenlands fand sich der Grieche in einer von Göttern und Damonen ringsum belebten Welt, unzählige Spuren verbanden die Gegenwart mit der mythischen Vorzeit. In der Einsamkeit der Wälder war die Nähe Pans unmittelbar zu spüren, und in Gottesdiensten konnte der Gott in einer Weise gegenwärtig sein, die von uns wohl nicht mehr vollzogen werden kann.

Die Geschichte lehrt, dass diese Kraft zum Leben in nichtmateriellen Zusammenhängen in späteren Zeiten geringer geworden ist; in der späthellenistischen Zeit zeigt die Ausbreitung von Naturwissenschaft und Technik deutlich, wie die gesetzmässigen Zusammenhänge der materiellen Welt in der Wirklichkeit an Kraft gewinnen. Dann aber bedeutet der Einbruch des Christentums eine plötzliche, unvermittelte Wandlung der Wirklichkeit. Wir wissen, dass diese Wandlung für den einzelnen Menschen, der von ihr betroffen wurde, zu den schwersten inneren Erschütterungen geführt hat. Die Bekenntnisse Augustins etwa sind ein ergreifendes Dokument für den völligen Bruch, den die Bekehrung in dem Laufe emes Lebens hervorgerufen hat.

Die Beispiele für solche grundlegenden Umgestaltungen der Wirklichkeit in der Geschichte oder im Leben des einzelnen Menschen könnten unendlich vermehrt und vertieft werden. Wir müssen uns also wohl fürs erste damit abfinden, dass sehr verschiedenartige Zusammenhänge unser Leben bestimmen können; und wenn das Wort Wirklichkeit nichts anderes bedeutet, als die Gesamtheit der Zusammenhänge, von denen unser Leben durchwirkt und getragen wird, so ist es wohl wahr, dass es sehr verschiedene Bereiche oder Schichten der Wirklichkeit geben muss.

Vielleicht sollte in dieser Verbindung auch darauf hingewiesen werden, dass die Welt, in der andere Organismen unserer Erde leben, sich noch so viel weiter von den unsrigen unterscheidet, dass wir nur indirekt aus den völlig anderen äusseren Bedingungen ihres Lebens auf jene Welt schliessen können, die unmittelbar unserer Vorstellung entzogen ist. Es sei hier etwa an die Untersuchungen Uexkülls über die Umwelt der Tiere erinnert, in denen aus dem anatomischen Bau des Organismus und den physikalischen Gesetzen eine Rekonstruktion der betreffenden Umwelt unternommen wird. Dabei stehen einer solchen Untersuchung eben nur die äusseren physikalischen Bedingungen des Lebens als Ausgangspunkt zur Verfügung; und wenn man sich daran erinnert, wie wenig aus diesen äusseren Bedingungen erst für die verschiedenen Bereiche des menschlichen Lebens geschlossen werden könnte, so kann man sich eine entfernte Vorstellung von der Fülle der Möglichkeiten bilden, die sich vielleicht hinter diesen physischen Voraussetzungen entfaltet.

Wenn nun in dieser Weise von verschiedenen Bereichen der Wirklichkeit oder gar von verschiedenen Wirklichkeiten gesprochen wird, so kann freilich leicht der Einwand erhoben werden, dass es sich hier doch nur um eine einheitliche Wirklichkeit handele, die verschiedenen Wesen oder unter verschiedenen Bedingungen eben verschieden erscheine; dass also die Unterschiede nur etwa durch die körperlichen oder geistigen Werkzeuge bedingt seien, mit deren Hilfe der lebendige Organismus in Beziehung zu der nach unabänderlichen Gesetzen ablaufenden Welt trete. Gegen diese Überzeugung von der Einheit der Welt wird sich auch wohl nichts anführen lassen, wenn man sie in der allgemeinen Form ausspricht, dass wir doch letzten Endes die ganze Welt in einem sinnvollen Zusammenhang aufzufassen wünschen sollten. Aber im Bewusstsein der grossen naturwissenschaftlichen Epoche, die im Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Abschluss gefunden hat, verband sich die Vorstellung von der Einheit der Welt mit der anderen Vorstellung, dass diese Einheit ihren unmittelbaren Ausdruck finde in dem streng gesetzlichen Ablauf der äusseren materiellen Welt. Dieser objektive, in Raum und Zeit ablaufende Zusammenhang war ja offenbar für alle Wesen - gleichviel ob es sich um lebendige Organismen oder um tote Materie handelte -ohne Ausnahme verbindlich, er erschien als die eigentlich »reale« Welt, die sich in dem Bewusstsein der lebenden Wesen wie in einem - manchmal verzerrten oder trüben - Spiegel abbildete. Diese Auffassung konnte für sich geltend machen, dass auch das geistige Geschehen stets irgendwie mit materiellen Vorgängen verknüpft sei, dass es also - da ja an der eigenen Gesetzmässigkeit der materiellen Vorgänge nicht gezweifelt werden könne - vielleicht durch die materiellen Vorgänge bedingt und vorgeschrieben sei. Selbst wenn dann die selbstverständhche Tatsache hervorgehoben wurde, dass sich das geistige Geschehen qualitativ von dem materiellen Ablauf durchaus unterscheide, so stand doch scheinbar der objektiven materiellen Welt eine subjektive geistige Welt gegenüber, und die physische Gesetzmässigkeit erschien zum mindesten als das feste Skelett, das den Bau der Welt trüge.

Aber eben in dieser Frage hat die Durchforschung der Natur in den letzten Jahrzehnten zu einer Änderung der Anschauungen gezwungen. Für uns ist der gesetzmässige Ablauf in Raum und Zeit nicht mehr das feste Skelett der Welt, sondern eher nur ein Zusammenhang unter anderen, der durch die Art, wie wir ihn untersuchen, durch die Fragen, die wir an die Natur richten, aus dem Gewebe von Zusammenhängen herausgelöst wird, das wir die Welt nennen. Diese Auffassung ist herbeigeführt worden durch die im Fortschreiten der Naturwissenschaft gewonnene Einsicht in Gesetzmässigkeiten, die sich nicht mehr einfach auf Abläufe in Raum und Zeit zuruckführen lassen.

Damit wird von Neuem die Aufgabe gestellt, die verschiedenen Zusammenhänge oder »Bereiche der Wirklichkeit« zu ordnen, zu verstehen und in ihrem gegenseitigen Verhältnis zu bestimmen; sie in Beziehung zu setzen zur Einteilung in eine »objektive« und eine »subjektive« Welt; sie gegeneinander abzugrenzen und einzusehen, wie sie durch einander bedingt sind; schliesslich so zu einem Verständnis der Wirklichkeit vorzudringen, das die verschiedenen Zusammenhänge als Teile einer einzigen sinnvoll geordneten Welt begreift.

Die Beschreibung der Wirklichkeit als ein Gewebe verschiedenartiger Zusammenhänge ist natürlich nicht erst eine Folge neuerer wissenschaftlicher Entwicklungen. Im Gegenteil handelt es sich um das Aufgreifen uralter, oft verfolgter Gedankenketten, und die Berechtigung dazu, oft Gesagtes zu wiederholen, liegt nur in dem Umstand begründet, dass jene Auffassung durch die Entwicklung der Naturwissenschaften in den letzten Jahrzehnten in ein eigenartiges neues Licht gerückt worden ist.

Diese Entwicklung rechtfertigt vielleicht die Hoffnung, dass es möglich sein müsste, genauer als bisher die gegenseitigen Verhältnisse der verschiedenen Wirklichkeitsbereiche zu bestimmen. Die meisten Verwirrungen in den Gedanken über die Wirklichkeit entspringen ja wohl dem Umstand, dass jedes Ding gleichzeitig an verschiedenartigen Zusammenhängen teilhat, ebenso wie jedes Wort sich gleichzeitig auf verschiedene Zusammenhänge bezieht. Dass bei dieser Sachlage überhaupt eine klare Scheidung möglich ist, bedarf des Beweises; und erst em Beispiel, an dem die gegenseitigen Verhältnisse zweier Wirklichkeitsbereiche in mathematischer Klarheit aufgewiesen werden können, wird von der Möglichkeit überzeugen, die verschiedenen Schichten der Wirklichkeit klar zu ordnen und abzugrenzen.

 

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2. Die Sprache

 

Wer es nun unternimmt, die Wirklichkeit in dieser Weise zu untersuchen, der bedarf dazu, wie zu allem geordneten Nachdenken, der Form, in der menschliche Gedanken gefasst und weitergegeben werden können: der Sprache. Damit steht aber die Untersuchung schon mit dem ersten Schritt an dem Abgrund, an dessen Rand alle menschliche Erkenntnis sich abspielt: Ist es denn überhaupt möglich, mit der Sprache etwas ganz Bestimmtes auszudrücken? Die Frage sei nicht in der Weise gemeint, dass es zwar völlig klare bestimmte Gedanken gebe, dass aber die Sprache nicht immer in der Lage sei, diese auszudrücken. Sondern die Frage zielt auf jenes unvermeidbare Element der Unbestimmtheit, jenes eigentümlich »Schwebende«, in Denken und Sprechen, das die Philosophen so eindringlich beschrieben haben.

Wie erlernt das Kind die Sprache? In jenem merkwürdigen Wechselspiel zwischen Aufnehmen und eigenem Tätigsein ungefähr nach dem ersten Lebensjahr versucht das Kind Laute hervorzubringen und gehörte nachzuahmen. Irgendwann gelingt dann etwa zum ersten Mal das Wort »Ball«. Die Zustimmung der Erwachsenen und der Erfolg, den das Aussprechen des Wortes bewirkt, müssen diesen Laut zu einer Art Zauberformel machen, deren Tragweite nun durch vielfaches Wiederholen unbewusst abgemessen wird. Nach kurzer Zeit hat jedes Spielzeug, dessen Herbeiholen durch die Erwachsenen gewünscht wird, vielleicht jeder Wunsch an die Grossen überhaupt den Namen »Ball«. Erst das Ausbleiben der gewünschten Wirkung oder der Widerspruch der Grossen belehren im Lauf der Zeit - unbewusst - darüber, dass die Zauberformel nicht missbraucht werden kann, und langsam schränkt sich der Anwendungsbereich des Wortes ein. Erst im Lauf der Jahre entwickelt sich der Sinn des Wortes, der dem gewöhnlichen Sprachgebrauch entspricht; ganz scharf werden die Grenzen zwischen den Dingen, die man »Ball« nennen darf, und denen, auf die dieser Name nicht passt, überhaupt nie gezogen.

Ganz allgemein wird also der Anwendungsbereich eines Wortes nicht scharf abgegrenzt. Aber die Unbestimmtheit der Sprache hat noch andere, wichtigere Ursachen. Fürs erste ist hier hervorzuheben, dass die Bedeutung eines Wortes weitgehend von dem Zusammenhang abhängen kann, in dem das Wort gebraucht wird. Es gibt bei genauerer Betrachtung ja gar keine isolierten Begriffe und ihnen zugeordnete Wörter, aus denen sich ein Gedanke in einem Satz wie aus einzelnen Bausteinen aufbaut. Vielmehr bildet jeder Gedanke eine untrennbare Einheit, und jeder Begriff, der in ihm enthalten ist, erhält in diesem Gedanken seine besondere charakteristische Färbung. Der Dichter kann Gedanken ausdrücken, die in gewöhnlicher Sprache nicht mehr gesagt werden können, eben weil die Wörter durch den Zusammenhang, in dem sie stehen, durch das Mitschwingen anderer Ideen, durch die dichterische Form des Satzes eine neue Bedeutung erhalten. Der Inhalt eines Gedichtes kann nicht in Prosa wiederholt werden.

Ferner kann sich jeder Begriff auf ganz verschiedenartige Zusammenhänge beziehen, die alle an diesem Begriff in gegenseitige Beziehung treten. Etwa das Wort »Farbe« kann die Farbe als Inhalt unseres Bewusstseins bezeichnen, kann sie als Eigenschaft eines Körpers, z. B. einer Blume bedeuten, kann auf das technische Mittel angewandt werden, das zum Färben benützt wird, kann die Farbe als physikalisch objektivierbare Realität, charakterisiert durch eine Wellenlänge, zum Gegenstand haben und kann schliesslich übertragen und verallgemeinert feinere Unterschiede ganz andersartiger Qualitäten bezeichnen. Es kann auch nur dieses Wortsymbol »Farbe« selbst meinen, eben als Symbol, das erst Strukturen der Wirklichkeit »bedeutet«. Die Begriffe sind gewissermassen die ausgezeichneten Punkte, an denen die verschiedenen Schichten der Wirklichkeit miteinander verflochten sind. Wenn die Frage nach den gesetzmässigen Zusammenhangen der Wirklichkeit gestellt wird, so finden sich solche Zusammenhänge jeweils innerhalb einer bestimmten Schicht der Wirklichkeit; anders kann der Begriff »Schicht« der Wirklichkeit wohl kaum gedeutet werden. (Von der Wirkung einer Schicht auf die andere zu sprechen, ist nur bei einem sehr allgemeinen Gebrauch des Begriffs »Wirkung« möglich.) Dagegen hängen die verschiedenen Schichten zusammen in den Ideen und den zu ihnen gehörenden Wörtern, die sich von vornherein auf viele Zusammenhänge zugleich beziehen.

Trotz der Mehrdeutigkeit und Unbestimmtheit der Begriffe eignet sich die Sprache dazu - und ist dafür entstanden, - Sachverhalte der Wirklichkeit oder Gedanken über solche Sachverhalte irgendwie »darzustellen« oder »abzubilden«. Diese Abbildung kann nicht vollständig und nicht genau sein; sie kann aber, um einen etwas unbestimmten Ausdruck zu gebrauchen, das »Wesentliche« enthalten. Damit ist gemeint, dass wir bei jeder Darstellung auf gewisse Züge in erster Linie unser Augenmerk richten, die wir dann als »wesentlich« bezeichnen. Ähnlich, wie etwa das menschliche Auge nur in einem kleinen Bezirk der Netzhaut zur schärfsten Beobachtung fähig ist und dazu stets unbewusst so gerichtet wird, dass der wichtigste Teil des Bildes diese Stelle trifft, so greift auch das menschliche Denken jeweils einen bestimmten kleinen Teilinhalt heraus, der in das klarste Licht des Bewusstseins tritt, während der übrige Inhalt des Gedankens nur in einem unklaren Halbdunkel miterscheint. Dieses »Wesentliche« eines Gedankens kann in der Sprache dargestellt werden.

Dabei kann die Abbildung von Sachverhalten in der Sprache in zwei verschiedenen Weisen erfolgen, die man etwa als »statisch« und »dynamisch« unterscheiden, wenn auch nicht scharf trennen kann. Die Sprache kann emerseits versuchen, durch eine immer weitergehende Verschärfung der Begriffe zu einer immer genaueren Abbildung des gleichen gemeinten Sachverhalts zu kommen. Diese Verschärfung erfolgt durch eine ins Einzelne gehende Festlegung von Beziehungen zwischen den Begriffen - etwa Zurückführung spezieller Begriffe auf allgemeinere - oder durch die ad hoc vorgenommene Zuordnung der Begriffe zu ganz speziellen Erfahrungsinhalten. Die wissenschaftlichen Sprachen - etwa die der Rechtslehre oder die mathematisch formulierte Naturbeschreibung - geben Beispiel für solche Verschärfungen. Dabei kann schliesslich ein völlig starres Schema von Verknüpfungsregeln zwischen den Begriffen und von Begriffen zu Erfahrungsinhalten gebildet werden, so dass von jedem Satz, der dieses Begriffssystem benützt, emindeutig entschieden werden kann, ob er »richtig« oder »falsch« ist. Dabei wird freilich die Frage, wie genau dieses Begriffssystem den gemeinten Teil der Wirklichkeit abbildet, ausschliesslich durch den Erfolg entschieden. Ein vollständiges und exaktes Abbild der Wirklichkeit kann nie erreicht werden. Aber es wird erlaubt sein - wenn das betreffende Begriffssystem sich bewährt - von einem exakten Abbild des »wesentlichen Teiles« des betreffenden Sachverhaltes zu sprechen; denn dadurch wird ja nur festgesetzt, auf welche Teile wir unser Augenmerk richten wollen. Das berühmteste Beispiel für ein solches Begriffssystem ist die Newton'sche Mechanik, die ja - in einem verallgemeinerten Sinn - einfach als Bestandteil der naturwissenschaftlichen Sprache aufgefasst werden kann. Durch die Definitionen und Axiome ist in ihr vollständig festgelegt, wie die Begriffe »Masse«, »Kraft«, »Geschwindigkeit«, »Beschleunigung« usw. angewandt und verknüpft werden sollen. Zur Ordnung und Beschreibung der mechanischen Vorgänge bewährt sich dieses System so vollkommen, dass wir kaum daran zweifeln können, dass der Ausschnitt der Wirklichkeit, über den mit diesen Wörtern »Masse« usw. gesprochen werden kann, durch die Newton'sche Mechanik exakt abgebildet wird.

Diese Verschärfung der Sprache, auf Grund derer dann von jedem Satz entschieden werden kann, ob er &rquo;richtig« oder »falsch« ist, geht freilich in vielen Fällen Hand in Hand mit einer Verarmung der in ihr vorkommenden Begriffe. Die Wörter einer solchen Kunstsprache beziehen sich - im Gegensatz zu den Wörtern der gewöhnlichen Sprache - nur noch auf ganz bestimmte Zusammenhangsbereiche. Dabei kann der Teil der Wirklichkeit, der durch die Kunstsprache abgebildet wird und der für den eingenommenen wissenschaftlichen Standpunkt »wesentlich« ist, von anderen Gesichtspunkten aus als unwichtig erscheinen. Diese vorhin als »statisch« bezeichnete Darstellung eines Teiles der Wirklichkeit ist also unvermeidbar mit einem schwerwiegenden Verzicht verknüpft: dem Verzicht auf jenes unendlich vielfache Bezogensein der Worte und Begriffe, das in uns erst das Gefühl erweckt, etwas von der unendlichen Fülle der Wirklichkeit verstanden zu haben.

Der »statischen« kann nun eine andere Art der Darstellung der Wirklichkeit gegenübergestellt werden, die eben durch das unendlich vielfache Bezogensein der Worte erst ermöglicht wird und die man als »dynamisch« bezeichnen kann. In ihr soll der ausgesprochene Gedanke nicht ein möglichst getreues Abbild der Wirklichkeit sein, sondern er soll den Keim zu weiteren Gedankenreihen bilden; nicht auf die Genauigkeit, sondern auf die Fruchtbarkeit der Begriffe kommt es an. An einen Gedanken gliedern sich durch die vielfachen Bezüge neue Gedanken an, aus diesen entstehen wieder neue, bis schliesslich durch die inhaltliche Fülle des von den Gedanken durchmessenen Raumes nachträglich ein getreues Abbild des gemeinten Wirklichkeitsbereichs entsteht. Diese Art der Darstellung beruht auf der Lebendigkeit des Wortes. Hier kann ein Satz im allgemeinen nicht »richtig«« oder »falsch« sein. Aber man kann einen Satz, der fruchtbar zu einer Fülle weiterer Gedanken Anlass gibt, als »wahr« bezeichnen. Das Gegenteil eines »richtigen« Satzes ist ein »falscher« Satz. Das Gegenteil eines »wahren« Satzes wird aber häufig wieder ein »wahrer« Satz sein. Die berühmteste systematische Fassung dieser »dynamischen« Darstellung der Wirklichkeit ist die Hegel'sche Dialektik.

Im Bereich des »statischen« Denkens wird erklärt - wie überhaupt die Klarheit das eigentliche Ziel dieser Denkform ist -, im Bereich der »dynamischen« wird gedeutet. Denn hier werden unendlich vielfältige Beziehungen zu anderen Bereichen der Wirklichkeit gesucht, auf die wir deuten können.

Man kann den charakteristischen Unterschied der beiden Denkmethoden auch durch einen Vergleich verständlicher machen: Wer eine Landschaft genau kennen lernen will, der kann sich entweder im Flugzeug über diesen Landstrich erheben und von präzisen optischen Geräten Kartenbilder des Landes zeichnen lassen, die bis zu den letzten Einzelheiten mikroskopisch analysiert werden können. Solche Karten enthalten ein genaues und vollständiges Bild der Landschaft. Der Forscher kann aber auch das Land, dem sein Interesse gilt, kreuz und quer durchwandern, er kann in ihm leben und, von jeder neuen Beobachtung zu neuen Zielen angeregt, der Natur des Landes immer neue Seiten abgewinnen. So wird er im Lauf der Zeit seine Landschaft auch sehr gut kennenlernen.

Das Bild, das er in dieser Weise gewinnt, ist nicht im gleichen Sinne genau, wie die Vermessungsaufnahme, aber es enthält dafür Züge, die in der Aufnahme fehlen, obwohl diese genau und in gewissem Sinne vollständig ist.

Auch die Dichtung will Erkenntnis der Wirklichkeit vermitteln. Ihre Darstellung trägt stets den eben geschilderten dynamischen Charakter. Aber sie geht ilber die Verwendung der unendlichen inhalflichen Bezüge aller Begriffe noch insofern hinaus, als die Worte in ihr noch in einen formalen Zusammenhang verwoben sind, der durch Rhythmus, Versmass, die ganze gebundene Form der Sprache gegeben ist. Diese Bindung der Begriffe in einem formalen - also im allgemeinsten Sinn »mathematischen« - Zusammenhang hat die Dichtung daher mit den vollendeten Formen der als »statisch« bezeichneten Darstellungsart gemein. Die Dichtung steht gewissermassen an der Stelle, an der die Extreme sich berühren: das rein inhaltliche Denken unter voller Ausnützung der Lebendigkeit des Wortes auf der einen Seite, die Verkettung der Begriffe in einem strengen mathematischen Schema auf der anderen.

Im allgemeinen wird jeder Versuch, über die Wirklichkeit zu sprechen, gleichzeitig »statische« und »dynamische« Züge tragen. Dem klaren, rein statischen Denken droht die Gefahr, zur inhaltlosen Form zu entarten. Das dynamische Denken kann vage und unverständlich werden.

Das Ziel der exakten Naturwissenschaft bilden zwar stets in sich geschlossene Systeme von Begriffen und Axiomen, die den gemeinten Teil der Wirklichkeit streng abbilden. Der Gang der Forschung aber, die von bekannten Begriffssystemen ausgehend die Ordnung eines neuen Erfahrungsbereichs anstrebt, kann nicht auf den durch logische Schlussketten vorgezeichneten Pfaden erfolgen. Der Abgrund zwischen den schon bekannten und den neuen Begriffssystemen kann durch intuitives Denken übersprungen, nicht durch formales Schliessen überbrückt werden.

Wenn wir von einem klar verstandenen, wissenschaftlich schon geordneten Bereich der Wirklichkeit zu einem neuen übertreten, so geraten wir von Neuem in die Situation des Kindes, das gleichzeitig Denken und Sprechen lernen muss; das noch nicht sprechen kann, da ihm ausdrückbare Gedanken fremd sind; und das noch nicht denken kann, da ihm die Begriffe fehlen, an denen sich Gedanken ordnen und verknüpfen können.

Obwohl hieraus die engen Grenzen deutlich werden, die jeder speziellen wissenschaftlichen Beschreibung der Wirklichkeit gesteckt sind, so besteht doch andererseits kein Grund dafür, prinzipielle Grenzen anzunehmen für die Fähigkeit des Menschen, irgendwelche Bereiche der Wirklichkeit schliesslich zu verstehen. Im Gegenteil erscheint diese Fähigkeit der Menschen: zu verstehen, sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden, durchaus unbegrenzt. Ebenso wie das Kind die besondere Welt, in die es durch die Geburt versetzt ist, scheinbar mühelos kennen und begreifen lernt - was auch die Sprache, das Tun oder die Forderungen der Erwachsenen sein mögen-, so wird ganz allgemein der Forscher zu jedem Bereich der Wirklichkeit, den er erfahren kann, auch schliesslich in das Verhältnis kommen, das man als Verständnis bezeichnen muss, selbst wenn hierbei erst nachträglich gesagt werden kann, was unter dem Wort »Verständnis« gemeint sei. Obwohl also unser Denken stets gewissermassen über einer grundlosen Tiefe schwebt - da wir nie von dem festen Grund klarer Begriffe aus Schritt für Schritt in das unbekannte Neuland vordringen können -, so wird dieses Denken doch schliesslich jeder neuen Erfahrung, jedem zugänglichen Bereich der Welt gerecht werden können. Es wird sich immer wieder eine Sprache entwickeln, die eben zu dem ins Auge gefassten Bereich der Wirklichkeit passt und die Sachverhalte in diesem Gebiet genau abbildet.

Freilich wird, wie weit das Denken auch dringen mag, stets das Gefühl übrigbleiben, dass es jenseits des Erforschten noch andere Zusammenhänge gebe, die sich der sprachlichen Formulierung entziehen und deren Geltungsbereich jeweils mit dem Verständnis eines neuen Bezirks der Wirklichkeit noch einen Schritt weiter hinausgeschoben wird in das undurchdringliche Dunkel, das hinter den durch die Sprache formulierbaren Gedanken liegt. Dieses Gefühl bestimmt die Richtung des Denkens, aber es gehört zu seinem Wesen, dass die Zusammenhänge, auf die es gerichtet ist, nicht in Worte gefasst werden können.

Vielleicht kann man den Inhalt dessen, was in den letzten Abschnitten gesagt werden sollte, so zusammenfassen:

Jeder Bereich der Wirklichkeit kann schliesslich in der Sprache abgebildet werden. Der Abgrund, der verschiedene Bereiche trennt, kann nicht durch logisches Schliessen oder folgerichtiges Weiterentwickeln der Sprache überbrückt werden.

Die Fähigkeit des Menschen, zu verstehen, ist unbegrenzt. Über die letzten Dinge kann man nicht sprechen.

 

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3. Die Ordnung

 

Zu allen Zeiten ist der Versuch unternommen worden, unser Wissen von der Wirklichkeit einer allgemeinen Ordnung zu unterwerfen. Seit der Entwicklung der Naturwissenschaft in der Neuzeit und wohl durch deren Beispiel beeinflusst, haben solche Versuche meist mit der Feststellung begonnen, dass es gewisse Erkenntnisse gebe, an deren Richtigkeit nicht gezweifelt werden könne. Eine solche Erkentnis bildet dann den Ausgangspunkt eines Systems, in dem versucht wird, von der einen Feststellung ausgehend Schritt für Schritt zu anderen ähnlich sicheren Feststellungen über die Wirklichkeit zu gelangen, bis sich von hier aus eine allgemeine Ordnung alles Erkennbaren erschliesst.

Freilich sind diese Ausgangspunkte zu verschiedenen Zeiten ausserordentlich verschieden gewesen. So liegt es etwa für die naturwissenschaftliche Einstellung der letzten hundert Jahre nahe, die sinnliche Wahrnehmung zum Ausgangspunkt einer solchen Betrachtung zu machen, wobei dann vorausgesetzt wird, dass die unmittelbare sinnliche Erfahrung, deren Richtigkeit von anderen Menschen kontrolliert werden kann, zu einer unbezweifelbaren Kenntnis der Wirklichkeit führe. Zu dieser Auffassung steht in schroffem Gegensatz die Anschauung friüherer Jahrhunderte, in der etwa gerade auf das Trügerische der Sinneswahrnehmung hingewiesen wird und für die etwa die »reinen Ideen der sich abschliessenden, in sich selbst zurilckkehrenden Seele« als der Ausgangspunkt der Erkenntnis er scheinen. Man denke hier an die Sätze bei Malebranche: »Ein Mensch, der nur durch die Sinne über die Dinge in der Welt urteilt..., wird sich in dem allerbetrübtesten Zustand von der Welt befinden, in dem er von der Wahrheit und seinem Glück ausserordentlich weit entfernt ist. Wenn aber ein anderer nur vermittelst der reinen Ideen seiner Seele über die Gegenstände urteilt..., dann ist es unmöglich, dass er in Irrtum falle.«

In verschiedenen Systemen gilt die mathematische Wahrheit als das Vorbild einer unbezweifelbaren Erkenntnis. In der Tat kann man an den mathematischen Sätzen, die sich aus den Axiomen des betreffenden mathematischen Gebiets beweisen lassen, nicht zweifeln. Es ist aber oft darauf hingewiesen worden, dass es sich hier um »analytische Urteile« handele, d. h. um Sätze, die durch ein eindeutiges Schlussverfahren aus gemachten Voraussetzungen und zu Grunde gelegten Definitionen folgen; dass solche Sätze aber nichts über die Wirklichkeit aussagen können, da ja kein Schlussverfahren zeigen kann, dass die Voraussetzungen und Definitionen die Wirklichkeit getreu abbilden. Die mathematischen Wahrheiten können also nicht als Ausgangspunkt für eine Ordnung der Wirklichkeit gebraucht werden.

Trotzdem können sie allerdings in jeder derartigen Ordnung eine entscheidende Rolle spielen. Denn eben weil die mathematischen Sätze eigentlich eine von allem Inhalt losgelöste Form oder Ordnung darstellen, so kann auch umgekehrt jede Ordnung, und zwar um so eher, je vollendeter sie ist, in mathematischer Form dargestellt werden. Dieses Auftauchen mathematischer Formen in jedem verstandenen Bereich der Wirklichkeit hat schon früh das Nachdenken der Menschen bewegt. Die Untersuchungen der Pythagoräer über die rationalen Verhältnisse harmonisch schwingender Saiten, die Gedanken Platons über die symmetrischen Körper legen Zeugnis ab von der Bedeutung, die der mathematischen Form im Verständnis der Natur zugeschrieben wurde. Die exakte Naturwissenschaft seit Newton beruht auf der stillschweigenden Voraussetzung, dass es stets möglich sein müsse, die unserer Erfahrung zugänglichen Gebiete der Natur nach strengen, mathematisch fassbaren Gesetzen zu ordnen. Aber auch Darstellungen der Wirklichkeit, die der exakten Naturwissenschaft ganz fern stehen, wie die Musik oder die bildende Kunst, offenbaren bei genauerer Analyse innere Ordnungen, die mit mathematischen Gesetzen aufs engste verwandt sind. Diese Ordnungen können so deutlich in Erscheinung treten wie etwa in einer Bach'schen Fuge oder einem symmetrischen Bandornament, oder sie können sich zunächst nur durch eine besondere Ausgewogenheit, eine unmittelbar einleuchtende Schönheit einer Melodieführung bemerkbar machen, wie etwa in dem berühmten Seitenthema des ersten Satzes im D-Dur Violinkonzert von Beethoven - immer zeigt eine nähere Untersuchung einfache mathematische Symmetrien ähnlich denen, die von den Mathematikern in der Gruppentheorie behandelt werden. Die Mathematik ist also die Ordnung schlechthin, in ihrer reinsten, von allem Inhalt befreiten Form.

Sie kann daher nicht inhaltlich den Ausgangspunkt bilden fur eine Ordnung der Wirklichkeit. Ganz allgemein scheint es dem wissenschaftlichen Bewusstsein unserer Zeit unwahrscheinlich, dass eine Ordnung der Wirklichkeit mit einer unbezweifelbaren Erkenntnis anfangen und von ihr aus Schritt für Schritt alle Bereiche der Welt ergreifen könnte. Denn unbezweifelbare Sätze sind, so scheint es uns trotz Kant, stets analytisch, enthalten also keine Aussage über die Wirklichkeit; und synthetische Sätze können, selbst wenn sie a priori sind, nicht für alle Zeiten als bindend angesehen werden. Die Geschichte unserer Ansichten über Raum und Zeit lehrt, dass selbst die Anschauungsformen, die schon vor aller Erfahrung stehen und insofern a priori genannt werden müssen, nicht notwendig inhaltliche Bestandteile geschlossener Theorien von Raum und Zeit zu sein brauchen. Die Biologen haben darauf hingewiesen, dass die a priori'schen Anschauungsformen vielleicht als »angeborene Schemata« aufzufassen, die als solche dem Selektionsvorgang unterworfen und im Lauf der Jahrtausende veränderlich sind. Und selbst wenn es eine unbezweifelbare Erkenntnis gäbe und sie nicht sogleich mit einem Schlage die ganze Wirklichkeit umfasste, so führte ja kein Weg von einem Bereich der Wirklichkeit, den wir zu kennen glauben, zu einem anderen neuen.

Am Anfang einer Ordnung der Wirklichkeit muss also etwas anderes stehen, als eine sichere Erkenntnis, und dieses andere ergibt sich, so lehrt es die Geschichte, durch eine freie Entscheidung wohl nicht des Einzelnen, aber grosser menschlicher Gemeinschaften oder der Menschheit im Ganzen.

Ein Weg zur Ordnung der Welt führt durch den Glauben. In der Religion wendet sich der menschliche Geist unmittelbar an jene schöpferischen Kräfte, die uns stets unbedingt verpflichten, wo wir in ihren Wirkungskreis treten. Über die letzten Dinge aber kann man nicht sprechen: daher beginnt alle Religion mit dem Gleichnis. Durch das Gleichnis wird gewissermassen erst die Sprache festgesetzt oder geschaffen, in der über die Zusammenhänge der Welt gesprochen werden soll. Die Worte des Gleichnisses sind dunkel: In der Religion wird von vornherein darauf verzichtet, den Worten einen wissenschaftlich scharf bestimmten Sinn zu geben, damit dieser Sinn erst jeweils zu Tage treten kann in dem Mass, in dem der einzelne im Lauf seines Lebens und die Menschheit im Laufe der Jahrhunderte Zusammenhänge verstehen lernen. Die heilige Schrift ist unendlicher Auslegung fähig; daher kann sie die Jahrtausende überdauern.

Die gemeinsame Sprache, die im Gleichnis der Religion geschaffen wird, bindet die Menschen fester als irgendeine andere gemeinsame Sprache. Denn Menschen gleicher Zunge werden sich zwar über das Tun und Leiden des täglichen Lebens verständigen können. Menschen des gleichen Glaubens aber können sich über die Grundlage aller Zusammenhänge und damit auch, wie wir seit Platon wissen, über die Ordnung der Werte verstehen.

Die alte Frage nach dem Sinn des Lebens findet ihre Beantwortung in dem Gleichnis, das der Religion zu Grunde liegt. Einerseits kann das Gleichnis unmittelbar vom Sinn des Lebens sprechen, andererseits kann die Sprache, die im Gleichnis gebildet wird, so geartet sein, dass in ihr die Frage nach dem Sinn des Lebens nicht mehr gestellt wird.

Ein ganz anderer Weg zur Ordnung der Welt wird von der Wissenschaft oder spezieller: der empirischen Wissenschaft eingeschlagen. In der Wissenschaft drückt sich die Hoffnung aus, dass die Menschheit im Lauf der Jahrhunderte in ähnlicher Weise lernen kann, über die ganze Wirklichkeit zu sprechen, wie etwa das Kind in seinen ersten Lebensjahren die gewöhnliche Sprache erlernt. Während die Religion von vornherein darauf verzichtet, den Worten einen scharfen bestimmten Sinn zu geben - denn dadurch können ihre Grundformeln die Jahrtausende überdauern -, geht die Wissenschaft von der Erwartung aus, es würden im Lauf der Zeit die Wörter schliesslich einen scharf bestimmten Sinn erhalten können. Die Sprache der Wissenschaft ist wandelbar, sie entwickelt sich zugleich mit den Erfahrungen der Menschen, und die Grundhaltung der Wissenschaft ist die Skepsis. In der Wissenschaft gibt es nicht im gleichen Sinne wie in der Religion endgültige Formulierungen. Nur dort, wo ein erdrückendes Material von Erfahrungen uns zu ganz bestimmten Formulierungen gezwungen hat und wo diese Formeln sich ausserdem in vielfaltigen anderen Erfahrungen immer von neuem bewährt haben, fühlen wir uns genötigt anzuerkennen, dass der betreffende Erfahrungsbereich eben durch diese Formeln exakt dargestellt wird. Diese Formeln werden damit zu einem endgültigen Bestandteil der wissenschaftlichen Sprache. Die Frage nach den Grenzen dieses Erfahrungsbereichs und damit des Gültigkeitsbereichs der genannten Formeln kann aber wieder nur durch neue Erfahrungen beantwortet werden.

Die Geschichte lehrt, dass es der Menschheit auch in dieser Weise gelingt, sich in der Wirklichkeit zurechtzufinden. So wie das Kind zunächst mit den einfachsten Gegenständen seines täglichen Lebens vertraut wird, dann zu komplizierteren Begriffen wie etwa Farbe, Form usw. vordringt und schliesslich auch abstrakte Begriffe zu gewinnen lernt, so hat auch die Menschheit zunächst die praktisch wichtigsten Erfahrungsbereiche zu ordnen verstanden - so entwickelten sich Astronomie, Geometrie und Statik und gleichzeitig mit ihnen stets die Mathematik - und ist dann zu anderen, schwerer zugänglichen Bereichen vorgedrungen. Am Anfang steht hier nicht eine sichere Erkenntnis, sondern der praktische Erfolg, der mit dem ersten tastenden Vorwärtsschreiten erzielt wird. Wie das Kind die Worte nur in dem ständigen Wechselspiel von Handeln, Sprechen und Erfahren lernen kann, so entwickelt sich die Wissenschaft im unmittelbaren Zusammenhang mit der praktischen Anwendung, und diese bleibt letzten Endes der eigentliche Massstab fur die Richtigkeit einer gewonnenen Erkenntnis. Daher entwickeln sich Physik und Chemie im Zusammenhang mit der Technik, Geologie und Mineralogie mit dem Bergbau, Biologie, Physiologie und Psychologie mit der Heilkunde.

Der Wahrheitsanspruch der Wissenschaft wird also stets vom Objekt hergeleitet; denn ihre Sprache bildet sich in der Wechselbeziehung zu diesem Objektiven und das ideale Ziel einer wissenschaftlichen Darstellung ist die »objektive« Darstellung eines bestimmten Sachverhalts. Dabei wird vorausgesetzt, dass sich der betreffende Sachverhalt soweit von uns und von seiner Darstellung ablösen lasse, dass es eben zum reinen »Objekt« gemacht werden kann. Es gibt nun aber weite Bereiche der Wirklichkeit, die sich gar nicht in diesem Sinne objektivieren, d. h. von dem unserer Betrachtungsweise zu Grunde liegenden Erkenntnisverfahren ablösen lassen. Diese Bereiche sind deshalb nicht etwa sogleich der Darstellung in der wissenschaftlichen Sprache entzogen; denn wenn sich auch ein Sachverhalt nicht im genannten Sinne objektivieren lässt, so kann doch eben diese Tatsache selbst wieder objektiviert und in ihrem Zusammenhang mit anderen Tatsachen untersucht werden. Die wissenschaftliche Sprache kann sich also mit dem Streben nach Objektivität auf einer höheren Stufe auch den weiteren Bereichen der Wirklichkeit anpassen. Es ist aber verständlich, dass diese Sprache um so schwieriger wird, je mehr sie sich der Beschreibung von Wirklichkeitsbereichen zuwendet, die nicht einfach objektiviert werden können. Auch das Kind lernt zuerst nur seine Spielsachen benennen, und erst viel später kann es über Freude oder Bewunderung oder gar über sich selbst sprechen.

Die vom Glauben und von der Wissenschaft eingeschlagenen Wege zur Ordnung der Welt nehmen also von genau entgegengesetzten Polen ihren Ausgang. Während die Wissenschaft in den Bereichen der Wirklichkeit anfängt, in denen wir von uns und unserer Art der Darstellung scheinbar ganz absehen können, beginnt die Religion im Gegenteil gerade in dem Bereich, dessen uns sichtbare Form von uns allein geprägt werden muss; also in dem Bereich der schöpferischen Kräfte, in dem wir die Wirklichkeit selbst gestalten.

Es ist deshalb oft die religiöse Ordnung der Welt als »subjektiv« der »objektiven« wissenschaftlichen Ordnung gegenübergestellt worden. Es muss zugegeben werden, dass der Wahrheitsanspruch einer bestimmten Religion historisch gesehen räumlich und zeitlich beschränkt ist - im Gegensatz zu dem der Wissenschaft. Die Götter Griechenlands haben für immer aufgehört, die Welt zu regieren, seit ihnen keine Opfer mehr gebracht werden; die Hebelgesetze des Archimedes dagegen gelten auch heute noch. Aber die alten Götter haben zu ihrer Zeit doch wirklich die griechische Welt regiert. Wer sagen wollte, dies sei nur in der Einbildung der Menschen so gewesen, der mag mit solch einer Formulierung darauf hinweisen, dass es eben im Prinzip auch damals hat Ungläubige geben können. Aber eine derartige Formulierung gäbe ein völlig falsches Bild der Geschehnisse, die den Menschen jener Zeit wirklich zugestossen sind. Wer etwa an den Festen des Dionysos teilnahm, dem konnte der Gott wirklich begegnen.

Der zentrale Bereich, von dem aus wir die Wirklichkeit selbst gestalten, bildet für die wissenschaftliche Sprache gewissermassen die unendlich ferne Singularität, die zwar für die Ordnung im Endlichen Entscheidendes bedeutet, die aber nie erreicht werden kann. Umgekehrt kann die Sprache des Glaubens dem Bereich der objektivierbaren, von uns abgelösten Wirklichkeit nicht gerecht werden. Denn die Worte dieser Sprache haben ihren Sinn gerade durch die Beziehung auf uns erhalten.

Über den Sinn des Lebens kann nur die Religion sprechen. Denn »Sinn« bedeutet, dass wir selbst gemeint sind - und bis zu diesem Punkt kann die Wissenschaft nicht vordringen. Daher kann in der wissenschaftlichen Sprache über den Sinn des Lebens nur so gesprochen werden, wie Bohr es tut: »Der Sinn des Lebens besteht darin, dass es keinen Sinn hat zu sagen, dass das Leben keinen Sinn hat.« Deshalb gewährt die Wissenschaft so wenig Trost. Nur für den Weisen, der erfahren hat, dass alle Gedanken, mit denen wir den Sinn des Lebens zu ergründen suchen, im Kreis zum Ausgangspunkt zurückkehren, bedeutet eben diese Erkenntnis Trost genug.

Die Begriffe »objektiv« und »subjektiv« bezeichnen zwei Pole, von denen eine Ordnung der Wirklichkeit ihren Ausgang nehmen kann. Sie bezeichnen auch zwei Seiten der Wirklichkeit selbst: aber es wäre eine viel zu grobe Vereinfachung, wenn man die Welt in eine objektive und eine subjektive Wirklichkeit einteilen wollte. Manche Härten in der Philosophie der letzten Jahrhunderte sind durch diese reine Schwarz-Weiss-Malerei entstanden. Auch die Bewertung dieser beiden Seiten der Welt ist zu verschiedenen Zeiten sehr verschieden gewesen. Gelegentlich hat eine der beiden Seiten fast nur als trügerischer Schein gegolten. Unserer Zeit scheint es natürlicher, die Bewertungsfrage hier nicht zu stellen und eine feinere und klarere Einteilung der Wirklichkeit anzustreben. Da diese Einteilung wissenschaftlich sein soll, wird sie schrittweise vom objektiven zum subjektiven aufsteigen; die Beschreibung und Abgrenzung der einzelnen Wirklichkeitsbereiche soll mit all der Sorgfalt erfolgen, die der durch Jahrhunderte entwickelten neueren Naturwissenschaft angemessen ist.

 

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II.

1. Die Goethe'schen Bereiche der Wirklichkeit

 

Die Ordnung, die durch die Entwicklung der Naturwissenschaft nahegelegt wird, schliesst sich an uralte Denkformen an, die zu verschiedenen Zeiten immer wieder neue Formulierungen gefunden haben. Wir stellen einen Abschnitt aus den Nachträgen zur Farbenlehre von Goethe an die Spitze:

»Alle Wirkungen, von welcher Art sie seien, die wir in der Erfahrung bemerken, hängen auf die stetigste Weise zusammen, gehen ineinander über; sie undulieren von der ersten bis zur letzten. Dass man sie voneinander trennt, sie einander entgegensetzt, sie untereinander vermengt, ist unvermeidlich; doch musste daher in der Wissenschaft ein grenzenloser Widerstreit entstehen. Starre scheidende Pedanterie und verflössender Mystizismus bringen beide gleiches Unheil. Aber jene Tätigkeiten, von der gemeinsten bis zur höchsten, vom Ziegelstein, der dem Dache entstürzt, bis zum leuchtenden Geistesblick, der dir aufgeht oder den du mitteilst, reihen sie sich aneinander. Wir versuchen es auszusprechen:

Zufällig,
Mechanisch,
Physisch,
Chemisch,
Organisch,
Psychisch,
Ethisch,
Religiös,
Genial.«

Damit ist eine Ordnung der Wirklichkeit bezeichnet, die als Vorbild für die von der modernen Wissenschaft gesuchte gelten kann. Vor der Durchführung einer solchen Ordnung muss aber genau auseinandergesetzt werden, was eine solche Einteilung bedeuten und was sie nicht bedeuten kann.

Zunächst handelt es sich hier offenbar nicht um eine Einteilung der Dinge (im allgemeinsten Sinne). Es mag zwar zunächst so scheinen, als könnte man auch die Dinge nach solchen Kategorien ordnen, etwa in dem Sinne, dass der Stein den untersten Bereichen: Mechanik, Physik, Chemie, dagegen Pflanzen und Tiere dem Gebiet des Organischen angehören, während die höheren Bereiche dem beseelten Menschen vorbehalten sind. Aber wir wissen ja längst, dass auch die »tote« Materie in irgendwelchen chemischen Verwandlungen in den Organismus eingebaut werden und dadurch am Leben teilnehmen kann, dass ferner die Funktionen des Organismus durch die Wirkung physikalischer und chemischer Gesetze ausgeübt werden und dass schliesslich psychische und physische Vorgänge aufs engste gekoppelt verlaufen. Eine Einteilung der Dinge ist mit jener Ordnung also sicher nicht gemeint.

Verlassen wir daher den ersten Gedanken und gehen einen Schritt weiter, so bietet sich die Auffassung dar, dass es sich um eine Ordnung der Verhaltensweisen der Substanz handele. Man gelangt etwa zu der Vorstellung, dass ein und dieselbe Sussstanz sich in die verschiedenartigsten Zusammenhänge einschalten kann, dass etwa derselbe Tropfen Wasser einmal im fliessenden Bach nur den Gesetzen der Physik zu folgen habe, dann in seiner Mischung mit den Salzen des Bodens von den chemischen Kräften geleitet würde, dass er dann, durch die Wurzeln der Pflanze aufgenommen, in den Wirkungsbereich der organischen Gesetze trete und so fort. Folgt man diesem Gedanken, so scheint es sich bei jener Einteilung um eine Ordnung der gesetzmässigen Zusammenhänge zu handeln, die gewissermassen als leitende Ideen dem »anderen«, der Substanz, gegenübertreten. Etwas ähnliches mag auch Goethe gemeint haben, da er von den verschiedenen »Tätigkeiten« spricht. Aber auch diese Vorstellung muss noch in einem wesentlichen Punkt verbessert werden. Vom Standpunkt der neueren Naturwissenschaft aus ist es nicht allgemein möglich, den Substanzbegriff von dem Begriff der Gesetzmässigkeit abzulö- sen. Verfolgt man die Entwicklung des Materiebegriffs in der modernen Physik, so erscheint schliesslich die Materie ebenso wie die Kraft als eine Art Struktur des Raumes. Diese Struktur ist den Naturgesetzen unterworfen, und es liegt an gewissen einfachen »Invarianz«eigenschaften dieser Gesetze, dass in vielen Fällen das Wort »Materie« zur Beschreibung der Vorgänge verwendet werden kann. Aber das Bleibende im Wandel der Erscheinungen ist nicht der Stoff, sondern das Gesetz.

Erst wenn dieser Schritt vollzogen ist, wenn erkannt ist, dass es keinen »Stoff« gibt, der bestimmten Gesetzen folgt, sondern dass es eben nur gesetzmässige Zusammenhänge gibt, die wir erfahren können und zu deren Beschreibung wir auch gelegentlich Wörter wie Stoff oder Materie verwenden - erst dann kann der Satz richtig verstanden werden, dass es sich bei der gesuchten Einteilung um eine Ordnung der Wirklichkeit nach gesetzmässigen Zusammenhängen handeln soll.

Unter einem »Bereich der Wirklichkeit« - soweit das Wort Bereich in diesem speziellen Sinne der Einteilung gebraucht wird - verstehen wir also eine Gesamtheit von gesetzmässigen Zusammenhängen. Eine solche Gesamtheit muss einerseits eine feste Einheit bilden, sonst könnte man nicht mit Recht von einem »Bereich« sprechen, andererseits muss sie scharf gegen andere Gesamtheiten abgegrenzt werden können, damit eben eine Einteilung der Wirklichkeit möglich wird. Es entsteht damit die Frage, wie eine Gesamtheit von Gesetzen in sich geschlossen und scharf gegen andersartige Gesetze abgegrenzt werden kann.

Hier ist in erster Linie daran zu erinnern, dass die Sprache, in der wir über die Wirklichkeit sprechen, im Zusammenwirken von Handeln und Erfahren entsteht. In dem Masse, in dem die Begriffe im Lauf der Zeit einen immer schärferen Sinn erhalten, verknüpfen sie sich auch mit ganz bestimmten Voraussetzungen über unser aktives Verhalten. Eben dadurch wird von selbst ein gewisser Abschluss eines Begriffssysterns und des mit ihm gemeinten Wirklichkeitsbereiches erreicht, da sich dieses System auf ein ganz bestimmtes aktives Verhalten zur Wirklichkeit bezieht und daher nicht mehr angewendet werden kann dort, wo wir uns zu einem anderen Verhalten entschliessen. Andererseits wird in dieser Weise der Anwendungsbereich des betreffenden Begriffssysterns überhaupt problernatisch, da ja nur durch die Erfahrung entschieden werden kann, in wieweit das vorausgesetzte aktive Verhalten überhaupt möglich ist. Zum Beispiel werden bei der Beschreibung des Bereiches der Wirklichkeit, den die klassische Physik des vergangenen Jahrhunderts erfassen konnte, Begriffe wie Masse, Ort, Geschwindigkeit, Gerade, Ebene verwendet. Dabei bestehen klare Vorschriften darüber, wie eine Masse oder ein Ort gemessen, wie eine Ebene technisch hergestellt oder geprüft werden kann. Erst durch diese Vorschriften erhalten die genannten Begriffe ihren physikalischen Sinn. Dabei kann nur durch die Erfahrung entschieden werden, wo und inwieweit diese Vorschriften durchgeführt werden können. Trotzdem kann man von einem abgeschlossenen Bereich der Wirklichkeit sprechen, der eben durch diese Begriffe erfasst werden kann.

Obwohl es also grundsätzlich möglich erscheint, verschiedene Begriffssysterne und Bereiche der Wirklichkeit klar auseinanderzuhalten, weil sie mit verschiedenen Verhaltensweisen und damit Fragestellungen verknüpft sind, so ist doch mit dem allgemeinen Hinweis auf eine solche Möglichkeit noch wenig gewonnen. Denn einerseits muss es das Ziel der wissenschaftlichen Betrachtung sein, die Bereiche der Wirklichkeit nicht nur aufzuzeigen, sondern die Gesamtheit der Zusarnmenhänge, die den Bereich bedeutet, lückenlos exakt zu formulieren. Andererseits lehrt die Betrachtung der einfachsten Vorgänge in der Natur, dass sich in den Dingen, die wir zum Gegenstand der Untersuchung machen, stets die verschiedenen Bereiche treffen oder überschneiden. Wenn es also möglich sein sollte, verschiedene Bereiche auseinanderzuhalten, indem man sich klarmacht, dass die verschiedenen Gesetze mit verschiedenen Fragestellungen zu tun haben, so ergibt sich doch, dass auch die verschiedenartigen Gesetze in enger Beziehung miteinander stehen müssen. Zum Beispiel kann man etwa das Knochengerüst eines Tieres von den Fragestellungen der Physik aus behandeln und untersuchen, wie es als statisches System auf äussere Beanspruchungen, auf Druck, Stoss und Zug reagiert; man kann es andererseits als Glied eines Organismus studieren. Da es aber nun das gleiche Ding ist, das einmal als Wirkungsfeld der physikalischen, das andere Mal als das der biologischen Gesetze erscheint, so müssen offenbar die physikalischen und die biologischen Gesetze so aufeinander abgepasst sein, dass an solchen Stellen der Überschneidung kein Widerspruch entsteht. Diese gegenseitige Beziehung verschiedenartiger Gesetzmässigkeiten ist einerseits eine Selbstverständlichkeit, denn die Gesetze sind ja einfach der Ausdruck der Erfahrung und die Erfahrung beginnt mit der Erkenntnis, dass es Dinge gibt. Andererseits stellt dieser Sachverhalt etwa für die mathematisch formulierten Gesetzmässigkeiten eine sehr hohe Forderung; er verlangt, dass zwei verschiedenartige Formalismen so vollständig aufeinander abgepasst sind, dass auch in den unendlich mannigfaltigen Konsequenzen der Formalismen nirgends Widersprüche auftreten. Dies kann in vielen Fällen nur dadurch erreicht werden, dass der eine Formalismus als Grenzfall in dem anderen enthalten ist. Es wird also in dem System der Bereiche, in die sich für uns die Wirklichkeit gliedert - zum mindesten in gewissen Teilen -, so etwas wie eine Rangordnung geben in dem Sinne, dass gewisse niedere Bereiche als spezielle und einfache Grenzfälle in höheren Bereichen enthalten sind. Das bedeutet nicht, dass es sich bei dem niederen Bereich etwa nicht um eine selbständige Gesamtheit von Gesetzen handelte; zu dem einfachen Grenzfall können andere und einfachere Begriffe gehören als zum ursprünglichen Bereich.

Die Ordnung der Wirklichkeit, die wir suchen, soll vom Objektiven zum Subjektiven aufsteigen. Sie soll also anfangen mit einem Teil der Wirklichkeit, den wir ganz ausserhalb von uns stellen können, in dem wir ganz absehen können von den Methoden, mit Hilfe derer wir von seinem Inhalt Kenntnis erlangen. An der Spitze der Ordnung aber stehen, wie in dem Goethe'schen Entwurf, die schöpferischen Kräfte, mit deren Hilfe wir selbst die Welt verwandeln und gestalten. Dabei darf das Wort »subjektiv« nicht in dem Sinne missverstanden werden, als handele es sich bei den höheren Bereichen etwa zum Teil um Sachverhalte, die nur für unser Gefuhl oder nur für bestimmte Menschen existierten, oder um irgendeine Art von eingebildeter Wirklichkeit. Mit dem Wort »subjektiv« ist keineswegs der blosse Schein gemeint. Im Gegenteil enthält jeder dieser Bereiche zum grössten Teil Zusammenhänge, die sich vollständig objektivieren lassen. Mit dem Wort »subjektiv« soll nur angedeutet werden, dass es bei einer vollständigen Beschreibung der Zusammenhänge eines Bereiches vielleicht nicht möglich ist, davon abzusehen, dass wir selbst in die Zusammenhänge verwoben sind. So kann zum Beispiel in der Atomphysik, wenn ihre Gesetze vollständig formuliert werden sollen, nicht mehr davon abgesehen werden, dass unser Körper und die Apparate, mit denen wir beobachten, selbst den Gesetzen der Atomphysik unterworfen sind; ferner tritt in ihr unsere Kenntnis eines Sachverhaltes an Stelle eines physikalischen Faktums. In noch viel stärkerem Masse wird das Entsprechende etwa in der Psychologie gelten. Die Existenz der menschlichen Seele ist zwar ein objektiver Tatbestand, den wir ganz ausserhalb von uns stellen können. In die Formulierung psychologischer Gesetze wird aber der Umstand wesentlich eingehen, dass wir selbst beseelte Wesen sind. Auch die Kräfte, von denen das Gleichnis der Religion spricht, sind »objektiv«.

Wenn also gesagt wird, dass es sich um eine Ordnung handeln soll, die vom Objektiven zum Subjektiven aufsteigt, so ist damit gemeint, dass in immer steigendern Masse das Erkenntnisverfahren, das uns von der Wirklichkeit Kunde gibt, selbst einen Bestandteil der Zusammenhänge bildet, die den betreffenden Bereich ausmachen. Es mag sein, dass eine solche Formulierung noch zu grob erscheinen würde, wenn man von höheren Bereichen schon so genaue Kenntnisse besässe, wie sie uns in den niedersten zur Verfügung stehen. Wir müssen uns aber jetzt damit bescheiden, die allgemeine Richtung zu kennen, in der die grundlegenden Unterschiede der höheren Bereiche von den niederen gesucht werden müssen.

Gegen den Plan der Einteilung, der in diesen Vorbemerkungen zum Vorschein kommt, wird man einwenden können, dass hier eigentlich nicht von Bereichen, sondern von bestimmten Idealisierungen der Wirklichkeit die Rede sei. Man kann z. B. sagen, dass die klassische Physik diejenige Idealisierung darstellt, bei der wir von dem Erkenntnisverfahren, das uns über die Wirklichkeit unterrichtet, ganz absehen können. Es sieht also so aus, als ob der eingeschlagene Weg nicht zu einer Ordnung der Wirklichkeit, sondern zu einer Ordnung unseres Verständnisses oder unserer Kenntnis der Wirklichkeit fuhren würde. Nun hat allerdings schon der Begriff Ordnung nicht nur die zu ordnende Sache sondern auch uns selbst zur Voraussetzung, und insofern erscheint es nicht verwunderlich, wenn bei einer Ordnung nicht entschieden werden kann, ob sie uns als eine Ordnung der Wirklichkeit oder unseres Verständnisses der Wirklichkeit entgegentritt. Ferner versteht es sich von selbst, dass jede ordnende Einteilung der Wirklichkeit eine Idealisierung erfordert, denn die Wirklichkeit umfängt uns zunächst als ein stetig in sich fliessender Zusammenhang, aus dem wir erst durch den Eingriff unseres Denkens - das eben insofern idealisiert - bestimmte Vorgänge, Erscheinungen, Gesetze herauslösen. Schliesslich aber muss man sich immer wieder klar machen, dass die Wirklichkeit, von der wir sprechen können, nie die Wirklichkeit »an sich« ist, sondern eine gewusste Wirklichkeit oder sogar in vielen Fällen eine von uns gestaltete Wirklichkeit. Wenn gegen diese letzte Formulierung eingewandt wird, dass es schliesslich doch eine objektive, von uns und unserem Denken völlig unabhängige Welt gebe, die ohne unser Zutun abläuft oder ablaufen kann und die wir eigentlich mit der Forschung meinen, so muss diesem zunächst so einleuchtenden Einwand entgegengehalten werden, dass doch schon das Wort »es gibt« aus der menschlichen Sprache stammt und daher nicht gut etwas bedeuten kann, das gar nicht auf unser Erkenntnisvermögen bezogen wäre. Für uns »gibt es« eben nur die Welt, in der das Wort »es gibt« einen Sinn hat.

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2. Die (klassische) Physik

 

Die hier angestrebte Ordnung soll also mit jenem »objektivsten« Bereich der Welt beginnen, von dem wir sprechen können, ohne direkt auf die Methoden Bezug zu nehmen, durch die wir von ihm erfahren. Dieser Bereich enthält in erster Linie den Teil der Welt, den in wissenschaftlicher Form die sogenannte »klassische Physik« zu beschreiben gestattet. Die erste vollständig entwickelte Disziplin dieser klassischen Physik war die Newton'sche Mechanik, die als Vorbild für die Art, wie eine Gesamtheit gesetzmässiger Zusammenhänge in der Natur vollständig mathematisch formuliert werden kann, für die Entwicklung der Naturwissenchaft entscheidende Bedeutung erlangt hat. Deshalb soll auch hier zuerst von der klassischen Mechanik die Rede sein.

 

 

a) Die Mechanik

 

Die Newton'sche Mechanik beginnt mit dem Begriff der Substanz. Sie nimmt an, dass jeder Körper aus einer bestimmten, durch Form oder Bewegungsänderungen nicht beeinflussbaren Menge »Materie« besteht, die als seine »Masse« bezeichnet werden kann (»Quantitas materiae« bei Newton). Diese Masse kommt dem Körper an sich zu, sie ist völlig unabhangig von den Methoden, durch die sie bestimmt werden kann. Offenbar stellt schon diese erste Annahme eine Idealisierung dar, die in der Natur nicht genau verwirklicht wird; denn die Körper, die unserer Beobachtung zugänglich sind, stehen stets in einem Austausch von Wirkungen mit anderen Körpern, der auch dauernd kleine Änderungen der Masse zur Folge haben kann. Der Umstand, dass diese Wirkungen geringfügig sind, gestattet jedoch den Begriff »Masse« zu bilden, und nachträglich kann dieser Begriff in der exakten Formulierung der mechanischen Gesetze so verfeinert werden, dass auch von diesen kleinen »Änderungen der Masse« gesprochen werden kann.

Ferner geht die Mechanik davon aus, dass jedem Körper (oder den einzelnen Teilen des Körpers) zu jeder Zeit ein bestimmter Ort zugehöre. Raum und Zeit erseheinen als zwei feste, von einander unabhängige Ordnungsschemata, in die die Vorgänge der Welt eingereiht werden können. Die Newton'sche Theorie verzichtet von vornherein auf den seit der griechischen Philosophie naheliegenden Gedanken, dass Raum und Materie miteinander verknüpft sein könnten, etwa in dem Sinne, dass der Raum gewissermassen von der Materie aufgespannt würde oder dass die Materie als Struktur des Raumes betrachtet werden müsste. Vielmehr begnügte sie sich damit, Raum und Zeit in der uns bekannten Form zu objektivieren, weil eben die Erfahrung lehrt, dass eine solche Objektivierung in einem weiten Bereich von Erfahrungen möglich ist. Dabei wird vorausgesetzt, dass im Raum die euklidische Geometrie »gelte«. Hier handelt es sich einerseits um eine Setzung, die keiner Prüfung an der Erfahrung fähig ist. Denn wenn etwa eine mit physikalischen Massstäben durchgeführte Messung eine Abweichung von den Gesetzen der euklidischen Geometrie ergibt, so können hierfür stets die physikalischen Eigenschaften der Stäbe verantwortlich gemacht werden. Wenn der Mechaniker in der Werkstatt die Frage, ob Metallplatten genau eben sind, dadurch prüft, dass er von drei Platten je zwei aufeinander legt und gegenseitig verschiebt und zusieht, ob sie sich stets überall berühren, so sichert er durch sein Verfahren, wenn es gelingt, die Gültigkeit der euklidischen Geometrie in den Ebenen der Platten. Andererseits ist diese Setzung der euklidischen Geometrie doch insofern eine Folge der Erfahrung, als sie sich uns deshalb aufdrängt, weil wir mit ihr der Erfahrung gegenüber so viel Erfolg haben. Tatsächlich kann der Mechaniker die drei Metallplatten so schleifen, dass sie sich aufeinandergelegt auch bei beliebiger Verschiebung überall berühren; wenigstens gilt dies in der Genauigkeit, die seinen Werkzeugen zu Gebote steht. Es ist eine Erfahrung, dass es sich so verhält, und nichts gibt uns das Recht zu glauben, dass der geschilderte Prozess auch mit immer weiter gesteigerter Genauigkeit durchgeführt werden kann.

Die Newton'sche Mechanik setzt ferner eine feste vom Ort unabhängige Zeitskala voraus. Es wird also auch hier an eine objektiv unabhängig von allem Geschehen »ablaufende« Zeit gedacht und es wird angenommen, dass diese Zeit etwa durch gleichgestellte Uhren an beliebigen Orten messend verfolgt werden kann. Auch diese Voraussetzung bewahrt sich in einem weiten Bereich von Erfahrungen.

Die Newton'sche Mechanik betrachtet also die Vorgänge in der Natur, insofern den Körpern (- unabhangig von allen Beobachtungsmethoden -) eine feste Masse und ein zu jedem Zeitpunkt bestimmter Ort in einem Raum euklidischer Metrik zugeschrieben werden kann. Wie weit diese Begriffe: Masse, Ort, Geschwindigkeit usw. bei der Beschreibung der Natur reichen, wird durch die Erfahrung entschieden.

Der materiellen »Masse« steht in der Mechanik als das »Bewegende« die immaterielle »Kraft« gegenüber. Dieser Gegensatz hat insofern etwas Befremdliches, als die Kraft ja ebenso wie die Materie eine ganz objektive in Raum und Zeit festgelegte Wirkung sein soll, was es schwierig macht zu verstehen, warum sie als etwas von der Materie durchaus Verschiedenes gedacht wird. Trotz der Erfolge, die mit der Vorstellung einer solchen immateriellen auf einen Körper wirkenden Kraft erzielt werden, meldet sich hier das Bedürfnis an, nur Gleiches auf Gleiches wirken zu lassen, also die Kraft selbst wieder als eine Form der Materie anzusehen. Tatsächlich ist dieser Schritt dann im 19. Jahrhundert in der Entwicklung der Elektrizitatslehre vollzogen worden, wovon später die Rede sein soll.

Die besondere Vorzugsstellung, die die Mechanik gegenüber allen anderen Teilen einer wissenschaftlichen Naturbeschreibung einnimmt, beruht einerseits darauf, dass sie das objektive Verhalten materieller Körper in Raum und Zeit - also etwas besonders Einfaches und Anschauliches - zum Gegenstand hat; andererseits aber auch darauf, dass kein Zustand der Materie vorgestellt werden kann, in dem nicht das Wirken der mechanischen Gesetze sichtbar in Erscheinung träte. Während es sehr wohl Zustände von Materie gibt, in denen sich die Wirkung weder chemischer noch biologischer Gesetze unmittelbar äussert (- man denke etwa an die glühenden Gase im Inneren der Sterne -), bleibt das Walten der mechanischen Gesetze sichtbar, solange überhaupt von Materie gesprochen werden kann. Die Mechanik kann also einerseits als eine besonders eingeschränkte Form der Naturbeschreibung bezeichnet werden, da sie die Vorgänge der Natur nur betrachtet, insoweit sie vollständig objektiviert werden können, andererseits kann sie als die umfassendste Naturgesetzlichkeit gelten, die überall in Erscheinung tritt, wo üerhaupt Materie angetroffen wird.

Die Gesetze der Newton'schen Mechanik werden vollständig durch einen mathematischen Formalismus abgebildet. In diesem Formalismus können aus den zu Grunde gelegten Voraussetzungen unendlich viele verschiedenartige Folgerungen hergeleitet werden, die alle zwangsläufig aus den Voraussetzungen folgen. Insofern könnte gesagt werden, dass sich der Ausgang irgendeines mechanischen Experiments mit mathematischer Sicherheit vorausberechnen lasse. Hiergegen kann zunächst eingewendet werden, dass die Voraussetzung, nämlich die Gültigkeit der in mathematischer Form aussprechbaren Gesetze, ja eine Frage der Erfahrung sei. Aus der Tatsache, dass die Sonne bisher jeden Tag aufgegangen ist, kann niemals logisch folgen, dass sie am nächsten Tag wieder aufgehen müsse. Dieser Einwand hat aber praktisch nur zur Folge, dass der Grad der Sicherheit, mit dem wir auf den bestimmten Ausgang des Experimentes rechnen, etwas eingeschränkt werden muss. Das Versuchsergebnis kann vorausgesetzt werden mit dem Grad von Sicherheit, mit dem wir wissen, dass am nächsten Tag die Sonne aufgehen wird. Dieser Grad von Sicherheit genügt uns immer. Eine weitere Einschränkung dieser Sicherheit ergibt sich freilich aus der Frage, ob üerhaupt von einem »mechanischen« Experiment die Rede sei. Dies ist ja stets nur in einer gewissen Annäherung der Fall; und im allgemeinen kann aus der Art, wie das Experiment angestellt wird, beurteilt werden, mit welchem Grad von Genauigkeit die experimentellen Voraussetzungen in den Begriffen: Masse, Ort, Geschwindigkeit usw. ausgedrückt werden können. Das Ergebnis eines Experiments kann aus den mechanischen Gesetzen nur mit einer diesem Genauigkeitsgrad entsprechenden Sicherheit vorhergesagt werden. Zur Erläuterung dieser verschiedenen Abstufungen von Sicherheit kann das folgende Beispiel dienen: Einem Erfinder, der sich bemüht, ein Perpetuum mobile zu bauen, kann - wenn er sich nicht auf mechanische (oder andere uns in ihren Gesetzmässigkeiten völlig bekannte) Vorgänge beschränkt - nur entgegengehalten werden, dass, nach den uns bisher bekannten Naturgesetzen zu urteilen, ein Perpetuum mobile wahrscheinlich unmöglich ist. Wenn dieser Erfinder ein rein mechanisches Perpetuum mobile zu bauen versucht, so kann man seine Bemühungen als sinnlos bezeichnen mit dem Grad von Sicherheit, mit dem wir wissen, dass morgen die Sonne aufgehen wird. Wenn der Erfinder jedoch die gedankliche Konstruktion eines solchen mechanischen Perpetuum mobile unter Anwendung der Newton'schen Gesetze unternimmt, so begeht er einen mathematischen Fehler.

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b) Elektrizität und Magnetismus

 

In der klassischen Physik ist der erste entscheidende Fortschritt über die Newton'sche Mechanik hinaus durch die Entwicklung der Elektrizitätslehre erzielt worden. Diese Disziplin hat die besonderen Kräfte zum Gegenstand, die zwischen elektrisch geladenen oder magnetischen Körpern auftreten; sie führt gleichzeitig zu einer ganz allgemeinen Analyse des in der Newton'schen Mechanik noch etwas fremdartigen Kraftbegriffs. In der Elektrizitätslehre wird die Kraft in ähnlicher Weise durch den Begriff des Kraft»feldes« objektiviert und raum-zeitlich festgelegt, wie die Materie in der Mechanik. Die Kraft erscheint nicht nur als eine Wirkung von einem Körper zum anderen, sondern sie ist selbst ein in Raum und Zeit ablaufender Vorgang, der sich von aller Materie völlig ablösen kann. Durch diese Verselbständigung der Kraft wird die enge Wesensverwandtschaft von Kraft und Materie klargestellt, die schliesslich ihren deutlichsten Ausdruck in den Gesetzmässigkeiten findet, die erst zu Anfang dieses Jahrhunderts im Zusammenhang mit der speziellen Relativitätstheorie entdeckt worden sind. Von dem heute gewonnenen Standpunkt aus erscheint es nicht als unnatürlich, etwa die Strahlung, d. h. das elektromagnetische Kraftfeld, als eine besondere Form der Materie zu bezeichnen; denn Materie kann sich in Strahlung verwandeln und Strahlung in Materie. Der Satz von der Erhaltung der Substanz erweitert sich zum Satz von der Erhaltung der Energie, und die Energie kann in den verschiedensten Formen auftreten: als Strahlung, als Bewegung, als Gewicht.

Diese Entwicklung von der Mechanik zur Elektrizitätslehre ist zunächst bei vielen Naturforschern auf Widerstand gestossen, weil die Verselbständigung des Kraftfeldes offenbar zu einer Auflösung des primitiven Substanzbegriffes der Newton'schen Mechanik führt. Es hat daher nicht an Versuchen gefehlt, den ursprünglichen Substanzbegriff wieder durch die Einführung eines hypothetischen Äthers in seine Rechte einzusetzen, der als der Träger der im Raum scheinbar selbständigen elektromagnetischen Felder betrachtet werden sollte. Aber eine Substanz, die sich nicht lokalisieren lässt und die wir weder fühlen noch wiegen noch sehen können, wie der Äther, verdient diesen Namen noch weniger als das elektromagnetische Kraftfeld, und so hat sich die Forschung zur Aufgabe jenes primitiven Begriffs von der Materie entschliessen müssen. Die Sprache, in der wir über die Natur sprechen, bildet sich eben im Wechselspiel von Handeln und Erfahren und hängt nicht nur von unseren oft historisch bedingten Wünschen ab.

Obwohl also die Erfahrungen über Elektrizitat und Magnetismus die Forschung zur Aufgabe eines grundlegenden Begriffs gezwungen haben, der lange Zeit als der sicherste Pfeiler des naturwissenschaftlichen Gebäudes gegolten hat, so kommt die Natur hier doch unserem Bedürfnis, zu objektivieren und alles Geschehen in einen objektiven Vorgang in Raum und Zeit zu projizieren, in dem weitesten Masse entgegen. In gewisser Weise kann die Elektnzitätslehre als die Vollendung dieses Programms angesehen werden, denn nach ihrem Einbau in das System der physikalischen Gesetze handelt es sich nur noch um ein einheitliches, alle Vorgänge der Natur umfassendes, in Raum und Zeit unabhängig von aller Beobachtung objektiv ablaufendes Geschehen, das wir - je nach der speziellen Situation und den von uns gestellten Fragen - mit den Begriffen Materie, Energie, Strahlung, Kraft usw. in ganz bestimmter Weise verknüpfen können. Die Gesamtheit der Gesetze, die dieses Geschehen beherrschen, kann unter der Bezeichnung »klassische Physik« zusammengefasst werden.

Die Vorgänge im Raum sind dabei in ihrem zeitlichen Verlauf durch den Anfangszustand vollstandig bestimmt. Die klassische Physik befriedigt also auch in der vollkommensten Weise unseren Wunsch, das Geschehen nach Ursache und Wirkung zu ordnen, d. h. alles was geschieht, als kausal bedingt aufzufassen. Sie idealisiert ja gerade die Vorgänge in der Welt in der Weise, dass sie die Geschehnisse als isoliert im Raum ablaufend betrachtet, ohne Rücksicht zu nehmen auf die (- als prinzipiell ausschaltbar angesehenen -) Wechselbeziehungen, die zwischen den gemeinten Vorgängen und der Umwelt bestehen müssen, damit die Vorgänge beobachtet und damit ein Teil unserer Welt werden können. Wenn eine solche Isolierung möglich ist, so lassen sich auch alle Ursachen überschauen, und die Kausalforderung kann in diesem isolierten Teil der Welt nur durch vollständige Determiniertheit befriedigt werden.

Ferner gilt für dieses System der klassischen Physik im Ganzen, was vorher speziell von der Mechanik gesagt wurde: Wenn der Begriff Materie in der Weise erweitert wird, wie dies durch die Entwicklung der Elektrizitätslehre nahegelegt wurde, so kann kein Zustand der Materie vorgestellt werden, in dem das Wirken der Gesetze der klassischen Physik nicht deutlich in Erscheinung träte - während es sehr wohl Zustände der Matene gibt, in denen chemische oder biologische Zusammenhänge nicht unmittelbar zu spüren sind.

Die Gesamtheit der gesetzmässigen Zusammenhänge, die wir als klassische Physik bezeichnen, ist in sich »abgeschlossen«. Damit ist gemeint, dass sie in einem System von Begriffen und Axiomen ausgesprochen werden kann, das keine Widersprüche enthält und das in gewisser Weise »vollständig« genannt werden kann. Vollständig nämlich insofern, als es zwar möglich ist, neue Begriffe dem System hinzuzufügen; aber die neuen Begriffe sind dann notwendig in ihrem formalen Zusammenhang im System so eng verwandt mit schon vorhandenen Begriffen, dass sie eher die Rolle einer neuen »Darstellung« (im mathematischen Sinne) der alten Begriffe spielen. In diesem Sinne also soll eine Gesamtheit von Zusammenhängen als »abgeschlossen« bezeichnet werden. Die Gesetze der klassischen Physik schliessen sich durch die Forderung, es solle sich stets um objektive zeitliche Veränderungen gewisser Grössen im Raume handeln, von selbst ab gegen andersartige Zusammenhänge. Wenn man den Rahmen der »klassischen Physik« so weit fasst -was natürlich nicht historisch, sondern nur begrifflich gerechtfertigt ist -, so gehören zu ihrem Bereich auch verschiedene Gesetzmässigkeiten, die erst in der allerneuesten Zeit entdeckt worden sind und die eben das Merkmal der Festlegung objektiver raum-zeitlicher Vorgänge mit den fruheren Teilen der Physik gemein haben. Als Beispiel seien die von de Broglie entdeckten Materiewellen genannt, die dann, wenn man von der korpuskularen Natur der Materie absieht, als objektive raumzeitliche Wellenvorgänge aufgefasst werden können. Sieht man von der Existenz der Elementarteilchen nicht ab, so gehören allerdings die mit diesem Begriff verbundenen Gesetzmässigkeiten nicht zum Bereich der klassischen Physik, sondern zu den Zusammenhängen, die unter den Gesamtbegriff Quantentheorie unterzuordnen sind. Dieses Beispiel macht deutlich, dass nicht die Dinge nach verschiedenartigen Bereichen geordnet werden können, sondern die Zusammenhänge.

 

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c) Das Unendliche

 

Zur klassischen Physik gehören ganz bestimmte Annahmen über die Struktur von Raum und Zeit. Die wichtigsten Eigenschaften dieser von aller Materie unabhängig vorgestellten Ordnungsschemata sollen sein:

1. Es gibt im leeren Raum keinen ausgezeichneten Punkt; vielmehr hat der Raum von jedem Punkt aus gesehen die gleiche Struktur.

2. Das entsprechende gilt mutatis mutandis auch für die Zeit.

3. Es ist im leeren Raum keine Richtung ausgezeichnet, der Raum hat von jeder Stellung aus gesehen die gleiche Struktur; er ist, wie der Mathematiker sich ausdrückt, isotrop.

4. Im leeren Raum ist keine gleichförmige-geradlinige Bewegung von einer anderen derartigen Bewegung ausgezeichnet.

Da der Raum drei Dimensionen hat, so enthalten diese vier Feststellungen, wenn man die Sätze für jede Raumdimension gesondert zählt, im Ganzen zehn Grundeigenschaften von Raum und Zeit. Diese zehn Grundeigenschaften bilden das eigentliche Fundament der klassischen Physik, und die ganze Struktur der mathematischen Systeme mit denen die klassische Physik formuliert wird, ist entscheidend bestimmt durch diese zehn »Invarianzeigenschaften«. Man kann sagen, dass diese zehn Grundeigenschaften nur eine nähere Präzisierung dessen bedeuten, was hier unter einem »leeren« Raum zu verstehen ist. Denn wenn etwa bestimmte Punkte im Raum ausgezeichnet wären, dann könnten, vom Materibegriff der Feldtheorie aus gesehen, diese Punkte folgerichtig als Orte von Materie gedeutet werden.

Diesen Grundeigenschaften werden noch zwei weitere entscheidende Annahmen in der klassischen Physik hinzugefügt: die Unabhängigkeit von Raum und Zeit und die Gültigkeit der euklidischen Geometrie. Erst durch die Gesamtheit dieser Voraussetzungen wird vollständig festgelegt, in welchen Formen von Raum und Zeit wir die Vorgänge der Welt anschauen.

Schon durch die Existenz solcher Anschauungsformen wird uns die Frage gestellt, wie die Welt aussieht, wenn wir an Räume denken, die entweder ungeheuer gross oder auch sehr klein sind verglichen mit den Räumen, in denen sich unsere gewöhnliche Erfahrung abspielt, oder wenn wir an eine unzählbar viele Jahre zurückliegende Vorzeit oder eine ebenso ferne Zukunft denken. Diese Frage nach dem »Ende der Welt« ist wohl so alt wie das menschliche Denken überhaupt, und verschiedene Zeiten haben auf sie sehr verschiedene Antworten gegeben.

In den früheren Jahrhunderten, in denen solche Probleme noch vom Mythos umwoben waren, erschien die Erde den Menschen als eine flache Scheibe. Das bewohnbare feste Land war rings vom Ozean umflossen, und der Ozean bildete zunächst praktisch das »Ende der Welt«. Dieser Ozean vertrat die Unendlichkeit, indem er überall gleich und leer ins Grenzenlose verläuft, eine einförmige Wüste, von der niemand sich vorstellen kann, wie sie aufhören könnte, wenn doch kein Land am anderen Ufer dem Segler mehr Aufnahme bieten kann. Über dem Ozean wölbte sich der Himmel; und als in späteren Zeiten die Kugelgestalt der Erde schon erkannt worden war, erschien der Himmel, gegliedert durch die kristallnen Sphären der Planeten und schliesslich abgegrenzt durch die letzte Sphäre, die der Fixsterne, gegen das eigentlich Unendliche; etwa gegen das ewige Feuer, das auch einförmig und grenzenlos den ganzen Raum jenseits der Welt erfüllen kann. Die Menschen waren also damals damit zufrieden, dass die unseren Sinnen erreichbare Welt durch bestimmte Grenzen abgeschlossen wird gegen eine jenseits der Grenzen beginnende unendliche Welt. Und obwohl die Vorstellung jener auf der anderen Seite beginnenden Unendlichkeit von den Anschauungsformen ihren Ausgang nehmen musste, so verband sie sich doch wohl mit dem Gedanken, dass unsere gewöhnliche Anschauung für diese Gebiete nicht mehr zuständig sei. Der Raum im gewöhnlichen Sinne war eng mit unserer Erde verbunden, und was sich jenseits der Grenzen noch an Raum fand, schien von anderer Art, schien schon durch seine Unendlichkeit in unmittelbare Verbindung mit den schöpfenschen Kärften zu treten, die wir in der Religion meinen.

In ähnlicher Weise wurde die Zeitspanne, in der das Wort Zeit im gewöhnhchen Sinne angewendet werden darf, als begrenzt gedacht durch Weltschöpfung und Weltuntergang, und es bestand ein deutliches Gefühl dafür, dass man nicht mehr fragen durfe, was vor der Weltschöpfung gewesen sei oder was nach ihrem Untergang kommen werde.

Dieses mythische Weltbild ist, nachdem es längst in vielen Einzelheiten durch ein anderes, der heutigen Wissenschaft näheres ersetzt worden war, wohl erst seit der Zeit der ersten Weltumsegelungen endgültig aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden. Seit jener Zeit wissen wir, dass wir jedenfalls auf der Erde nicht bis ans Ende der Welt reisen können, da jeder Weg, den wir in einer bestimmten Richtung vom Ausgangsort aus immer weiter und weiter verfolgen, schliesslich zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Aber ungefähr gleichzeitig brach sich auch die Erkenntnis Bahn, dass sich dort, wo früher die Sphäre der Fixsterne gedacht wurde, erst Räume ganz unvorstellbarer Ausmasse auftun, in die unser Auge beim Betrachten der fernsten Sterne dringen kann. Der Gedanke an eine Grenze der Welt verschwand damit allmählich aus dem wissenschaftlichen Weltbild; und diese fernsten Räume wurden beurteilt nach den Anschauungsformen, in denen wir die Welt auffassen, also nach den Regeln der euklidischen Geometrie. So bildete sich die Vorstellung, dass wir beim geradlinigen Fortschreiten in einer bestimmten Richtung in immer entferntere Räume fort bis ins Unendliche dringen würden, wobei es Aufgabe der Forschung sei zu erkennen, ob wir dabei schliesslich etwa auf völlig leere Räume oder immer wieder auf neue Sternsysteme stossen würden.

Dieser Gedanke, dass man die Naturgesetze und unsere Anschauungsformen bis ins Unendliche anwenden darf, wurde im Lauf der Entwicklung der Naturwissenschaft auch auf die Zeit übertragen. Auch hier verschwand die Vorstellung, dass die Welt nur vom Tage ihrer Schöpfung bis zu ihrem Untergange dauere, und wurde ersetzt durch Annahmen, die etwa auf einem ewigen periodischen Wechsel alles Geschehens, also auf einen im ganz Grossen gesehen stationären Zustand des Alls hindeuten.

Die in der klassischen Physik zu Grunde gelegte völlige Unabhängigkeit der Raum-Zeitstruktur von der Materie nötigte auch zu der Vorstellung, dass in den kleinsten Räumen und Zeiten grundsätzlich die gleichen Verhältnisse anzutreffen seien wie im Grossen. In folgerichtiger Weiterbildung dieses Gedankens entstanden Weltbilder, in denen etwa die kleinsten Teile der Materie wieder jeweils als neuer Kosmos einer um so viel kleineren Welt, und unser sichtbarer Kosmos wieder als ein kleinstes Materiestück eines noch viel grösseren Kosmos (- und so fort bis ins Unendliche -) gedeutet wurden.

Die Annahme, dass es unteilbare letzte Bausteine der Matene gebe, also die Atomhypothese erschien in der klassischen Physik als Fremdkörper. Die Atome konnten in ihr bestenfalls für den Aufbau der Materie eine ähnliche Rolle spielen, wie etwa die Zellen für den Aufbau eines Organismus, wobei vielleicht auch die praktische Unteilbarkeit der Atome zugestanden werden mochte. Grundsätzlich musste jedoch das Atom, ebenso wie jedes andere Stück Materie geteilt werden können, d. h. Atome im eigentlichen Sinne sollte es nicht geben.

Zu einem derartigen Weltbild führen die Grundsätze der klassischen Physik mit ihrer Unabhängigkeit von Raum-Zeitstruktur und Materie. Nun ist ja schon mehrfach betont worden, dass es sich bei dieser Hypothese der Unabhängigkeit offenbar um eine Idealisierung handelt; um eine Begriffsbildung, die sich den täglichen Erfahrungen gegenüber so ausgezeichnet bewahrt, dass sie dadurch von selbst ein Teil der Sprache wird, in der wir über die Natur sprechen. Durch Erfahrungen über ganz grosse oder ganz kleine Räume und Zeiten kann allerdings diese Hypothese kaum gestützt werden. Im Gegenteil musste schon die Existenz der Atome, die in den chemischen Erfahrungen im Lauf der Entwicklung immer deutlicher zu Tage trat, als Argument gegen die Unabhängigkeit der Raum-Zeitstruktur von der Materie betrachtet werden. Merkwürdigerweise hat jedoch die Revision dieses klassischen Weltbildes von einem viel tiefer liegenden, nur durch sehr subtile Beobachtungen zugänglichen Zuge der Wirklichkeit ihren Ausgang genommen.

Die Erfahrung, dass die Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichtes im leeren Raum von der Farbe und vom Bewegungszustand der Lichtquelle völlig unabhängig ist, kann mit dem Grundsatz, dass im Raum kein Zustand geradlinig-gleichförmiger Bewegung vor einem anderen ähnlichen Zustande ausgezeichnet sei, nur dann in Übereinstimmung gebracht werden, wenn man annimmt, dass die Lichtgeschwindigkeit unabhängig von der Bewegung des Beobachters relativ zu ihm stets den gleichen Wert habe. Die Erfahrung bestätigte diese Folgerung. Auf dem Boden der Newton'schen Physik, in der Raum und Zeit als völlig unabhängig gelten, ist dieses Ergebnis aber völhg unverständlich, da in ihr die Geschwindigkeit eines Lichtstrahls relativ zum Beobachter notwendig vom Geschwindigkeitszustand des Beobachters abhängen muss. Die genaue experimentelle und theoretische Analyse dieses Sachverhalts führte schliesslich dazu, die These von der Unabhangigkeit von Raum und Zeit aufzugeben. An ihre Stelle trat eine andere Vorstellung: Als »vergangen« bezeichnen wir die Ereignisse, von denen wir - wenigstens grundsätzlich - etwas erfahren können; als »zukünftig« die Vorgänge, die wir (auch wieder in diesem grundsätzlichen Sinne) noch beeinflussen können. In der Newton'schen Physik waren diese beiden Gruppen von Ereignissen, die vergangenen und die zukünftigen, nur durch ein unendlich schmales Zeitgebiet getrennt, das wir die Gegenwart oder genauer: den gegenwärtigen Moment nennen. Nach den Ergebnissen der »speziellen Relativitätstheorie« sind jedoch diese beiden Gruppen durch ein Zeitgebiet endlicher Ausdehnung getrennt, wobei die Zeitdauer des »gegenwärtigen« oder »gleichzeitigen« Ereignisgebiets um so länger ist, in je grösserer Entfernung von uns die Ereignisse sich abspielen. Einstein hat als erster den Mut gefunden, diese Abhängigkeit von Raum und Zeit auszusprechen, und hat sie in mathematischer Form festgelegt. Spätere Experimente haben die Folgerungen dieser neuen Vorstellung von der Raum-Zeitstruktur immer wieder auf das Genaueste bestätigt, sodass an ihrer Richtigkeit kaum mehr gezweifelt werden kann.

Mit dieser Entdeckung war die erste Bresche in die klassische Raum-Zeitvorstellung geschlagen. Mit ihr war die physikalische Wissenschaft um die Erkenntnis bereichert, dass auch die einfachsten Grundlagen der Physik, die Anschauungsformen, nicht ohne weiteres auf Vorgänge angewendet werden dürfen, die dem Bereich der täglichen Erfahrung weit entrückt sind, dass sie vielmehr in diesen neuen Bereichen stets durch das Experiment neu überprüft werden müssen.

Die Forschung war aufs vernehmlichste daran erinnert worden, dass das Fundament der Wissenschaft, wenn ihr Gebäude höher und höher geführt wird, gleichzeitig in die Tiefe sinken muss, wenn es sein Gewicht noch tragen soll. Denn der Boden, in dem dieses Gebäude ruht, ist ja nicht der Fels einer sicheren vor aller Wissenschaft stehenden Erkenntnis, sondern ist das fruchtbare Erdreich der Sprache, die aus Handeln und Erfahren sich bildet.

Die spezielle Relativitätstheorie setzt an die Stelle der Raum Zeitanschauung der Newton'schen Theorie eine andere, die aber nicht weniger bestimmt ist als jene. Die Unabhängigkeit von Raum-Zeitstruktur einerseits und Materie andererseits ist in ihr genau so gewahrt, obwohl die Einführung der Lichtgeschwindigkeit schon auf eine enge Beziehung zwischen dieser Struktur und dem materiellen Geschehen hinweist. Erst der Versuch, die Gravitation in das Gebäude der Physik einzugliedern, führte zur Aufgabe jener Unabhängigkeit und zur Annahme, dass die Geometrie der Welt in ganz grossen Räumen und Zeiten durch die Verteilung der Materie bestimmt sei. Diese »allgemeine Relativitatstheorie« ist wohl noch nicht im gleichen Masse experimentell gesichert, wie die »spezielle«, da es nur wenige zugehörige Experimente gibt, die mit einer genügenden Genauigkeit ausgefuhrt werden können, um als Prüfstein der Theorie gelten zu können. Aber wenn man überhaupt versuchen will, sich ein Bild von ganz fernen Räumen und Zeiten zu zeichnen, so kann dies ja sinnvoll nur auf dem Boden einer Theorie geschehen, die wenigstens allen bisherigen Erfahrungen über Raum und Zeit gerecht wird; also einstweilen auf dem Boden der allgemeinen Relativitätstheorie, die unsere Erfahrungen über elektromagnetische Wellen mit denen über die Gravitationserscheinungen widerspruchsfrei verknüpft.

Geht man von der Raum-Zeitvorstellung dieser Theorie aus, so muss man annehmen, dass die geometrischen Verhältnisse in ganz fernen Räumen und Zeiten von der Verteilung und dem Verhalten der Materie im Grossen abhängen. Legt man ferner die Erfahrungen zu Grunde, die von den Astronomen in den letzten Jahrzehnten über die Verteilung der Stern-Materie im Weltall gesammelt worden sind, so kommt man merkwürdiger Weise zu einem Weltbild, das in einigen Zügen dem mythischen Weltbild der vorwissenschaftlichen Zeit verwandt erscheint. Die astronomischen Erfahrungen legen nämlich nahe zu glauben, dass der Raum der Welt endlich sei. Zwar sollte dies nicht in dem einfachen Sinn des früheren Weltbildes zutreffen - man wird nicht etwa in weiter Entfernung von unserer Erde schliesslich an eine Grenze stossen; aber man sollte - ähnlich wie bei Reisen auf unserer Erdkugel - durch geradliniges Fortschreiten in immer grössere Entfernungen schliesslich zum Ausgangspunkt zurückkehren. Der hierbei zurückzulegende Weg soll endlich sein und kann ein Mass für die Grösse des Weltalls bilden. Die bisherigen Erfahrungen lassen auf Wege von einigen Milliarden Lichtjahren schliessen. Aus anderen astronomischen Beobachtungen kann gefolgert werden, dass der Zustand des Weltalls vor etwa fünf Milliarden Jahren völlig anders gewesen sein muss als jetzt; die Materie der Welt war damals offenbar auf einen viel engeren Raum unter höchsten Temperaturen zusammengepresst, und Sterne und Sternsysteme haben sich erst später gebildet. Man hat diese Folgerung gelegentlich in die Worte gefasst: das Weltall existiert erst seit etwa fünf Milliarden Jahren. Eine solche Formulierung ist aber stets unter dem Vorbehalt gemeint: soweit der Begriff »Jahr« auf die frühen Stadien jenes Entwicklungsprozesses angewendet werden kann. Es handelt sich hier also um eine Formulierung in wissenschaftlicher Terminologie, die ähnlich aufzufassen ist wie etwa der Satz: Der absolute Nullpunkt der Temperatur liegt bei -273 Grad. Obwohl mit einem solchen Satz ganz bestimmte Erfahrungen richtig bezeichnet sind, so wäre es doch ebensogut möglich, eine Temperaturskala einzuführen, in der der absolute Nullpunkt erst bei - Graden erreicht wird (d. h. richtiger: überhaupt nie erreicht werden kann), ohne dass dabei der Temperaturbegriff in dem unserer täglichen Erfahrung zugänglichen Gebiet geändert zu werden bräuchte. In ähnlicher Weise wird in einem früheren Stadium des Universums, in dem noch kein gleichmässiger Kreislauf der Gestirne das Fortschreiten der Zeit messen konnte, die Masseinheit der Zeit problematisch.

Die astronomischen Erfahrungen deuten also darauf hin, dass die uns anschaulich gegebene Struktur von Raum und Zeit emigermassen gültig ist nur für Räume, die sehr klein sind gegen Entfernungen von einigen Milliarden Lichtjahren und für Zeiten, die sehr kurz sind gegen einige Milliarden Jahre. In noch weiteren Räumen und noch früheren Zeiten stossen wir zwar nicht auf Grenzen, aber auf eine veränderte Raum- und Zeitstruktur, die einer endlichen Ausdehnung der Welt in Raum und Zeit äquivalent ist.

Die unvorstellbar grossen Entfernungen, von denen in diesem Weltbild der modernen Astronomie die Rede ist, erscheinen übrigens noch in einer anderen Perspektive, wenn man sie unter dem Gesichtspunkt der gegenseitigen Abhängigkeit von Raum und Zeit betrachtet. Man kann hier etwa die Frage stellen, in welchen Zeiten ein Weltraumwanderer - und eine solche Vorstellung ist von der heutigen Technik aus gesehen vielleicht nicht mehr völlig absurd-, der sich mit erträglichen Beschleunigungen im Weltraum bewegen könnte, die Reise von unseren Sternen zu ganz entfernten Sternsystemen zurückzulegen vermöchte. Eine theoretische Abschätzung lehrt, dass infolge der merkwürdigen Raum-Zeitstruktur, die in der speziellen Relativitätstheorie mathematisch formuliert ist, eine Zeitdauer von wenigen Jahrzehnten für den Reisenden genügen würde, um die Strecke zu den entferntesten uns bekannten Spiralnebeln zu durchqueren. Nur für den Betrachter, der die Reise von der Erde aus verfolgt, wird die Zeit zu unvorstellbarer Dauer anwachsen.

Wendet man sich nun von den ganz grossen Räumen wieder zu den kleinsten, so wird uns ein Weltbild, in dem das Atom selbst als kleiner Kosmos erscheint, nicht mehr glaubhaft vorkommen. Vielmehr hält die moderne Forschung für durchaus plausibel, dass in ganz kleinen Räumen und Zeiten andere Gesetze - auch eine andere Struktur von Raum und Zeit - gelten, als im Gebiet der täglichen Erfahrung. Die heutige Naturwissenschaft hat sich mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass in der Welt ganz bestimmte Ausdehnungen und Zeitdauern vor anderen ausgezeichnet seien. Eine solche Auszeichnung wäre zwar unverständlich, wenn es sich dabei nur um bestimmte Grössen von Dingen handelte - denn warum sollte das gleiche Ding nicht auch in einer beliebigen Verkleinerung oder Vergrösserung existieren können? Aber sie wird verständlich, wenn diese fundamentalen Masseinheiten in den Naturgesetzen vorkommen. Denn das gleichzeitige Bestehen zweier solcher Gesetze mit verschiedenen Werten der Konstanten wäre ein Widerspruch.

In der Entwicklung der Physik von der Newton'schen Mechanik über die Elektrizitätslehre zur Relativitätstheorie und zum Weltbild der neueren Astronomie ist die kritiklose Anwendbarkeit verschiedener Begriffe, die durch ihre grundlegende Bedeutung Bestandteile unserer naturwissenschaftlichen Sprache geworden sind, dem Streben nach Vereinheitlichung und Vereinfachung zum Opfer gebracht worden. Nach dem Abschluss dieser Entwicklung scheinen die Wörter: »Materie«, »Kraft«, »Struktur von Raum und Zeit« nur verschiedene Seiten des gleichen Geschehens zu bezeichnen. Die hierdurch erreichte Vereinheitlichung hat dabei zur Folge, dass keiner dieser Begriffe ohne Vorbehalt in dem einfachen ursprünglichen Sinne verwendet werden kann, sofern es sich nicht um Vorgänge im Bereich der täglichen Erfahrung handelt.

Obwohl sich also die Forschung durch die geschilderte Entwicklung in verschiedenen Weisen entfernt hat von der Idealisierung der Naturvorgänge, die der Newton'schen Mechanik zu Grunde liegt, so hat sie doch bis hierher in einem Punkt an der »klassischen« Idealisierung unverrückbar festgehalten: Sie hat die Vorgänge in der Natur nur insoweit betrachtet, als sie sich vollständig objektivieren, d. h. von uns weg als objektives Geschehen in Raum und Zeit projizieren lassen. Eben dieser Umstand gibt uns das Recht, den Teil der Wirklichkeit, der in den besprochenen physikalischen Disziplinen beschrieben wird, als einen letzten Endes einheitlichen Bereich von Zusammenhängen zu bezeichnen. Dass auch ein solcher einheitlicher Bereich innere Strukturen aufweist - dass aus ihm durch weitergehende Idealisierung einfachere Teilbereiche herausgelöst werden können -, wird uns ja durch die Entwicklung der Naturwissenschaft deutlich genug gezeigt.

 

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3. Die Chemie

 

Die Sprache der klassischen Physik, in der wir die Dinge der Welt nur mit den Wörtern: Materie, Kraft, Bewegung usw. begreifen, erscheint als sehr arm, wenn man sie mit der unendlichen Fülle der Erscheinungen vergleicht. Die nächste Erweiterung der Sprache, die sich hier von selbst darbietet, hat mit den sinnlichen Qualitäten der Dinge zu tun. Wir bezeichnen die materiellen Dinge als warm oder kalt, als fest oder flüssig, als von irgend einer Farbe, als zäh oder spröde, als hart oder weich; als sauer oder alkalisch, als salzig, als brennbar usw. Die menschliche Sprache verfügt über eine grosse Menge von Wörtern, mit denen Eigenschaften der Dinge bezeichnet werden, die nicht in das Begriffsschema: Bewegung, Kraft, Materie eingeordnet werden können.

Diese Eigenschaften lassen sich ebenso objektivieren, wie die Vorgänge der klassischen Physik: ein Körper ist an sich warm, ganz gleichgültig, wie dies etwa festgestellt werden kann; alle die genannten Eigenschaften kommen ihm objektiv, unabhängig von aller Beobachtung zu. Solange die Forschung sich also damit begnügt, solche Eigenschaften in die wissenschaftliche Sprache aufzunehmen, so erweitert sie dadurch nur jenen objektiven Bereich, den wir als klassische Physik bezeichnet haben. Oder man kann auch sagen: neben jenen Bereich der klassischen Physik tritt ein anderer Bereich der Qualitäten; beiden Bereichen ist jedoch gemeinsam, dass man über objektive Dinge und Vorgänge in Raum und Zeit sprechen kann; nur besitzt eben ein Ding neben seinen mechanischen Eigenschaften auch noch andere, wie etwa Farbe, chemisches Verhalten usw.

Nun belehren uns aber vielfache Erfahrungen, dass zwischen dem mechanischen Verhalten und den Qualitäten noch ein innerer Zusammenhang besteht. Eine allgemeine Vorstellung davon, dass die sinnlichen Qualitäten der Stoffe durch Lage und Bewegung, also durch mechanisches Verhalten der Atome »erklärt« werden könnte, lag ja schon der antiken Atomlehre zu Grunde. Die entstehende wissenschaftliche Chemie und die Entwicklung der Wärmelehre zwangen zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die Forschung, die Beziehung zwischen dem mechanischen Verhalten kleinster Materieteilchen und den Qualitäten der Körper näher zu untersuchen. Das erste Gebiet, in dem diese Zusammenhänge grundsätzlich aufgeklärt werden konnten, war die Wärmelehre.

 

 

 

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a) Die Wärme

 

Die Beobachtung sehr kleiner Materieteilchen unter dem Mikroskop lehrt, dass etwa in einer Flüssigkeit freibewegliche Teilchen dauernd eine unregelmässige Zitterbewegung ausführen, die stärker wird, wenn man die Flüssigkeit, in der die Teilchen suspendiert sind, erwärmt. Da sich ferner zeigt, dass diese Bewegung nur von der Masse und Grösse der Teilchen abhängt und mit abnehmender Grösse der Teilchen stärker wird, lag es nahe, die Beobachtung zu verallgemeinern und anzunehmen, dass mit zunehmender Erwärmung stets eine zunehmende Bewegung aller Teile, also letzten Endes aller Atome eines Körpers verknüpft sei; ja man konnte zu der Vermutung kommen, dass Wärme »nichts anderes sei, als der unregelmässige Bewegungszustand der Atome«. Mit dieser letzten Formulierung war nicht gemeint, dass die Wärme als Empfindung aus der wissenschaftlichen Sprache verschwinden sollte, aber der Begriff Wärme sollte in einen objektiven und einen subjektiven Bestandteil zerlegt werden. Insofern die Wärme als objektiver Vorgang in Raum und Zeit aufzufassen ist, sollte sie sich als Bewegung der Atome darstellen. Sie kann daneben auch Inhalt einer Empfindung und insofern Gegenstand der Betrachtung sein, aber dann gehört sie eben zu uns und ist nicht mehr nur objektiver Vorgang in Raum und Zeit. Der Plan, der durch diese Vermutung vorgezeichnet war, konnte von der Physik des letzten Jahrhunderts vollständig durchgeführt werden; nur an einer Stelle haben die Erfahrungen dazu gezwungen, den Plan - allerdings entscheidend - abzuändern.

Aus den Untersuchungen über das Verhalten erwärmter Körper hatte sich zunächst die sogenannte phänomenologische Wärmelehre entwickelt, die in einer der klassischen Physik angemessenen Weise mit den Begriffen Wärmemenge und Temperatur (zusammen mit den Begriffen der klassischen Mechanik) zu einer Ordnung der Erscheinungen vordrang. Bei dem Versuch, die Wärme mit der Bewegung der Atome in Verbindung zu bringen, zeigte sich auch, dass als Wärmemenge eminfach der Inhalt an Bewegungsenergie der Atome aufgefasst werden kann. Eine aus der Mechanik bekannte Grösse, die Energie, tritt also an die Stelle der »Wärmemenge«.

Dagegen gibt es keine einfache mechanische Vertretung des Temperaturbegriffs. Vielmehr stellte sich heraus, dass die Temperatur nicht eine mechanische Eigenschaft des Systems, sondern eine Aussage über unseren Grad der Kenntnis von dem System bedeutet. Wenn wir die Temperatur eines Körpers kennen, so wissen wir damit, dass der Körper ein gewissermassen willkürlich herausgegriffenes Exemplar aus einer grossen Gesamtheit ähnlicher Körper ist, wobei die Temperatur eine Aussage über die Verteilung in der Gesamtheit (der sogenannten »kanonischen Gesamtheit«) enthält. Die Temperatur kommt also nicht dem menschlichen System an sich zu, sondern bezeichnet unsere Kenntnis des Systems. An dieser Stelle unterscheidet sich die atomistische Wärmelehre grundlegend von der klassischen Physik, und der Umstand, dass hier zum ersten Male unsere Kenntnis eines Systems zur physikalischen Gegebenheit wird, veranlasst uns, die atomistische Wärmelehre dem nächsten Bereich der Wirklichkeit zuzuordnen, in dem die Vorgänge nicht mehr ohne Vorbehalt als objektives Geschehen in den Raum und die Zeit projiziert werden können. Eine unmittelbare Folge dieses Umstandes besteht auch darin, dass eine eindeutige Determinierung zukünftiger Vorgänge in der atomistischen Wärmelehre unmöghch ist. Denn wenn uns die Temperatur eines Körpers gegeben ist, so bedeutet dies eben einen bestimmten Grad von Kenntnis und Unkenntnis über das mechanische Verhalten der Atome, und für ihre zukünftige Bewegung lässt sich nur die Wahrscheinlichkeit angeben, mit der ein bestimmter Vorgang eintritt.

Die Erfahrungen der Forschung des vergangenen Jahrhunderts über die Wärme stellen uns also vor folgende eigenartige Situation: Man kann einerseits Wärme und Temperatur als neue objektive Qualitäten der Materie hinnehmen und ihre Gesetzmässigkeiten studieren. Dann verzichtet man allerdings auf den Zusammenhang zwischen Wärme und atomarer Bewegung, der doch aus vielen Erscheinungen unmittelbar zu erkennen ist. Oder man kann die Bewegungen der Atome im Sinne der klassischen Physik idealisieren; auch dann scheint es sich einfach um objektive Vorgänge in Raum und Zeit zu handeln. Schliesslich aber kann man aus vielen Erfahrungen folgern, dass die Begriffe »Wärme« und »Temperatur« etwas für die mechanische Bewegung der Atome bedeuten müssten. Dann lässtt sich zwar der Begriff Wärmemenge objektivieren; die Temperatur aber sagt etwas aus über den wahrscheinlichen Zustand des atomaren Systems, d. h. über unsere Kenntnis des Systems. Die Temperatur kommt den Körpern also nicht mehr »an sich« zu, und wir werden von neuem daran erinnert, dass die Welt, über die wir sprechen können, nicht die Welt »an sich«, sondern die von uns gewusste Welt ist.

Die geschilderte Situation in der Theorie der Wärme könnte nun etwa zu folgender Vermutung führen: Die zur Beschreibung der Qualitäten gebildeten Begriffe, wie etwa »Temperatur«, seien nur beschränkt anwendbar - etwa nur auf Systeme aus unzählbar vielen Atomen, unter geeigneten Bedingungen usw. -, aber sie bezeichnen nicht eigentlich das wirkliche Verhalten der Körper. Es handele sich vielmehr um statistische Begriffe (- wie etwa »das Lebensalter der Menschen« -), die ihrer Entstehung nach nur unter geeigneten Voraussetzungen angewendet werden können. Dieser mit statistischen Begriffen beschreibbaren Welt liege aber eine objektive Realitat zu Grunde, nämlich die Lage und die Bewegung der Atome. Die mechanischen Begriffe wären also vor den Qualitäten dadurch ausgezeichnet, dass sie das eigentlich reale Geschehen erfassen könnten.

Diese Vermutung hat sich als unrichtig erwiesen, und zwar durch die Erfahrungen, die in den letzten Jahrzehnten über die Zusammenhänge zwischen chemischen Eigenschaften und atomarer Bewegung gesammelt worden sind. Bevor über diese Erfahrungen gesprochen wird, muss übrigens betont werden, dass es wohl auch sehr unbefriedigend wäre, zu glauben, dass vom ganzen Reichtum der menschlichen Sprache einzig und allein die Begriffe der Mechanik geeignet wären, das »eigentliche« Verhalten der Welt zu schildern.

 

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b) Die chemischen Gesetze

 

Die Entwicklung der Chemie weist schon rein äusserlich manche Ähnlichkeit mit der Entwicklung der Wärmelehre auf; in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts haben sich beide Entwicklungen sogar gemeinsam vollzogen. Auch die Chemie beginnt mit einer phänomenologischen Beschreibung der Zusammenhänge, also mit einer Objektivierung der beobachteten chemischen Qualitäten. So entstehen etwa die Begriffe: sauer - alkalisch, Verbindung - Element, fest - flüssig, kristallin - amorph usw. Die Atomhypothese erweist sich als die natürlichste Methode, um die gefundenen Zusammenhänge zu ordnen. Dem Atom müssen dabei spezifische Kräfte, die sogenannten Valenzen zugeschrieben werden, mit denen es Nachbaratome binden kann; Atom- und Valenzbegriff zusammen geben in der Hauptsache schon das Gerüst, mit dessen Hilfe das Gebäude der Chemie errichtet werden kann.

Die elektrochemischen Erfahrungen nötigten weiter zu der Annahme, dass die Atome bestimmte elektrische Ladungen anzunehmen im Stande seien; die natürlichste geometrische Ausdeutung dieses Sachverhalts bestand wieder in der Hypothese, die Atome seien aus elektrisch geladenen Elementarbausteinen zusammengesetzt. Die Entwicklung der Chemie führte also die Forschung von selbst dahin, die Beziehungen zwischen den chemischen Qualitäten und dem mechanischen und elektrischen Verhalten der Elementarteilchen zu untersuchen. Dabei war es für den Ausbau der Chemie nicht unbedingt notwendig, die Atomhypothese in dieser Weise wörtlich zu nehmen. Da die Grösse der Atome in die meisten chemischen Gesetze nicht eingeht, konnte der Atombegriff als reine Arbeitshypothese angesehen werden, die chemischen Kräfte wurden dann als solche hingenommen und nicht weiter erklärt. Aber die zunehmende Verfeinerung der Beobachtungsmittel brachte die Atome und die Elementarteilchen unmittelbar in den zugänglichen Erfahrungsbereich, sodass der Frage nach dem Zusammenhang zwischen den chemischen Gesetzen und dem mechanischen Verhalten der Elementarteilchen nicht mehr auszuweichen war.

Auf dem Boden dieser Situation entstand die Bohr'sche Atomtheorie. Sie enthält das Ergebnis aller der Erfahrungen, die lehren, dass das Atom sich in vieler Hinsicht wie ein mechanisches System aus elektrischen Elementarladungen verhält. Das Atom des chemischen Elementes kann nicht als die unteilbare letzte Materieeinheit betrachtet werden, sondern gilt als zusammengesetzt aus den elektrischen Elernentarteilchen: Elektron, Proton usw. (- Es kann vielleicht als ein unglücklicher Zufall betrachtet werden, dass das Wort Atom durch die historische Entwicklung der kleinsten Materieeinheit eines chemischen Elementes zugefallen ist, während es, der griechischen Bedeutung des Wortes nach, den Elementarteilchen vorbehalten sein sollte. -) Die Bohr'sche Theorie löst in der Verbindung mit der modernen Quantentheorie die Aufgabe, die chemischen Qualitäten der Materie auf das mechanische oder elektrische Verhalten der Atome zurückzuführen. Allerdings gilt diese Feststellung nur mit der Einschränkung, dass das mechanische Verhalten der Elementarteilchen im Atom nicht mit den begrifflichen Mitteln der klassischen Physik behandelt werden kann. Es ist also wohl richtiger zu sagen: die Bohr'sche Theorie führt das chemische Verhalten der Stoffe auf einfache Gesetzmässigkeiten für die Elementarteilchen zurück, die mathematisch exakt festgelegt werden können wie die Gesetze der klassischen Physik, und die ausserdem in einer engen inhaltlichen Beziehung zu jenen Gesetzen stehen. Die Art dieser »engen inhaltlichen Beziehung« ist für das Verhältnis dieses zweiten Wirklichkeitsbereichs der Chemie zu dem der klassischen Physik entscheidend.

Die Gesetze der Quantentheorie haben etwa die folgende Form: Der »Zustand« eines atomaren Systems kann durch bestimmte »Zustandsgrössen« oder »Zustandsfunktionen« beschrieben werden; diese Zustandsgrössen stellen aber nicht unmittelbar einen Vorgang oder eine Situation in Raum und Zeit dar, wie die der klassischen Mechanik; es sind nicht etwa einfach die Orte und die Geschwindigkeiten der Teilchen, die einen Zustand charakterisieren. Sondern diese Grössen haben insofern eine gewisse Verwandtschaft mit dem Temperaturbegriff, als sie uns im allgemeinen nur Auskunft darüber geben, mit welcher Wahrscheinlichkeit gewisse Orte und Geschwindigkeiten der Elementarteilchen erwartet werden können, wenn eine Beobachtung dieser Grössen vorgenommen wird. Ausserdem sind diese Zustandsgrössen vielseitiger als die der klassischen Theorie. Die Atome haben ja noch andere Eigenschaften als die von mechanischen Systemen der klassischen Physik, insbesondere Eigenschaften, die mit den »sinnlichen Qualitäten« der Dinge zu tun haben. Die Zustandsgrössen enthalten auch noch Angaben über die Wahrscheinlichkeit bestimmter Werte dieser anderen Eigenschaften; z. B. die Wahrscheinlichkeit für eine bestimmte Farbe oder fur eine chemische Affinität des Atoms. Die Zustandsgrösse kann nicht selbst mit einem anschaulichen Begriff etwa von der Art: Ort, Geschwindigkeit, Farbe, Temperatur verknüpft werden. Sondern sie kann nur sozusagen im Hinblick auf solche anschaulichen Eigenschaften analysiert werden und bezeichnet dann die Wahrscheinlichkeit dafür, dass jene Eigenschaft, die beobachtet werden soll, ganz bestimmte Werte annimmt. Dabei kann die Wahrscheinlichkeit in besonderen Fällen der Sicherheit beliebig nahe kommen und in diesen Fällen kann daher gesagt werden, dass die Zustandsgrösse eine bestimmte objektive Eigenschaft des Systems bezeichne; aber auch dann enthält die Zustandsgrösse mehr als die Bezeichnung der betreffenden Eigenschaft, und dieses »mehr« ist nicht ein »objektiver« Tatbestand.

An diesern Verhältnis sind zwei Züge besonders wichtig: Der Umstand, dass die Zustandsgrösse mit der Gesamtheit ihrer Aussagen nicht selbst einen objektiven Sachverhalt in Raum und Zeit bezeichnet, und die Notwendigkeit, durch die Beobachtung jene »Analyse« der Zustandsgrösse vorzunehmen, die ihren Zusammenhang mit der Wirklichkeit vermittelt.

Was zunächst den ersten Punkt betrifft, die Unmöglichkeit, die Zustandsgrössen im gewöhnlichen Sinne zu objektivieren, so folgt diese Unmöghchkeit am deutlichsten aus dem abstrakten mathematischen Charakter dieser Grössen. Sie sind häufig formal dargestellt durch Funktionen in mehrdimensionalen abstrakten Räumen, die also sicher nicht unmittelbar einen Vorgang in Raum und Zeit unserer Anschauung bedeuten können. Der Zustandsbegriff der Quantentheorie ist wesentlich abstrakter, als etwa der Temperaturbegriff der Wärmelehre, der sich doch an eine sinnliche Vorstellung anlehnt. Aber erst durch diese Abstraktheit entsteht der Reichtum, der die Zustandsgrösse befähigt, zu sinnlichen Qualitäten ganz verschiedener Art in Beziehung zu treten, über sie etwas auszusagen. Die Zustandsgrösse bezeichnet also im allgemeinen nicht eine bestimmte den Sinnen zugängliche Eigenschaft des Systems, sondern eine besonders geartete Fülle von Möglichkeiten für alle sinnlich wahrnehrnbaren Eigenschaften.

Aus den Möglichkeiten entsteht etwas Objektives erst durch den Akt der Beobachtung. Man versteht hieraus, dass der Akt der Beobachtung und der Eingriff, der zur Beobachtung notwendig ist, einen entscheidenden Zug der quantentheoretischen Zusammenhänge bedeutet. Die Beobachtung verändert im allgemeinen den Zustand des Systems: Einerseits durch den Eingriff, der die Beobachtung ermöglicht und der in dem Gebiet, in dem es sich um die unstetigen Änderungen der kleinsten Materieeinheiten handelt, nicht mehr beliebig klein gemacht und nicht mehr in seinen Auswirkungen genau kontrolliert werden kann. Andererseits dadurch, dass jede Beobachtung unsere Kenntnis des Systems verändert; und da der Inhalt, der rationell mit dem Begriff: »Zustand des Systems« verbunden werden kann, eben eine Kenntnis des möglichen oder wahrscheinlichen Verhaltens ist, so wird durch die Beobachtung unstetig verändert, was wir »Zustand« nennen müssen.

Dieser Eingriff der Beobachtung hat ferner zur Folge, dass nicht alle Eigenschaften des Systems gleichzeitig objektiviert werden können. Vielmehr stehen die einzelnen Eigenschaften vielfach in »komplementären« Verhältnissen zueinander. Damit ist gemeint, dass die Objektivierung, d. h. die beobachtende Festlegung einer bestimmten Eigenschaft die Kenntnis bestimmter anderer Eigenschaften ausschliesst. Durch die Beobachtung einer bestimmten Eigenschaft des Systems wird der Zustand so verändert, dass eine etwa von früheren Beobachtungen übriggebliebene Kenntnis über den Wert oder den wahrscheinlichen Wert einer anderen Eigenschaft dabei verlorengeht.

Was von einem atomaren System gewusst werden kann, also der Inhalt der Zustandsfunktion, kann damit genauer so beschrieben werden: Die Zustandsfunktion bezeichnet zunächst nur Wahrscheinlichkeiten dafür, dass ein bestimmtes Resultat gefunden werden wird, wenn eine Eigenschaft des Systems untersucht wird. Die Wahrscheinlichkeit kann für einzelne Eigenschaften der Sicherheit gleichkommen. Dann bezeichnet die Zustandsgrösse in dieser Hinsicht einen objektiven Sachverhalt. Es gibt aber stets andere komplernentäre Eigenschaften des Systems, für die die Kenntnis der Zustandsfunktion keinen objektiven Sachverhalt vermittelt. Für diese anderen Eigenschaften gibt die Zustandsfunktion wieder nur die Wahrscheinlichkeit dafür an, dass etwas Bestimmtes gefunden würde, wenn eine Beobachtung jener anderen Eigenschaften vorgenommen würde. Eine solche Beobachtung wird aber erst ermöghcht durch einen äusseren Eingriff. Dieser Eingriff verändert das System in der Weise, dass die gesuchte neue Eigenschaft objektiviert werden kann, womit aber gleichzeitig die Objektivierung der vorher bekannten Eigenschaft verloren geht. Das Resultat der neuen Beobachtung führt also zu einer neuen Kenntnis und, als Darstellung dieser Kenntnis, zu einer entsprechenden neuen Zustandsfunktion, die nun andere Eigenschaften des Systems objektiviert, als die frühere.

Diesen verwickelten Sachverhalt kann man durch Beispiele verständlicher machen. Es kann etwa das chemische Verhalten eines Stoffes bekannt sein. Z. B. sei festgestellt, dass ein bestimmtes Gas chemisch reiner Wasserstoff bei bekannter Temperatur sei; von ihm ist damit bekannt, dass er etwa mit Sauerstoff unter Abgabe einer ganz bestimmten Wärmemenge zu Wasser verbrennen kann. Diese Feststellungen vermitteln einen gewissen Grad von Kenntnis über den Zustand der einzelnen Moleküle, der in einer Zustandsfunktion aufgeschrieben werden kann. In diesem Zustand der Moleküle können die geometrischen Eigenschaften des Atoms, d. h. die Stellung oder die Bewegung der Elektronen, die das Molekül zusammensetzen, nicht objektiviert werden. Man kann dies so ausdrücken, dass man die Bewegung der Elektronen in diesem Zustand als prinzipiell unbekannt bezeichnet. Es ist aber wohl richtiger zu sagen, dass es solche Bewegungen in diesem Zustand gar nicht gibt, denn unter »Bewegung« verstünden wir einen objektiven Vorgang in Raum und Zeit. Man kann aber natürlich Experimente anstellen, die über die Bewegung der Elektronen im Molekül Aufschluss geben. Durch ein solches Experiment wird der Zustand des betreffenden Moleküls so verändert, dass nunmehr von Elektronenorten im Raum zu gegebener Zeit gesprochen werden kann; aber das chemische Verhalten des Moleküls kann jetzt nicht mehr objektiviert werden. Etwa seine Bindungswärme mit Sauerstoff ist jetzt prinzipiell unbekannt; das Ergebnis eines Experiments zu ihrer Bestimmung könnte nur statistisch vorhergesagt werden, und man kann diesen Sachverhalt radikal ausdrücken, indem man sagt: Es hat keinen Sinn, in diesem neuen Zustand von einer bestimmten Bindungswärme zu sprechen.

Wenn früher gesagt worden ist, dass die Bohr'sche Theorie das chemische Verhalten der Materie auf die Bewegungen der kleinsten Teile, der Elektronen, zurückführe, so erkennt man jetzt, dass der in der Quantentheorie niedergelegte Sachverhalt in einer scheinbar entgegengesetzten Form ausgesprochen werden kann: Man darf behaupten, die Quantentheorie habe geradezu gezeigt, dass die chemischen Gesetze einen selbständigen neuen Zusammenhang darstellen, der nicht durch die mechanischen Bewegungen kleinster Teilchen erklärt werden könne. Denn tatsächlich schliessen sich die chemischen Zusammenhänge aus von den mechanischen - in dem Sinn, dass der Zustand eines Atoms, in dem wir sein chemisches Verhalten kennen, nicht durch mechanische Bewegungen der Atombausteine beschrieben werden kann, während umgekehrt eine genauere Kenntnis des mechanischen Verhaltens der Elektronen die Kenntnis der chemischen Eigenschaften unmöglich macht. Der früher ausgesprochene Satz, dass die Bohr'sche Theorie das chemische Verhalten oder allgemeiner: die sinnlichen Qualitäten der Materie auf Bewegungen der kleinsten Teile zurückführe, ist also in dem Sinne aufzufassen, dass durch die moderne Atorntheorie bis in alle Einzelheiten klargestellt worden ist, wie die chemischen Zusammenhänge mit den schon früher bekannten mechanischen oder allgemeiner physikalischen Gesetzen zusammenpassen. Gleichzeitig hat die Atomtheorie den chemischen Gesetzen ihre wohl endgültige mathematische Form gegeben.

Die chemischen Gesetze müssen so lückenlos mit den physikalischen (d. h. mechanischen, elektrischen, optischen) Gesetzmässigkeiten zusammengefügt sein, dass Widersprüche auch in den entferntesten Folgerungen nie eintreten können; dies drückt sich in ihrer mathematischen Formulierung darin aus, dass die Zusammenhänge der klassischen Physik, also jene Zusarnmenhänge, die sich unmittelbar auf objektive Vorgänge in Raurn und Zeit beziehen, als Grenzfälle in den allgemeineren der Quantentheorie enthalten sind. Der Bereich der klassischen Physik erscheint von diesem formalen Standpunkte aus als ein Spezialfall, ein Teil des allgemeineren Bereichs der in der Quantentheorie niedergelegten Gesetze. Grundsätzlich allerdings schafft umgekehrt die klassische Physik erst die Voraussetzung für die Formulierung der quantentheoretischen Zusammenhänge. Denn mittelbar müssen sich auch diese quantentheoretischen Gesetze auf objektive Vorgänge in Raum und Zeit beziehen, da ja im Gebiet des materiellen Geschehens zunächst sinnvoll nur über in diesem Sinn objektive Vorgänge gesprochen werden kann. Die klassische Physik bildet gewissermassen einen integrierenden Bestandteil der Sprache, mit deren Hilfe erst die Zusammenhänge der Quantentheorie ausgedrückt werden können. Das im Lauf der Jahrhunderte sich entwickelnde Verständnis der Welt in einer wissenschaftlichen Ordnung kann daher mit der Erlernung der Sprache durch die Kinder wohl verglichen werden: Zunächst bilden sich aus den einfachen Erfahrungen Begriffe, die aber nicht eigentlich die Wirklichkeit sondern Idealisierungen der Wirklichkeit darstellen; diese emfachen Begriffe sind die Voraussetzungen dafür, dass kompliziertere Zusammenhänge verstanden und kompliziertere Begriffe oder Idealisierungen gabildet werden. Diese Begriffe erst geben die Möglichkeit, über verwickeltere Sachverhalte zu sprechen und damit auch die Grenzen des Anwendungsbereichs der einfachen Begriffe festzulegen.

Das gegenseitige Verhältnis der chemischen Zusammenhänge und der spezielleren physikalischen Zusammenhänge stellt sich uns also in dieser Weise dar: Damit die chemischen Gesetze in ihrer Beziehung zu den physikalischen verstanden werden können, ist die Erweiterung des Rahmens der klassischen Physik zu dem der Quantentheorie notwendig. Die quantentheoretischen Gesetze sind denen der klassischen Physik übergeordnet: Sie umfassen diese als Grenzfall und enthalten ausserdem die Gesetze der Chemie und allgemeiner die Gesamtheit der Gesetzmässigkeiten, die sich auf die sinnlichen Qualitäten der Materie beziehen. Die quantentheoretischen Zusammenhänge gestatten damit auch nachträglich, die Grenzen der beiden Bereiche: Physik und Chemie festzulegen.

 

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c) Die Grenzen der Bereiche

 

Es ist früher gesagt worden, dass die Newton'sche Mechanik den Bereich der Wirklichkeit, über den mit den Begriffen »Masse«, »Ort«, »Geschwindigkeit« usw. gesprochen werden kann, exakt darstelle. Daher entsteht die Frage, wie sich eine solche Behauptung im Hinblick auf die Gesetze der Quantentheorie noch verteidigen lasse. Offenbar könnten ja aus der Gü1tigkeit der klassischen Mechanik etwa für die Elektronen eines Atoms Schlüsse gezogen werden, die in der Erfahrung nicht zutreffen.

Dieser scheinbare Widerspruch wird in der Quantentheorie in folgender Weise aufgelöst: Die Gesetze der Mechanik können im allgemeinen erst dann eindeutig auf ein System angewandt werden, wenn die charakteristischen Bestimmungsstücke des Systems (z. B. die Orte und die Geschwindigkeiten aller Massenpunkte) genau bekannt sind. Diese Bestimmungsstücke stehen nun nach der Quantentheorie zum Teil in »komplementären« Verhältnissen, d. h. die genaue Kenntnis des einen schliesst der Kenntnis eines anderen aus. Eine vollständige Kenntnis eines mechanischen Systems in dem Sinne, in dem dies in der Newton'schen Mechanik gemeint war, lässt sich also überhaupt nicht erreichen. Was sich erreichen lässt, ist die Kenntnis eines »Zustandes« im quantentheoretischen Sinne, und diese bedeutet, soweit von den mechanischen Begriffen allein gesprochen wird, eine in bestimmtem Masse ungenaue Kenntnis der Bestimmungsstücke. Überall dort, wo nun nach den Regeln der klassischen Physik aus dieser ungenauen Kenntnis doch schon ein praktisch eindeutiger Schluss über bestimmte Eigenschaften des Systems gezogen werden kann, besteht dieser Schluss auch in der Quantentheorie und in der Erfahrung zu Recht. Dies ist der präzise Sinn der Aussage, dass die Newton'sche Mechanik den Bereich der Wirklichkeit, der mit den Wörtern Masse, Ort, Geschwindigkeit beschrieben werden kann, exakt darstelle. In den Fällen, in denen jedoch ein eindeutiger Schluss nicht möglich ist, bleiben auch in der klassischen Mechanik nur statistische Aussagen übrig. Diese statistischen Aussagen der klassischen Mechanik erweisen sich in der Erfahrung und damit in der Quantentheorie, die diese Erfahrungen darstellt, als unrichtig. Über die Häufigkeit mechanischer Gabilde kann die klassische Mechanik keine Auskunft geben; denn diese Häufigkeit wird im Gebiet atomarer Kleinheit durch die andersartigen Zusammenhänge bestimmt, die der Mechanik fremd sind und die gewissermassen in die durch die ungenaue Kenntnis der klassischen Bestimmungsstücke entstandene Lücken treten können.

Um ein Beispiel aus der Atomphysik zu nennen: Wenn von einem Elektron bekannt ist, dass es sich in einem Abstand der Grössenordnung ein zehnmillionstel Millimeter um ein Proton (einen Wasserstoffatomkern) mit einer Geschwindigkeit bewegt, die in der Gegend von einem Hundertstel der Lichtgeschwindigkeit liegt, so würde aus dieser Kenntnis in der klassischen Mechanik gefolgert werden, dass das Elektron irgendeine Energie besitze, die in der Grössenordnung vergleichbar ist mit der Bindungsenergie des Elektrons im Grundzustande des Wasserstoffatoms. In einem weiten Energiebereich waren alle Werte der Energie ungefähr gleich wahrscheinlich. In Wirklichkeit kann man aus der vorausgesetzten Kenntnis mit grosser Wahrscheinlichkeit schliessen, dass es sich um ein Elektron im Grundzustand des Wasserstoffatoms, d. h. um ein Elektron ganz bestimmter Energie handelt. Der statistische Schluss aus der klassischen Mechanik versagt also an der Erfahrung, da er die Existenz nichtmechanischer Zusammenhänge ausser Acht lässt; er vergisst in diesem Falle die chemischen Kräfte, die eine ganz bestimmte Bindungsenergie des Elektrons zur Folge haben.

Man kann dieses völlige Versagen der klassischen Mechanik bei der Bestimmung der Häufigkeit atomarer System als den zu allererst in die Augen fallenden Beweis für das Wirken nichtmechanischer Gesetzmässigkeiten in der Natur ansehen. Die Existenz stabiler Atome mit ganz bestimmten stets gleichen Eigenschaften (Bindungsenergien, chemischen Kräften, Farben usw.) in einer Anzahl, die mit der Gesamtzahl aller atomaren Systeme verglichen werden kann, ist für die klassische Mechanik völlig unverständlich und bildet den Beweis für Zusammenhänge anderer Art.

Andererseits wird die Nachprüfung der klassisch-physikalischen Gesetze am einzelnen Atom überall dort, wo eine eindeutige Prüfung möglich ist, die Gültigkeit der klassischen Gesetze genau bestätigen.

Die Gesetzmässigkeiten der Physik und der Chemie erscheinen, wenn man sie danach beurteilt, wie unmittelbar sie sich auf objektive Vorgänge in Raum und Zeit beziehen, als gleichgeordnet und der Gesamtheit quantentheoretischer Zusammenhänge untergeordnet. Trotzdem wird eine gewisse Rangordnung dieser beiden Gesetzesgruppen erkennbar, wenn man nach dem Grad von Allgemeinheit fragt, mit dem ihr Wirken in der Natur in Erscheinung tritt. Während nämhch die Gesetze der klassischen Physik stets deutlich sichtbar walten, wo immer sich materielle Vorgänge abspielen, sind die eigentlich »chemischen« Vorgänge an speziellere äussere Bedingungen geknüpft. So können zum Beispiel in der bei höchsten Temperaturen und unter ungeheurem Druck glühenden Materie des Sterninneren nach unseren heutigen Kenntnissen chemische Vorgange im eigentlichen Sinne nicht ablaufen. Jene vollständigen und oft plötzlichen Änderungen in der Struktur der Materie, die bei der Durchmischung verschiedenartiger Stoffe auftreten können - etwa als Verbrennung, Kristallisation, Lösung - und die wir »chemisch« nennen, sind in dem Gebiet extremer Temperaturen und Drucke unmöglich, da sich hier überhaupt nicht mehr stabile Atome zu Molekülen oder zu fester oder flüssiger Materie zusammenfügen. Man kann von »chemischen« Vorgängen dort höchstens noch im Hinblick auf die Atomkerne sprechen, doch handelt es sich hierbei nicht um Prozesse, die man im üblichen Sinne »chemisch« nennen würde. Da manche astronomische Erfahrungen darauf hindeuten, dass in jenem unseren anschaulichen Begriffen schon halb entzogenen Zustand der Welt vor etwa fünf Milliarden Jahren die ganze Materie des Weltalls auf einen verhältnismässig kleinen Raum konzentriert unter höchsten Temperaturen geglüht hat, so muss vermutet werden, dass das chemische Geschehen sich erst allmählich bei der Abkühlung der nun schon zu Sternen zusammengeballten Materie an der Oberfläche der Sterne zu entwikkeln begonnen habe - ähnlich wie erst in einem noch viel späteren Stadium unter noch viel spezielleren Bedingungen auf einem oder vielleicht auf vielen Sternen das Leben begonnen haben muss. Wir werden also zu dem Schluss gedrängt: Während die chemischen Gesetze - oder die der Physik und Chemie übergeordneten Gesetze der Quantentheorie - zeitlos »gelten« (denn sonst könnte garnicht von einem »Gesetz« gesprochen werden), sind die speziellen Vorgänge, die wir als chemisch bezeichnen, erst allmählich in der Entwicklung des Weltalls aufgetaucht.

Noch von einem anderen Gesichtspunkt aus können die chemischen Gesetzmässigkeiten als eine an speziellere Bedingungen geknüpfte »höhere« Organisationsform der Materie angesehen werden: Chemische Vorgänge können sich nur an Materiestücken abspielen, die eine gewisse Mindestgrösse überschreiten. Ein einzelnes Molekül stellt jedenfalls die untere Grenze für chemisches Geschehen dar; denn ein einzelnes Elektron, das eigentliche Elementarteilchen, kann keine chemischen Prozesse mehr durchmachen, es besitzt weder Valenzkräfte noch Bindungsenergien oder sonst irgendwelche chemische Eigenschaften. Dabei kann diese untere Grenze für die Grösse der Materiestücke, an denen chemische Vorgänge beobachtet werden können, nicht scharf festgelegt werden: sobald man sich dieser unteren Grenze nähert, wird vielmehr der Begriff »chemischer Vorgang« fragwürdig. Nur wenn man durch willkürliche und künstliche Definitionen diesen Begriff schärfer fasst, als es seinem Wesen entspricht, kann jene untere Grenze genauer bestimmt werden. Auch hier gilt fur die Grenzen der Chemie etwas Ähnliches wie für die Grenzen des Lebens: Im Gebiet der kleinsten Organismen kann ja auch die Frage, ob ein bestimmtes Gebilde ein »lebendes Wesen« oder ein Stück »toter Materie« sei, nur durch willkürliche Definitionen beantwortet werden.

Die Schwierigkeit, die chemischen Vorgänge im Gebiet der kleinsten Materieeinheiten von rein mechanischen Vorgängen zu trennen, hat auch zur Folge, dass der Bereich der chemischen Zusammenhänge nicht im gleichen Sinne als abgeschlossen gelten kann, wie der der klassischen Physik. Die Chemie geht vielmehr kontinuierlich über in Mechanik und Elektrik - mit denen sie aber doch wieder nur vereint werden kann, wenn man die Forderung, stets nur von objektiven Vorgängen in Raum und Zeit zu sprechen, aufgibt zugunsten der Anerkennung allgemeiner quantentheoretischer Zusammenhänge. Es scheint daher richtig, die Quantentheorie als den nachsthöheren, der klassischen Physik übergeordneten Bereich zu betrachten, die Chemie dagegen nur als eine besondere Projektion dieses Bereichs in die Ebene der objektiven raum-zeitlichen Vorgänge.

Die klassische Physik stellt die Idealisierung der Wirklichkeit dar, bei der nur von objektiven materiellen Vorgängen in Raum und Zeit gesprochen wird - unabhängig von der Frage, wie diese Vorgänge etwa festgestellt werden können. Die Quantentheorie umfasst einen weiteren Bereich der Wirklichkeit: Sie kann betrachtet werden als die Idealisierung, bei der man einen Zustand durch die Angabe beschreibt, mit welcher Wahrscheinlichkeit gewisse materielle, raumzeitliche Vorgänge ablaufen, wenn sie (durch äussere Eingriffe) der Beobachtung zugänglich gemacht werden: also jene Idealisierung, bei der die Wirklichkeit in jedem Augenblick als eine bestimmte Fülle von Möglichkeiten zur objektiven Realisierung erscheint.

 

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d) Der Zufall

 

So wie alles Erkennen und Bezeichnen, und damit die ganze Sprache auf der Wiederholung beruht, d. h. auf der Möglichkeit, unter verschiedenen Umständen etwas »Gleiches« zu finden, so nimmt auch die wissenschaftliche Ordnung der Welt von der Wiederholung, von der Gesetzmässigkeit ihren Ausgang. Ganz allgemein basiert schon der mit der Sprache unternommene Versuch, etwas »Objektives« darzustellen, auf der durch den Erfolg gerechtfertigten Voraussetzung, dass eine feste Kette von Ursache und Wirkung vom »Objekt« zu uns und, wenn wir handeln, von uns zum Objekt führe. Denn ohne diese feste Kausalkette könnte nicht von einer »Wahrnehmung« auf einen bestimmten »Vorgang« geschlossen werden, und jeder Verständigung über das, was geschieht, wäre die Grundlage entzogen.

Dieser Situation wird die klassische Physik insofern gerecht, als sie die Darstellung objektiver Vorgänge in Raum und Zeit von Anfang an mit der Voraussetzung der völligen Determiniertheit dieser Vorgänge verbindet. Sie entwirft das Bild von räumlichen, von der Aussenwelt abgeschlossenen materiellen Systemen, deren zeitlicher Ablauf für alle Zukunft aus ihrem gegenwärtigen Zustand bestimmt ist.

Im Gegensatz zu dieser Idealisierung führt der Zustandsbegriff der Quantentheorie in der Frage der Determiniertheit der Naturvorgänge eine völlig neue Situation herbei. An die Stelle des abgeschlossenen Systems als etwas in Raum und Zeit vor sich gehenden tritt hier die Gesamtheit möglicher Vorgänge in Raum und Zeit, die sich beim Beobachten des Systems, also bei seiner Verbindung mit der Aussenwelt, abspielen. Vollständige Determiniertheit könnte hier höchstens dann erwartet werden, wenn ausser dem Zustand des Systems auch die Einzelheiten des zur Beobachtung notwendigen Eingriffs als gegeben angesehen werden könnten. Die genaue Kenntnis dieser Einzelheiten wäre aber wiederum nur dann durch eine genaue Beobachtung der den Eingriff verursachenden Beobachtungsmittel zu erreichen, wenn diese Beobachtung nicht selbst wieder von einem unkontrollierbaren Eingriff abhinge - in anderen Worten: man stösst hier auf einen regressus ad infinitum, der verhindert, dass die Forderung nach Determiniertheit der Naturvorgänge sinnvoll gestellt werden kann.

In dem Bereich der Wirklichkeit, dessen Zusammenhänge durch die Quantentheorie formuliert werden, führen die Naturgesetze also nicht zu einer vollständigen Festlegung dessen, was in Raum und Zeit geschieht; das Geschehen ist vielmehr (innerhalb der durch die Zusammenhänge festgelegten Häufigkeiten) dem Spiel des Zufalls überlassen. Der Zufall kann dabei innerhalb dieses Bereichs zunächst als »sinnlos« betrachtet werden - so hat auch Goethe in dem besprochenen Abschnitt der Farbenlehre das Wort Zufall aufgefasst; das Wort Sinn zielt ja auf eine unmittelbare Beziehung zu uns als denkende und leidende Wesen, über die hier, wo von Naturgesetzen die Rede ist, noch nicht gesprochen werden kann.

Auch kann nicht angenommen werden, dass die Geschehnisse, die hier dem Spiel des Zufalls usserlassen scheinen, etwa durch andersartige und übergeordnete Naturgesetze festgelegt wurden. Denn eine solche Festlegung müsste bedeuten, dass auch die Häufigkeiten der raum-zeitlichen Vorgänge bei gegebenen quantentheoretischen Bedingungen unter Umständen anders sind als nach den quantentheoretischen Regeln zu erwarten - d. h. dass diese Regeln noch nicht die richtigen Naturgesetze darstellen. Dies ist aber wegen der vielfachen genauen Bestätigungen dieser Regeln nicht wahrscheinlich. Allerdings erscheint auch diese Frage in einer neuen Beleuchtung, wenn man daran denkt, dass es vielleicht Systeme oder richtiger: Kenntnisse von Systemen gibt, auf die der Zustandsbegriff der Quantentheorie nicht mehr angewendet werden kann. Solche Systeme wären offenbar durch die Wahrscheinlichkeitsaussagen der Quantentheorie nicht mehr gebunden und könnten sich daher Zusammenhängen ganz anderer Art unterordnen. In diesem Sinne - und auch nur in diesem Sinne - kann gesagt werden, dass die heutige Physik die Möglichkeit offen lasse, dass gewisse Vorgänge, die nach den uns bekannten Naturgesetzen dem Spiel des Zufalls zu folgen scheinen, vielleicht durch übergeordnete Zusammenhänge determiniert werden.

Die Entscheidung dieser Frage muss in jedem einzelnen Fall der Erfahrung überlassen bleiben. Ein Beispiel, an dem die Tragweite der Frage und ihre Entscheidungsmöglichkeit gut beurteilt werden kann, ist die Bildung der Kristalle einerseits, der lebendigen Organismen andererseits. Dass etwa dort, wo flüssige Materie durch Abkühlung erstarrt, feste Kristalle entstehen, wird durch die in der Atomphysik niedergelegten Naturgesetze verständlich. Nicht nur die Tatsache, dass die Atome sich in Reih und Glied zum festen Stoff ordnen, sondern auch die spezielle Art der Ordnung, die Symmetrien, die Struktur des Kristalls kann aus den atomaren Gesetzen abgeleitet werden. Aber die besondere äussere Form des einzelnen Kristalls bleibt nach den uns bekannten Gesetzen dem Spiel des Zufalls überlassen; selbst wenn genau die gleichen äusseren Bedingungen für die Bildung eines Kristalls wiederhergestellt werden könnten, so wäre doch die Form des gewachsenen Kristalls nicht immer die gleiche: Der in kalter Luft abgekuhlte Wassertropfen erstarrt zum Schneekristall. Die Symmetrie des Kristalls wird, wenn keine äusseren Störungen auftreten, stets die des Sechsecks sein; aber die besondere Form des kleinen Kristallsterns wird durch kein Naturgesetz vorher bestimmt; innerhalb der durch die sechseckige Symmetrie, die Grösse des Tropfens, die Art der Abkühlung usw. bestimmten Grenzen entwirft der Zufall die unendlich vielfachen Muster der Sternchen und Plättchen, die uns ebenso kunstvoll dünken wie die Bilderfolge eines Kaleidoskops.

In diesem Beispiel bietet auch die Erfahrung keinen Anhaltspunkt dafür, dass etwa die Bildung der Schneekristalle durch höhere Zusammenhänge an ganz bestimmte Formen gebunden sei. Wir dürfen hier also wohl an das Spiel des Zufalls glauben, obwohl wir grundsätzlich zu diesem Schluss nicht gezwungen sind; denn man kann wohl nicht behaupten, dass der quantentheoretische Zustand des Wassertropfens vor und während der Kristallbildung wirklich bekannt sei. Ein Zwang zur Anerkennung des Zufalls liegt (unter der Annahme, dass die quantentheoretischen Gesetze richtig seien) nur in solchen Beispielen vor, bei denen der quantentheoretische Zustand mit Sicherheit bekannt ist; man denke etwa an einen radioaktiven Stoff, bei dem sicher bekannt ist, dass praktisch alle Atomkerne sich in ihrem Normalzustand befinden. Die Aussendung der radioaktiven Teilchen muss hier (innerhalb der quantentheoretischen Häufigkeit) dem Spiel des Zufalls usserlassen sein, wenn die Quantengesetze zu Recht bestehen.

Auch wenn wir glauben, dass das Wachstum eines einzelnen Kristalls nicht vorherbestimmt gewesen sei, dass also ebensogut ein etwas anderer Kristall hätte entstehen können, so ist damit doch noch nichts über die Frage entschieden, ob der Zufall, dem der Kristall seine Form verdankt, »sinnlos« gewesen sei. Denn die Bildung eines Kristalls ist ein historischer Akt, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann-und der als solcher eine wichtige Rolle auch im Zusammenhang unseres Lebens oder der Welt spielen kann, selbst wenn er nicht vorherbestimmt gewesen ist. Zusammenhänge einer Art, die uns berechtigt das Wort »Sinn« zu verwenden, können sich auch an Ereignisse anknüpfen, die ohne jeden Grund auch anders hätten ablaufen können.

Vergleicht man nun mit der Bildung der Kristalle die Entstehung lebendiger Organismen, so stösst man bei genauerer Untersuchung (trotz oberflächlicher Analogien) auf eine völlig andere Situation. Obwohl die Gesetze der Atomphysik wahrscheinlich ein bis in alle Einzelheiten vollständiges Verständnis für die komplizierten chemischen Verbindungen vermitteln können, aus denen die Organismen aufgebaut sind, so erscheint doch ein lebendiges Wesen als eine vom Standpunkt der Atom-physik ungeheuer unwahrscheinliche Anordnung von Atomen. Und selbst wenn eine solche (uns gar nicht genau bekannte) Anordnung einmal als gegeben hingenommen und die Frage gestellt wurde, wie sich ein solches System im Wechselspiel mit der Umwelt im Lauf der Zeit weiterentwickle, so wurde die Atomphysik wahrscheinlich eine Folge von Veränderungen vorhersagen, deren Verlauf nach einiger Zeit in der gewöhnlichen Sprache als Tod und Verwesung bezeichnet wird. Jedenfalls ist wohl kein Zug der quantentheoretischen Gesetze bekannt, der irgendeine Erklärung für die Gestaltung der Organismen darböte. Das Grenzgebiet zwischen Biologie, Chemie und Atomphysik ist noch nicht genügend durchforscht, um mit Sicherheit die Annahme ausschliassen zu können, dass die Gesetze des organischen Lebens aus denen der Atomphysik folgen. Aber viele Forscher neigen wohl zu der Ansicht, dass es sich bei den Gesetzen des organischen Lebens »um Zusammenhänge andererArt« handelt, die nicht schon in denen der Atomphysik enthalten sind. Die »Kräfte« der Natur, die im Stande sind die Kristalle zu bilden, wären also dann zwar fähig, die komplizierten chemischen Verbindungen zu formen, aus denen der Organismus entsteht, aber das reine Spiel dieser Kräfte und des Zufalls genügt nicht, um den Organismus als Ganzes verständlich zu machen. Dies würde bedeuten, dass - so wie es auch Goethe in seiner Ordnung der Wirklichkeit angenommen hat - die Gesetze des organischen Lebens erst dem nächsthöheren Bereich der Wirklichkeit angehören, der sich zu dem der Quantentheorie ähnlich verhält, wie die Quantentheorie zur klassischen Physik. Dieser Standpunkt, der in präziser Form zuerst von Bohr ausgesprochen worden ist, soll der Ausgangspunkt für die folgenden Betrachtungen über das organische Leben sein.

 

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4. Das organische Leben

 

Zwei Wege sind zum Verständnis der chemisehen Erscheinungen eingeschlagen worden: Die Forschung hat einerseits die chemischen Verwandlungen der Stoffe als objektive Vorgänge geschildert, ihre Regelmässigkeiten verfolgt und ist so zu einer bis zu den letzten Einzelheiten sorgfältigen Beschreibung der Phänomene und ihrer Zusammenhänge vorgedrungen. Sie ist auf diesem Wege allerdings auf die Schwierigkeit gestossen, dass im Gebiet kleinster Materieteilchen keine scharfe Grenze zwischen chemischen und mechanisch-elektrischen Vorgängen gezogen werden kann, dass sich daher hier die chemischen Zusammenhänge einer abgeschlossenen Formulierung entziehen. Sie hat andererseits gerade den Zusammenhang zwischen den chemischen Vorgängen und den Bewegungen, dem Kräftespiel der kleinsten Teilchen zum Ausgangspunkt des Verständnisses gewählt und ist auf diese Weise zur exakten Fassung der chemischen Gesetze gelangt, musste dabei jedoch an einigen Stellen das Ideal der »Objektivierung« des Geschehens aufgeben.

Mit ähnlichen Zielen werden zwei Wege zum Verständnis des organischen Lebens eingeschlagen: Die sorgfältige Beschreibung lebendiger Vorgänge einerseits, ihre Analyse im Hinblick auf den Zusammenhang des Lebens mit physikalisch-chemischen Vorgängen andererseits. Vielleicht kann man noch von einem dritten Weg sprechen, zu dem es in niederen Bereichen kein Analogon gibt und der auf dem Umstand beruht, dass wir selbst lebendige Wesen sind und dass das Bewusstsein aufs Engste mit den Kräften verbunden zu sein scheint, die den Organismus zu einer Einheit zusammenhalten. An dieser Stelle muss die Frage offen gelassen werden, wie weit über das organische Leben überhaupt ohne direkte Beziehung auf das Bewusstsein gesprochen werden kann; vielleicht kann der Bereich der Wirklichkeit, der das organische Leben umfasst, nicht abgegrenzt werden von jenem weiteren Bereich, der in seinen der gewöhnlichen Sprache zugänglichen Teilen das Wissen von der menschlichen Seele einschliesst und dessen Raum erfüllt wird von dem Meer der unbewussten Vorgänge, das sich unter dem Wellenschlag des Bewusstseins bewegt. Doch soll einstweilen über diese Seite des Lebensproblems nicht gesprochen werden, da es sich hier um die Abgrenzung des organischen Lebens gegen den nächstniederen Bereich, der Physik und Chemie umfasst, handeln soll.

Das Grenzgebiet zwischen Biologie, Physik und Chemie ist erst in den letzten Jahrzehnten von der Wissenschaft erschlossen worden; von einem Verständnis der Lebensvorgänge, das sich etwa mit dem in der Quantentheorie erreichten Verständnis der chemischen Prozesse vergleichen könnte, kann einstweilen nicht die Rede sein. Daher können auch die grundsätzlichen Probleme, die mit der Abgrenzung der Lebensvorgänge gegen Physik und Chemie zu tun haben und die unter den Gesichtspunkten: Vitalismus, Materialismus usw. aufgeworfen werden, noch keine Lösung finden. Der so oft unternommene Versuch, durch Betrachtungen allgemeiner, etwa erkenntnistheoretischer Art oder durch die Verallgemeinerung spezieller Erfahrungen zu einer Lösung dieser Probleme zu gelangen, kann bestenfalls die gestellten Fragen von einer bestimmten Seite beleuchten und einen kleinen Teil der Wahrheit ans Licht bringen. Aber im Ganzen kann der mühsame Weg der Forschung nicht übersprungen werden, und vielleicht müssen die Ergebnisse experimenteller Einzeluntersuchungen von vielen Jahrzehnten abgewartet werden, ehe ein einigermassen klares Bild vom Verhältnis der Lebensvorgänge zu den physikalisch-chemischen Prozessen entsteht.

Wenn man beabsichtigt, einen Gesamtplan von der wissenschaftlichen Ordnung der Wirklichkeit zu zeichnen, so muss man sich daher von vornherein darüber klar sein, dass die sachlichen Voraussetzungen nur in den niederen Bereichen bis zur Chemie zur genauen Ausführung des Planes genügen, dass aber das Bild der höheren Bereiche von der Biologie ab in unserer Zeit nicht viel genauer gezeichnet werden kann, als etwa das Kartenbild, das die Griechen zur Zeit Alexanders von den Ländern jenseits des Euphrat besassen.

Auch der in diesen Aufzeichnungen unternommene Versuch, von jenem Gesamtplan wenigstens die Umrisse zu entwerfen, muss sich daher hinsichtlich der Biologie damit begnügen, die bekannten Grundprobleme aufzuwerfen und die Möghchkeiten ihrer Lösung zu erörtern. Dabei scheint es mir, dass durch die Bohr'sche These, die Abgrenzung der biologischen gegen die physikalisch-chemischen Zusammenhänge könne ähnlich vorgestellt werden wie die Abgrenzung der Chemie gegen die Physik, eine Denkmöglichkeit entstanden ist, in der diese Abgrenzung ohne grobe Widersprüche gegen die Erfahrung oder gegen das wissenschaftliche Gewissen vorgenommen werden kann. Jedenfalls gestattet die Bohr'sche Annahme, auf die mit der Abgrenzung zusammenhängenden Grundfragen klare Antworten zu geben, die als Arbeitshypothesen dem weiteren Gang der Forschung nützlich sein können.

 

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a) Die Beziehung zwischen den biologischen

und den physikalisch-chemischen Gesetzmässigkeiten

 

Bei der Betrachtung des organischen Lebens richtet sich die Aufmerksamkeit von selbst auf zwei charakteristische Merkmale, die sich an den höchstentwickelten wie an den primitivsten Lebewesen in gleicher Weise beobachten lassen: Einerseits verhält sich ein lebendiger Organismus völlig anders als die Gebilde, die wir als »tote Materie« bezeichnen - er vollzieht die verschiedenen Funktionen wie Stoffwechsel, Fortpflanzung usw., seine Entwicklung zeigt eine eigentümliche Stabilität gegenüber allen äusseren Störungen und sein Verhalten gewährt in vielen Einzelheiten den Eindruck, als sei es auf bestimmte Ziele gerichtet, einem im Plane des Organismus liegenden Zweck dienstbar. Wir empfinden bei jedem Lebewesen eine gewisse Verwandtschaft mit uns selbst. Andererseits kann das Lebewesen offenbar auch als ein physikalisch-chemisches System betrachtet, d. h. etwa mit einer komplizierten Maschine verglichen werden. Denn die verschiedenen Verhaltungsweisen des Organismus lassen sich dort, wo man ihren Hergang im Einzelnen verfolgen kann, stets auf physikalisch-chemische Vorgänge zurückführen. Zwar ist diese Zurückführung keineswegs überall gelungen, da man nicht überall das aufs feinste abgestimmte Wechselspiel der Wirkungen im Organismus verfolgen kann; aber es ist auch noch kein Vorgang bekannt geworden, der zeigte, dass die physikalisch-chemischen Prozesse sich im Lebewesen nach anderen Gesetzen vollziehen als in der toten Materie.

Dieser merkwürdige Sachverhalt hat seinen natürlichen Ausdruck gefunden in zwei entgegengesetzten Thesen, die über das Verhältnis der biologischen Gesetze zu denen der Chemie und Physik vertreten worden sind:

Der Vitalismus nimmt an, dass im lebendigen Organismus noch »Kräfte« oder ganzheitliche Strukturen wirksam seien, die in der toten Materie fehlen und die nicht als Folge der physikalisch-chemischen Zusammenhänge angesehen werden können. Diese Lebenskraft, die, wie gesagt wird, den Organismus erst eigentlich von der toten Materie unterscheidet, ist in früheren Zeiten wohl als eine Kraft im gewöhnlichen Sinne des Wortes gedacht worden, die als solche zu den physikalisch-chemischen Kräften im Lebewesen noch hinzuträte. Nach den Erfahrungen der modernen Biologie wird man jedoch eher geneigt sein, den Begriff der Lebenskraft, der eine zu enge Analogie zum Kraftbegriff der Physik andeutet, zu ersetzen durch einen Begriff, der das charakteristische Verhalten des Lebewesens als Einheit gegenüber dem physikahsch-chemischen Verhalten seiner Teile betont. In dieser Weise wird etwa von Driesch der Begriff Entelechie oder Ganzheit verwendet, wobei die Vorstellung vertreten wird, dass der physikalisch-chemische Ablauf im Einzelnen durch diese übergeordneten Zusammenhänge nicht angetastet werden solle, dass aber eben »das Ganze mehr sei als die Summe seiner Teile«.

Dieser vitalistischen Auffassung steht entgegen die These, die in erster Linie zur Zeit des Materialismus vertreten worden ist und die etwa jetzt in der Form ausgesprochen werden könnte: Die physikahsch-chemischen Gesetze haben im Organismus uneingeschränkte Gültigkeit und bestimmen daher auch ausschliesslich sein Verhalten. Diese zweite These kann für sich geltend machen, dass bisher niemals Abweichungen von den bekannten physikahsch-chemischen Gesetzen im Organismus beobachtet worden sind und dass in den meisten Fällen, in denen eine Verhaltensweise des Organismus zunächst als typisch unphysikalisch angesehen wurde, später ein physikalisch-chemisches Modell des betreffenden Vorgangs konstruiert werden konnte. Wir denken an bekannte Erscheinungen in der Welt der lebendigen Organismen:

Die Blumen wenden Blätter und Blüten dem Lichte zu. Hierin spricht sich deutlich das auf einen Zweck bezogene, dem Lebewesen als Ganzen zugeordnete Verhalten aus, das uns viel eher durch Analogien zu unseren eigenen Wünschen als durch physikalisch-chemische Kausalketten verständlich wird. Trotzdem kann nachgewiesen werden, dass diese Bewegung zum Lichte durch bestimmte photochemische Reaktionen im Zellgewebe hervorgerufen wird, die auf normalem chemischen Wege zu einer Ausdehnung der Zellen und zur Bewegung führen.

Driesch hat besonders auf folgenden Vorgang hingewiesen: Die Eier kompliziert gebauter Lebewesen, z. B. der Seeigel, können in ihren frühesten Entwicklungsstadien noch geteilt werden, ohne dass sie dabei ihre Entwicklungsfähigkeit einbüssen, und aus jeder der beiden Hälften entsteht ein vollständiges Lebewesen. Auch ein solches Verhalten gewährt den Eindruck, als könne es aus einem nach Ursache und Wirkung fortschreitenden Spiel physikalischer und chemischer Kräfte kaum verstanden werden, und scheint anzuzeigen, dass der Plan des Organismus gewissermassen der Zelle mitgegeben ist und sich, selbst den gröbsten äusseren Eingriffen zum Trotz, verwirklicht. Doch kann auch hier darauf hingewiesen werden, dass sich bei der Bildung der Kristalle äusserlich ähnliche Vorgänge wiederholen. ein Wassertropfen, der durch die kalte Atmosphäre zur Erde fällt, erstarrt unterwegs zum Schneekristall. Aber selbst, wenn der Tropfen vorher durch äusseren Eingriff in zwei Teile geteilt würde, so müsste sich doch aus jedem der beiden Teile wieder ein vollständiger Schneekristall bilden. Dieser Vorgang wird durch die Gesetze der Physik und Chemie völlig verständlich.

Bei der Erörterung der Argumente für und gegen den Vitalismus muss nun in erster Linie die Frage entschieden werden, ob innere Widersprüche auftreten, wenn man annimmt, die »höheren« Zusammenhänge des organischen Lebens seien zwar qualitativ von den physikalisch-chemischen durchaus verschieden, liessen aber jene »niederen« Zusammenhänge völlig unangetastet, es handle sich also einfach um Gesetzmässigkeiten, die zu den physikahsch-chemischen »noch dazu« träten. Es ist hier etwa die Vorstellung gebraucht worden, dass die Entelechie, d. h. das Bild des Ganzen, das, dem Organismus eingeprägt, sein Verhalten bestimmt, die physikahsch-chemischen Vorgänge leite, ähnhch wie etwa der Ingenieur eine Maschine beherrscht und leitet, die in sich nach dem einfachen Gesetz von Ursache und Wirkung arbeitet. Solche Vergleiche führen aber mit logischer Notwendigkeit zu der Annahme, dass die physikalisch-chemischen Gesetze in ihrer bisherigen Form im Organismus nicht überall gelten. Denn der Ingenieur kann die Maschine nur lenken, da er selbst Körper und Materie ist und indem er rein physikalisch in den Ablauf eingreift. Er muss etwa einen Hebel stellen und dabei physikalische Arbeit an der Maschine leisten; für die Maschine allein würde also dann z. B. die Gesamtenergie nicht erhalten bleiben, sondern nur für das System: Maschine und Ingenieur zusammen. Der Vergleich der Entelechie mit dem leitenden Ingenieur führt also zwangsläufig dazu, die Entelechie selbst wieder als eine physikalische Kraft anzusehen - so, dass dann etwa der Satz von der Erhaltung der Energie nur auf das System: Körper und Entelechie zusammen anwendbar ist, während die im Körper allein aufgespeicherte Gesamtenergie nicht notwendig erhalten bliebe. Die physikalischen Gesetze könnten dann in ihrer bisherigen Form nur beibehalten werden, wenn man sie erweitert zu Gesetzen, die etwa die Kraftfelder der Entelechie mitenthalten. Nun kann zwar eine solche Auffassung vielleicht noch nicht mit Sicherheit widerlegt werden, da z. B. die Energiebilanz im Körper nicht mit sehr grosser Genauigkeit nachgeprüft werden kann. Aber von der eben geschilderten Auffassung ist nur ein kleiner Schritt zu der wohl längst verlassenen Annahme, dass etwa das Gewicht eines lebenden Wesens sich ändert, wenn im Augenblick des Todes die Seele den Körper verlässt. Solche Ansichten sind aufgegeben worden; nicht etwa, weil sie mit Sicherheit widerlegt werden könnten, sondern weil wir eingesehen haben, dass durch ein zusätzliches physikalisches Kraftfeld - mag es nun Lebenskraft oder Entelechie heissen - das Problem des Verhältnisses der biologischen zu den physikalischen Zusammen-hängen gar nicht gelöst, sondern nur verschoben würde. Einerseits müsste dann untersucht werden, wie ein solches Kraftfeld überhaupt zu einer Bestimmung der Vorgänge im Zusammenhange mit dem Organismus als Einheit führt, andererseits müsste die Entelechie auch den physikalischen Untersuchungsmethoden zugänglich sein, während doch die bisherigen Untersuchungen die Spur solcher Kraftfelder nirgends nachweisen konnten. Alle bisherigen Erfahrungen sprechen jedenfalls dafür, dass es eine Lebenskraft in diesem Sinne nicht gibt.

Nun könnte der geschilderte Vergleich etwa durch die Annahme abgeändert werden, die Entelechie solle die physikalisch-chemischen Vorgänge ebenso leiten, wie der Geist des Ingenieurs die Maschine leitet. Dieses Bild wird die wirklichen Verhältnisse vielleicht sehr genau darstellen, aber die Beziehung des Geistes zum Körper ist ebenso problematisch wie die Beziehung der eigentlich organischen Zusammenhänge zu den physikalisch-chemischen Abläufen. Der Vergleich gibt also keine Antwort auf die Frage, ob ohne innere Widersprüche angenommen werden kann, dass die biologischen Gesetzmässigkeiten zwar nicht aus den physikalisch-chemischen folgen, dass sie aber deren Getriebe trotzdem völlig unangetastet lassen.

Gegenüber den vielen Versuchen, die biologischen Gesetze als übergeordnete Zusammenhänge den physikalisch-chemischen zu überlagern, ohne dass sie dabei die Gesetze der Physik und Chemie stören sollen, muss jedenfalls hervorgehoben werden, dass die physikalischen und chemischen Gesetze das Verhalten eines hinsichtlich seiner materiellen Eigenschaften bekannten Systems vollständig bestimmen. Wenn der Organismus ein rein materielles Gebilde ist in dem Sinne, dass wir uns vorstellen können, der quantentheoretische »Zustand« dieses aus vielen Atomen bestehenden Systems sei vollständig bekannt, so ist das weitere Verhalten dieses Systems durch die Gesetze der Quantentheorie festgelegt und es gibt keinen Raum für übergeordnete biologische Gesetze. - Auch die Tatsache, dass der quantentheoretische Zustand das zukünftige Verhalten im allgemeinen nur statistisch bestimmt, d. h. nur angibt, in wievielen ähnlichen Fällen ein bestimmtes Ereignis eintreten wird, ändert an diesem Sachverhalt nichts. Denn ein übergeordneter biologischer Zusammenhang würde ja gerade die Häufigkeit eines Ereignisses verändern - z. B. etwa in dem Sinne, dass Ereignisse, die den Organismus gegen äussere Störungen sichern, bevorzugt eintreten sollten. Für solche übergeordneten Zusammenhänge ist in der Quantentheorie daher ebensowenig Platz wie in der klassischen Physik.

Wenn man Raum schaffen will für eigentlich biologische Zusammenhänge, die nicht einfach eine Folge der physikalischen und chemischen sind - und viele Erfahrungen sprechen wohl dafür, dass ein solcher Raum geschaffen werden muss -, so kann man sich mit Bohr an die Beziehung zwischen der Quantentheorie, der Chemie und der klassischen Physik erinnern. Man kann den Vergleich versuchen: die »Entelechie« oder die »ganzheitliche Struktur« »leite« das physikalisch~chemische Geschehen im Organismus ähnlich, wie etwa das Feld der Materiewellen die Bewegung der elektrischen Elementarteilchen im Atom »leitet«.

Dieser Vergleich ist zunächst gegen die Einwände geschützt, die gegen die früheren Vergleiche erhoben wurden: Das Feld der Materiewellen ist nicht ein Kraftfeld, das »auf« die Materie »wirkt«, sondern es ist gewissermassen ein anderer Aspekt der Materie selbst. Der Satz von der Erhaltung der Energie gilt für die Elektronen und ihre elektrischen Wechselwirkungen so genau, wie er nachgeprüft werden kann; es ist für seine Formulierung weder nötig noch möghch, neben den Elektronen noch das Feld ihrer Materiewellen einzuführen. Die Führung der Elektronen durch das Materiefeld geschieht ja in einer anderen Weise: der Baustein der Wirklichkeit, den wir Elektron nennen, ist nicht nur oder nicht immer ein kleines Elementarteilchen, das sich in Raum und Zeit nach den Gesetzen der klassischen Physik bewegt. Es hat diese Eigenschaft vielmehr nur in den Experimenten, in denen wir seine räumliche Lage untersuchen. Dieser Baustein »Elektron« kann aber in andern Fällen auch ein Wellenvorgang sein und gehorcht als solcher den Gesetzen der Wellenausbreitung. Erst hierdurch werden, wie die Quantenmechanik im Einzelnen zeigt, stabile Atome möglich, die mit chemischen Kräften aufeinander wirken. Überträgt man diese Satze mutatis mutandis auf die lebendigen Organismen, so wird man schliessen:

Die lebendige Sussstanz ist nicht nur oder nicht immer ein materielles aus Atomen aufgebautes Gebilde, das sich nach den Gesetzen der Physik und Chemie (oder ganz allgemein: nach den quantentheoretischen Gesetzen) verändert. Es hat diese Eigenschaft nur (und auch immer) in den Experimenten, in denen wir sein physikalisch-chemisches Verhalten untersuchen. Die lebendige Substanz kann aber in anderen Fällen auch etwas Anderes, z. B. eine organische Einheit sein; sie gehorcht als solche den biologischen Gesetzen. Erst hierdurch werden stabile Organismen möglich, die auch untereinander in die für Organismen charakteristischen Beziehungen treten können.

Ebenso wie die Gesetze der Chemie aufgefasst werden können als eine bestimmte Projektion der allgemeinen quantentheoretischen Gesetze in die Ebene der objektiven raumzeitlichen Vorgänge, so sollen also auch die biologischen Gesetze angesehen werden als die Projektion der Zusammenhänge des nächsthöheren Wirklichkeitbereichs in dieser Ebene. Der Sinn der Bohr'schen Hypothese wird erst deutlich, wenn man seine Folgerungen für das Verständnis biologischer Vorgänge im einzelnen prüft.

Zunächst folgt aus dieser These, dass die physikalisch-chemischen Gesetze im Organismus lückenlos gelten sollen: Wo immer in einem Organismus beobachtbare mechanische oder chemische Veränderungen vor sich gehen, muss es möglich sein, diese Veränderungen auf Grund rein physikalischer oder chemischer Wirkungen zu erklären - es sei denn, dass eine Untersuchung der den Vorgang verursachenden Kräfte etwa notwendig den Vorgang selbst entscheidend verändert. Wenn also, um ein Beispiel aus der Genetik zu wählen, in der befruchteten Eizelle die Kernschleifen sich paarweise aneinanderlegen derart, dass je ein väterliches und ein mütterliches Chromosom zu einem Paar vereinigt werden, so muss entweder diese Vereinigung z. B. durch elektrische Kräfte, chemische Affinitäten oder ahnliche Wirkungen physikalisch erklärt werden können, oder es muss sich herausstellen, dass eine physikalische Untersuchung der Kräfte, die die Vereinigung bewirken, nicht durchgefuhrt werden kann, weil etwa eine solche Untersuchung den Vorgang selbst entscheidend stören würde. Welche Alternative in diesem speziellen Falle zutrifft, kann wohl noch nicht mit Sicherheit entschieden werden; aber die erstere ist wahrscheinlicher, da es sich - gemessen an der Empfindlichkeit biochemischer Abläufe - bei der Chromosomenvereinigung noch um verhältmsmässig grobe Vorgänge handelt. Es dürfte also in diesem Falle möglich sein, die physikahsch-chemische Kausalkette noch um einige Glieder weiter zu verfolgen, bis man schliesslich vielleicht an eine Stelle kommt, an der die experimentelle Nachprüfung den Vorgang selbst stört und verändert. Dass die Untersuchung schliesslich an einer solchen Stelle enden muss, ist nicht unwahrscheinlich: denn sonst könnte die überwiegende Häufigkeit der Vorgänge, die im Sinne des Gesamtorganismus zweckmässig sind, vielleicht nicht verstanden werden.

Damit ist schon die andere Seite der Bohr'schen These bezeichnet: Die biologischen Gesetze sollen nicht einfach eine Folge der physikalisch-chemischen sein - ebensowenig, wie die chemischen Gesetze etwa eine Folge der (im Sinne der klassischen Physik verstandenen) mechanischen und elektrischen Zusammenhänge im Atom genannt werden können. Aber der Beweis dafür, dass die klassische Physik nicht ausreicht, um die Stabihtät der Atome zu erklären, konnte erst erbracht werden, als man sehr genaue Kenntnisse von den Einzelheiten des Atombaues besass. In ähnlicher Weise wird ein zwingender Beweis dafür, dass Physik und Chemie nicht ausreichen, um die Gestaltung der Organismen zu erklären, jedenfalls erst erbracht werden können, wenn man die Struktur der kleinsten Organismen viel genauer kennt, als jetzt; vielleicht erst mit dem »Abschluss« der Biologie. Wir müssen uns also einstweilen mit der Feststellung begnügen: Der Organismus erscheint vom Standpunkt der bisherigen Atomtheorie aus als ein äusserst unwahrscheinliches Gebilde - ähnlich, wie ja auch die Existenz unzählbar vieler gleichartiger Atome einer Sussstanz nach der klassischen Mechanik äusserst unwahrscheinlich wäre.

Die biologischen Gesetze sollen nach der Bohr'schen These, um nicht mit den physikalischen und chemischen Gesetzen in Widerspruch zu geraten, zu diesen in einem ähnlichen Komplementaritätsverhältnis stehen, wie die chemischen zu denen der Mechanik. Damit ist gemeint, dass die Feststellung: ein Gebilde sei eine lebendige Zelle, in ausschliessendem Verhältnis steht zur genauen Kenntnis seines quantentheoretischen Zustands (und a fortiori: der Orte und Geschwindigkeiten seiner Elementarbausteine). Wenn wir wissen, dass wir eine lebendige Zelle vor uns haben, so gibt ja diese Kenntnis Aufschluss über eine Reihe von Eigenschaften dieses Gebildes, die wir aus seinem physikalischen Verhalten allein wahrscheinlich nicht erschliessen könnten. Dafür muss aber andererseits in dieser Situation auf die genaue Kenntnis seines quantentheoretischen Zustands vielleicht verzichtet werden. Es besteht allerdings immer die Möglichkeit, den physikalischen Zustand experimentell zu untersuchen. eine solche Untersuchung wird jedoch - so wird vermutet - dann, wenn sie zu einer wirklich genauen Bestimmung führen soll, einen so starken Eingriff erfordern, dass das Leben der Zelle zerstört wird. Hier sind natürlich alle Übergänge zwischen einer schwachen und einer starken Störung möglich. Viele biologische Experimente sollen Aufschluss über verhaltnismässig grobe Züge im physikalischen oder chemischen Verhalten der Zelle geben und können sich daher auch mit einem geringfügigen Eingriff begnügen. Der wenig gestörte Organismus wird dann vielleicht nur für einen Augenblick in seinem Verhalten die typisch »biologischen« Züge etwas zurücktreten lassen und dabei jedenfalls, soweit es sich beurteilen lässt, den Gesetzen der Physik und Chemie folgen. Schon nach kurzer Zeit sind vielleicht die Spuren des Eingriffs verwischt. In anderen Fällen aber - man denke z. B. an Röntgenaufnahmen grosser Eiweissmoleküle - hat der zur Untersuchung erforderliche Eingriff entscheidende Veränderungen an dem zu untersuchenden Objekt zur Folge.

Durch die Bohr'sche These wird also die Ansicht vertreten: Die Kenntnis, man habe es mit einem lebendigen Organismus zu tun, schafft eine Situation, die sich in den Begriffen der bisherigen Physik und Chemie allein nicht ausdrücken lässt. Die biologischen Gesetze stellen einen gesonderten Zusammenhang dar, der in der Ebene der objektiven raum-zeitlichen Vorgänge überhaupt nicht unmittelbar mit den physikalisch-chemischen Gesetzen verbunden werden kann. Die Aufgabe der Biologie, die Verknüpfung der biologischen Gesetzmssigkeiten mit dem physikalischen Verhalten der Materie (insbesondere der atomaren Materie) klarzulegen, wird also - ähnlich wie in der Quantentheorie - aus dieser Ebene der objektiven raumzeitlichen Vorgänge herausführen müssen. Erst hierdurch wird man eine Übersicht gewinnen können über den nächsthöheren Bereich der Wirklichkeit, der auch das Leben enthält. Dieser Bereich mag der biologische genannt werden, obgleich ja die Biologie nur eine Projektion dieses Bereichs in die Ebene der objektiven Vorgänge darstellt.

 

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b) Die Struktur des biologischen Bereichs

 

Die chemischen Gesetze konnten nicht exakt formuliert und die Frage nach der Natur der chemischen Kräfte nicht beantwortet werden, solange man sich auf die eigentliche Chemie, d. h. die qualitativen Verwandlungen wägbarer Substanzmengen beschränkte. Erst als man zur Chemie der kleinsten Materiemengen (der Atome und Moleküle) vordrang - in das Grenzgebiet, in dem chemische und mechanische Vorgänge nicht mehr scharf unterschieden werden können -, gelang die Auffindung und exakte Formulierung der Naturgesetze, die Chemie und Mechanik gleichzeitig umfassen.

In ähnhcher Weise wird es wohl nicht gelingen, die biologischen Gesetze exakt zu formulieren und die Frage nach der Natur der für das Leben mssgebenden Kräfte zu beantworten, solange man sich auf das Studium der uns sichtbaren Lebewesen beschränkt. Erst wenn man in das Gebiet der kleinsten Organismen vordringt - in das Grenzgebiet, in dem Lebewesen von grossen Molekülen nicht scharf unterschieden werden können -, wird es vielleicht möglich sein, den Naturgesetzen auf die Spur zu kommen, die Biologie, Physik und Chemie gleichzeitig umfassen. Dieses Grenzgebiet ist der Forschung erst in den letzten Jahrzehnten erschlossen worden, bis zur Feststellung der Naturgesetze wird daher hier noch ein langer Weg zurückzulegen sein. Die Frage, wie die durch die Bohr'sche These geschaffene logische Freiheit durch eine positive Aussage über die biologischen Zusammenhänge ausgenützt werden kann, muss also einstweilen offengelassen werden. Trotzdem sollen wenigstens einige Möglichkeiten für diese inhaltliche Erfüllung besprochen werden.

Ein erster wichtiger Gesichtspunkt zur Beurteilung der biologischen Zusammenhänge ist die Feststellung, dass die Entstehung des Lebens oder genauer: die Entstehung lebender Organismen auf der langsam erkaltenden Erdoberfläche ein einmaliger, experimentell für uns nicht zu wiederholender Vorgang gewesen ist. Daher ist schon die Anwendung des Begriffes: »Gesetz« auf Lebensvorgänge problematisch, da ja ein Naturgesetz seinem Wesen nach eine Aussage über beliebig oft wiederholbare Vorgänge darstellt. Man könnte sich zwar gedanklich die Abkühlung der Erde beliebig oft wiederholt vorstellen, aber wenn wir angeben wollten, was bei solcher Wiederholung geschieht, würden wir das Gebiet der experimentell nachprüfbaren Aussagen verlassen. Höchstens könnte etwa in späterer Zeit der Vergleich organischer Bildungen auf verschiedenen Sternsystemen die Wiederholung jenes Vorgangs ersetzen, wobei aber einstweilen unbekannt ist, ob es solche organische Bildungen auf anderen Weltkörpern gibt. Jedenfalls bezieht sich die Biologie einstweilen auf das organische Leben auf unserer Erde. Gesetze können hier insofern an vielen Stellen ausgesprochen werden, als es viele wiederholbare biologische Experimente gibt. Aber in diesen Experimenten wird die Existenz des Lebens - so, wie es geworden ist - stets vorausgesetzt. Die Entstehung der lebendigen Organismen aus der unorganischen Materie bleibt ein einmaliger historischer Vorgang.

Man könnte nun etwa, wie viele Forscher es getan haben, das Darwin'sche Ausleseprinzip als den Schlüssel zum Verständnis der Lebensvorgänge betrachten. Diese Auffassung nimmt an, dass auf der Erdoberfläche, als die sinkende Temperatur die Bildung grösserer organischer Moleküle physikalisch möglich gemacht hatte, von selbst kompliziertere Bildungen entstanden seien, von denen einige (- vielleicht zuerst nur eine einzige ) die Eigenschaft hatten, andere gleichgebaute aus chemisch verwandter Materie hervorzussringen. Die zu solchen Prozessen geeignetsten Bildungen hätten sich dann durch die Reduplikation auf Kosten anderer weniger geeigneter ausgebreitet, wobei der Prozess der Vermehrung auch gelegentlich durch Zufall auf etwas veränderte Bildungen geführt habe (Mutation). Von den so veränderten Gestalten seien dann wieder die geeignetsten übrig geblieben, und so seien schliesslich immer kompliziertere Wesen entstanden (gewissermassen von der Natur »eingeübt« worden), die, je höher entwickelt sie waren, um so deutlicher viele Merkmale aufwiesen, die für den Kampf um die Erhaltung der Art als besonders »zweckmässig« gelten können. Stellt man sich auf diesen Darwin'schen Standpunkt, dessen Vertretbarkeit nur durch die Erfahrung entschieden werden kann und wohl nicht in allen Einzelheiten entschieden ist, so wäre die Aussage: eine bestimmte Zelle »lebt« gleichbedeutend mit der Aussage: hier findet sich ein Gebilde vor, das durch die über Milliarden Jahre erstreckte Entwicklung von der Natur »eingeübt« und geformt worden ist. Die Kenntnis, dass man es mit einem solchen Gebilde zu tun hat, wäre auch dann im Sinne der Bohr'schen These komplementär zur Kenntnis des genauen physikalischen Zustandes; die Verhältnisse lägen also hier ähnlich, wie in der Wärmelehre, wo auch die Kenntnis der Temperatur eine andersartige Information bedeutet als die Kenntnis der mechanischen Bestimmungsstücke. Allerdings wäre es dabei doch prinzipiell stets möglich, auch den physikalischen Zustand - gleichzeitig mit der Feststellung des »Lebens« - kennenzulernen.

Der eben geschilderte Standpunkt, der dem Mechanismus am nächsten verwandt ist, kann also etwa in den Satz zusammengefasst werden: ZumVerständnis der Lebensvorgänge ist es grundsätzlich nur nötig, den physikahsch-chemischen Begriffen noch den Begriff der historischen Entwicklung hinzuzufügen. Die Biologie wäre dann gegenüber Physik und Chemie zu charakterisieren als die Wissenschaft, in der man nicht nur das in der Natur grundsätzlich Wiederholbare begrifflich festzulegen sucht, sondern in der auch die einmalige geschichtliche Entwicklung unsrer Erde zu den Grundvoraussetzungen gehört.

Es ist aber doch wohl fraglich, ob diese Auffassung unsere Kenntnisse von den Lebensvorgängen wirklich ungezwungen abbildet. Denn selbst wenn man alle die Erscheinungen an Organismen, die gewöhnlich als Argumente für den Vitalismus angeführt werden, im Sinne des Ausleseprinzips deuten könnte, zeigt die Existenz des Bewusstseins doch jedenfalls, dass es Züge der Lebensvorgänge gibt, die durch das Selektionsprinzip sicher nicht erklärt werden. Denn zwar kann vielleicht eingesehen werden, dass Lebewesen mit einer zentralen Koordination der Reaktionen besonders gut im Lebenskampf bestehen, aber daraus folgt ja nichts darüber, dass diese Reaktionszentrale dem einzelnen Lebewesen als Bewusstsein »gegeben« ist. Wenn wir also schon wissen, dass zur vollständigen Beschreibung der Lebensvorgänge Begriffe gehören, die in keiner Weise auf physikalisch-chemische Begriffe zurückgeführt werden können, wie der des Bewusstseins, so erscheint es wohl das Natürlichste, anzunehmen, dass auch die einfacheren biologischen und physiologischen Begriffe, insbesondere der Begriff »Leben« selbst, den physikalisch-chemischen Begriffen als etwas Fremdes, Neues gegenüberstehen. Denn jedenfalls sind uns ja die biologischen Begriffe ganz unabhängig von den physikalisch-chemischen Zusammenhängen gegeben und verständhch. Natürlich müssen sich die Zusammenhänge in der Natur, die mit den biologischen Begriffen beschrieben werden, widerspruchsfrei mit den niederen Ordnungen der Erscheinungen zusammenfügen, und bei der Analyse dieses Zusammenpassens wird der Selektionsgedanke eine entscheidende Rolle spielen. Aber die biologischen Begriffe sind ganz unabhängig, sie sind von uns gebildet, weil wir selbst leben, und zur Abgrenzung der beiden Zusammenhangsbereiche werden noch mehr Gedanken nötig sein als nur der der Selektion.

Wenn man der Bohr'schen These diese weitere Deutung gibt, so wird man sich vorstellen müssen, dass später einmal die biologischen Zusammenhänge - trotz der historischen Einmaligkeit der Erdgeschichte - als Ausdruck von Naturgesetzen formuliert werden können. Wir kommen nicht von dem Gedanken los, dass sich auch auf anderen Weltkörpern, sofern auf ihnen die physikalischen Bedingungen ähnlich waren wie auf unserer Erde, Wesen gebildet haben müssen, die wir als lebendig bezeichnen würden; dass sich also auch jene biologischen Zusammenhänge auf grundsätzlich wiederholbare Vorgänge beziehen. Wie weit es dann berechtigt ist, sich einen späteren Zustand der Biologie etwa nach dem Muster der Quantentheorie vorzustellen, kann natürlich einstweilen nicht entschieden werden. Aber man wird sich zunächst von solchen Analogien leiten lassen, und muss daher die Frage stellen, welche allgemeinen Aussagen über die Zusammenhänge jenes dritten Bereichs aus diesen Analogien gewonnen werden können.

Dabei kann man etwa zunächst feststellen, dass die gesuchten Gesetze ihr Wirken nicht auf die lebende Substanz beschränken können, sondern dass es sich um ganz allgemeine Zusammenhänge handeln muss, die in alles Geschehen eingreifen und die (das folgt aus dem Begriff des Gesetzes) ganz allgemein verbindlich sind. Die Entstehung einzelner Lebewesen erscheint dann nur als eine spezielle Auswirkung jener Gesetze -ähnlich, wie die Existenz stabiler Atome und Moleküle eine spezielle Auswirkung der Quantengesetze genannt werden kann.

Daraus folgt besonders, dass es im Gebiet der kleinsten Organismen keine scharfe Grenze zwischen lebendiger und toter Materie geben kann. Von einem grossen geformten Körper kann die Entscheidung, ob er lebt oder nicht, völlig klar gefällt werden. Bei den kleinsten organischen Gebilden aber werden die Begriffe versagen, mit deren Hilfe jene Entscheidung gewöhnlich getroffen wird, und es bedarf künstlicher Definitionen, um den Unterschied aufrecht zu erhalten.

Von diesem Gesichtspunkt aus erscheint auch die bekannte These, dass »Leben nur aus Leben entstehen könnte«, in einem anderen Licht. Wir wissen ja sicher, dass die höher entwickelten Organismen aus primitiveren in frühen Zeiten hervorgegangen sind; also führt jene These von selbst zu den primitivsten einzelligen Lebewesen zurück, die am Anfang der Entwicklung gestanden haben müssen. Bei diesen kleinsten Lebewesen aber wird die Frage, ob sie aus lebendiger oder toter Materie entstehen, unentscheidbar. Man kann dies so ausdrücken, dass es überhaupt nur lebendige Materie gebe; oder man kann auch für die allmähliche Entwicklung grösserer und komplizierterer Organismen das Wort Urzeugung verwenden, wenn man nicht die wahrscheinlich falsche Vorstellung damit verbindet, dass das Verhalten jener zum Aufbau der Mikroorganismen dienenden Materie durch die Begriffe der bisherigen Physik und Chemie vollständig beschrieben werden kann.

Von der Quantentheorie wird sich diese nächste Stufe der wissenschaftlichen Ordnung vielleicht wieder durch eine neue Erweiterung des Zustandsbegriffs unterscheiden. Der »Zustand«, von dem wir dort Kenntnis erwerben können, wird vielleicht in noch höherem Masse eine Summe von Möglichkeiten, in noch geringerem eine aktuelle objektivierbare Realität in Raum und Zeit sein. Insbesondere wird jenes merkwürdige »Übergreifen« in Raum und Zeit, das sich etwa in der Quantentheorie dadurch äussert, dass ein Elektron Teilchen und Welle sein kann, wohl eine noch wichtigere Rolle spielen. Dieses scheinbare »Übergreifen« eines Körpers in entfernte Raum-Zeitgebiete kommt ja dadurch zustande, dass der Körper selbst sozusagen erst durch Spezialisierung eines allgemeineren Zusammenhangs in Erscheinung tritt. In der Quantentheorie erfolgt die Spezialisierung durch den Eingriff der Beobachtung, die uns vom Ort des Körpers Kunde gibt. Wie die Verhältnisse hier im Einzelnen hinsichtlich der lebendigen Zusammenhänge liegen werden, vermag noch niemand vorherzusehen. Aber dass biologische Zusammenhänge in grossen Raum- und Zeitgebieten wirksam werden können, die nicht in einfacher Weise durch die raum-zeitliche Ausdehnung der körperlichen Organismen und ihrer Kräfte abgegrenzt sind, wird wohl durch viele Erfahrungen, z. B. über biologische Instinkthandlungen wahrscheinlich gemacht. (Man denke etwa an die Wanderungen der Zugvögel!) Schon der Begriff der biologischen »Funktion« eines Organs ist ja nicht unmittelbar an eine bestimmte materielle in Raum und Zeit vorliegende Situation geknüpft. Dabei dürfte es (nach der quantentheoretischen Analogie) wieder richtiger sein, nicht von Wirkungen auf grosse Raum-Zeitabstände zu sprechen, sondern von Zusammenhängen, die sich nicht einfach als »Wirkungen« beschreiben lassen, die aber bei ihrer Projektion in Raum und Zeit das Bild solcher scheinbarer Wirkungen erzeugen.

Beispiele für dieses »Übergreifen« in Raum und Zeit sind oft aufgezählt worden. So treffen etwa die Larven vieler Insektenarten vor dem Stadium der Verpuppung umfangreiche Vorbereitungen, sie bauen sogenannte Puppenwiegen, deren Zweckmässigkeit erst in dem veränderten Zustand des Lebewesens nach der Verpuppung zur Geltung kommt. Hier kann von Erfahrung, Erlernen oder Überlegung nicht die Rede sein, und das geschilderte Geschehen kann nur ungezwungen beschrieben werden, wenn man die ganze Formentwicklung vom Ei bis zum Tod des fertigen Insekts einschliesslich aller »Instinkthandlungen« und unabhängig von den Besonderheiten der Wechselwirkung mit einer oft vom Zufall bestimmten Umwelt als einen einheitlichen Zusammenhang begreift. Jedenfalls zeigen solche Beispiele, dass der im Einzelnen oft so verschiedenartige materielle Vorgang nicht die entscheidende Rolle für das biologische Geschehen spielt - ebensowenig, wie etwa beim Vorgang der Kristallisation die mechanische Bewegung der einzelnen Elektronen die Bildung des Kristalls massgebend bestimmt. Entscheidend für die Kristallbildung ist vielmehr die Existenz einer mechanisch nicht beschreibbaren Situation, des Bohr'schen »stationären Zustandes«, in dem von Bewegung der Elektronen nicht gesprochen werden kann. In ähnlicher Weise wird vielleicht die Existenz gewisser biologischer Funktionen (Stoffwechsel, Fortpflanzung usw.) die eigentliche Grundlage für das Verständnis der Lebensvorgänge abgeben müssen, und das Studium der physikalisch-chemischen Eigenschaften der Mikroorganismen verschafft uns nur Kenntnisse über die Vorgänge, mit denen die Natur spielt, um jene biologischen Grundformen zu verwirklichen. Andererseits müssen ja die biologischen Zusammenhänge so auf die physikalisch-chemischen Gesetze »abgepasst« sein, dass nirgends Widersprüche auftreten; daraus allein folgt schon, dass aus dem Studium der physikalischen-chemischen Eigenschaften der kleinsten Lebewesen eine unbegrenzte Fülle von Material zum Verständnis der biologischen Zusammenhänge gewonnen werden kann.

Vielleicht besteht, wie schon mehrfach angedeutet worden ist, ein weiterer charakteristischer Zug jener auf die Quantentheorie folgenden Stufe der Ordnung der Wirklichkeit darin, dass in die Formulierung der zugehörigen Gesetze wesentlich der Umstand eingeht, dass wir selbst lebende Wesen sind. Dies wird durch verschiedene Gründe wahrscheinlich gemacht:

Erstens müssen ja die Gesetze, die für die Entstehung der Organismen massgebend sind, auch bei jeder Wechselbeziehung zwischen einem Organismus und der »Aussenwelt«, also auch bei jeder Beobachtung eines Organismus wirksam sein; es wird also in eine geschlossene Formulierung dieser Gesetze sicher die Tatsache eingehen, dass diese Gesetze das, was beobachtet, ebenso betreffen wie das, was beobachtet wird. In ähnlicher Weise ist es ja auch für die Formulierung der Quantentheorie wesentlich, dass ihre Gesetze nicht nur für das zu beobachtende atomare System, sondern auch im Beobachtungsapparat gelten.

Zweitens aber dürfte es auch darüber hinausgehend Beziehungen zwischen lebendigen Organismen geben, die gar nicht auf die »objektiven« Begriffe der klassischen Physik zurückgeführt werden können.

Das Neue an der Erkenntnissituation der Quantentheorie bestand in der Feststellung, dass wir nur das beobachten können, das sich nicht wirklich von uns trennen lässt; so dass der Begriff der »objektiven Beobachtung« gewissermassen in sich widerspruchsvoll wird.

Das Leben stellt uns wieder vor eine neue Erkenntnissituation; die bisher besprochene Analogie dieses Problems zu dem der Quantentheorie sollte ja nicht bedeuten, dass etwa die Lösung der erkenntnistheoretischen Schwierigkeiten des Lebensproblems wieder in der Diskussion des mit jeder Beobachtung verknüpfen Eingriffs bestehen müsse. Es sollte nur, wie Bohr sagt, betont werden, dass »das Leben kein physikalisches Experiment sei«. Vielleicht ist es aber der wesentlichste Zug dieser neuen Erkenntnissituation, dass schon der Begriff »Beobachtung« bei einem lebenden Wesen Züge enthält, die nicht physikalisch-objektiv definiert werden können. Zu einem lebenden Wesen können wir in eine unmittelbare Beziehung treten, die keiner Analyse im physikalischen Begriffen fähig oder bedürftig ist. Am deutlichsten bewusst wird uns die Verbindung mit den Wesen, die uns am nächsten verwandt sind, also mit den anderen Menschen; die Gebärden etwa der Mutter sind dem Kind längst vor der Sprache verständlich. Aber auch mit den höher entwickelten Tieren verknüpfen uns, bewusst oder unbewusst, solche Beziehungen. Die innere Unsicherheit etwa, die uns beim Anblick des Todeskampfes eines anderen lebenden Wesens befällt, ist ein deutliches Zeichen für die enge Verbundenheit alles Lebendigen. Wieviel von solcher Verbundenheit noch in unserem Verhältnis zu den niedersten Organismen, etwa zu den einzelligen Lebewesen, zu spüren ist, mag dahingestellt bleiben. Aber schon die Feststellung, dass es sich um etwas Lebendes handle, kann ja nur sinnvoll getroffen werden, weil wir selbst leben. In ähnlicher Weise kann ja etwa auch das Wort »Liebe« nur von dem verstanden werden, dem schon Liebe begegnet ist; und nur ein Missverständnis der hier vorliegenden Erkenntnissituation könnte zu der Ansicht verleiten, es könne viel gewonnen werden durch die Definition - d. h. die Zurückführung auf andere Begriffe. Was mit diesen Wörtern gemeint ist, das wissen wir ohne Erklä rung. Freilich muss in der wissenschaftlichen Biologie auch das Wort Leben den Prozess der »Verschärfung der Begriffe« durchmachen, der früher beschrieben worden ist. Aber es gehört zur Erkenntnissituation in dem Bereich der Wirklichkeit, der das Leben enthält, dass wir schon wissen, was Leben ist, weil wir selbst leben.

Diese unmittelbare Beziehung zu allem Lebendigen, von der hier die Rede war, scheint übrigens nur ein besonderer Fall jener allgemeineren Zusammenhänge, die für das Lebensphänomen überhaupt charakteristisch sind und die wir durch die Feststellung auszudrücken suchten, dass die biologische Funktion primär sei gegenüber dem objektiven materiellen Ablauf. Offenbar sind doch z. B. die folgenden biologischen Abläufe innerlich eng verwandt und gewissermassen nur dem Grade nach verschieden: Der Aufbau eines Organs aus vielen gleichartigen Zellen; die Bildung eines nach bestimmten Gesetzen lebenden Ameisenstaates, der fast ebenso wie ein Organ als etwas Ganzes reagiert; der Zusammenschluss von Menschen zu einer Gemeinschaft. Immer schwebt hier gleichsam das Bild des Ganzen, zu dem die einzelnen Glieder sich verbinden, über der Entwicklung der werdenden organischen Einheit.

Hierher gehört auch die enge Verbindung eines lebenden Wesens mit seiner materiellen Umwelt. Nur eine oberflächliche Betrachtung kann einfach zwischen dem Körper des Lebewesens und der toten materiellen Umwelt unterscheiden. Bei näherem Zusehen erweisen sich diese Grenzen als unscharf. Gehört die eben aufgenommene Nahrung, die Luft, die eingeatmet wurde, mit zum Körper, oder nicht? Von welchem Zeitpunkt ab sollen sie als Teile des Körpers bezeichnet werden? Gehört das Schneckenhaus mit zum Organismus der Schnecke, das Netz mit zu dem der Spinne? Müsste nicht bis zu einem gewissen Grad auch das Erdreich, in dem die Pflanze wurzelt, mit zu ihrem lebendigen Zusammenhang gerechnet werden? Und um gleich eines der letzten Glieder dieser Kette zu nennen:

Auch wir Menschen treten einer Landschaft nicht nur als Beschauer gegenüber; sondern jedes Kennenlernen ist mit dem unbewussten Abtasten der möglichen, lebendigen Beziehungen verknüpft, die zwischen dieser Landschaft und uns wachsen können; diese Beziehungen können so eng werden, dass ihre gewaltsame Trennung zu schweren Störungen des ganzen Lebensablaufs fuhrt. Die Berührung eines lebenden Wesens ist etwas anderes als das Anfassen eines toten Gegenstandes. Auch beim Eintritt in eine Landschaft können wir manchmal deutlich die »Kräfte« spüren, die von dort in uns einströmen.

Die Zusammenhänge dieses dritten Bereichs der Wirklichkeit, der das Leben enthält, werden vielfach als eine »höhere« Organisationsform der Materie bezeichnet, höher als die Zusammenhänge der Physik und Chemie.

Als Zeichen hierfür kann die Tatsache gelten, dass Leben sich allgemein nur unter sehr speziellen äusseren Bedingungen, bestimmten Temperaturen, Feuchtigkeitsgraden usw. entwickeln kann; ferner der Umstand, dass organische Bildungen, die die typischen Kennzeichen des Lebens tragen, erst oberhalb emer gewissen Mindestgrösse vorkommen. Einige Millionen Atome scheinen zur Bildung eines »Lebewesens« mindestens notwendig zu sein. Schliesslich ist für diese höhere Organisation auch charakteristisch die Existenz des Todes, d. h. die fast unstetige und nicht wieder rückgängig zu machende Auflösung der inneren organischen Einheit. Diese Auflösung wird verursacht und ist begleitet von bestimmten, nachweisbaren materiellen Veränderungen im Körper des Lebewesens. Aber der Eintritt des Todes hat auch eine Seite, die nicht einfach in den Begriffen der materiellen Struktur beschrieben werden kann und die man durch die Vorstellung verdeutlichen kann, dass das Bild des Ganzen, das im Leben die Teile des Organismus aufeinander bezieht, im Augenblick des Todes verblasst und seine bindende Kraft verliert.

Em solches Aufhören biologischer Zusammenhänge kann auch dort beobachtet werden, wo es sich nicht um den Abschluss eines Individuallebens handelt. So kann ja auch etwa die Beziehung zweier Menschen, die in unser Bewusstsein als Liebe tritt, verlöschen und damit dem gleichen Schicksal unterworfen sein, dem auch die organische Einheit eines Lebewesens im Tode unterliegt.

Allerdings wird bisher in all den Fällen, in denen bei der Betrachtung des Lebens über das menschliche Leben gesprochen wurde, immer nur ein Teil der Zusammenhänge richtig bezeichnet worden sein. Denn die Existenz des Bewusstseins und das Teilnehmen an einer höheren geistigen Ordnung verändert für den Menschen jeden einzelnen Vorgang von Grund auf.

 

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c) Die besondere Stellung des Menschen

 

An dieser Stelle muss nun wohl gesagt werden, dass wir Menschen nicht nur Körper und Lebewesen sind, sondern an höheren Ordnungen teilnehmen - dass wir gewissermassen die Stelle der Natur bezeichnen, an der die höchsten jeweils die Materie gestaltenden Ordnungen sichtbar in Erscheinung treten.

Damit soll einerseits die besondere Stellung des Menschengeschlechts in der Entwicklungsgeschichte der Erde, andererseits seine Fähigkeit zum Verständnis geistiger Strukturen hervorgehoben werden.

Dass der Mensch sich im Laufe der Erdgeschichte aus anderen Organismen entwickelt habe, die ihrem äusseren Bau nach primitiver waren, kann nicht bezweifelt werden. Auch kann als sicher angenommen werden, dass die frühen Vorfahren der Menschheit eine grosse Ähnlichkeit mit manchen jetzt lebenden niederen Tierarten gehabt haben. Trotzdem folgt daraus nicht, dass auch die jetzt lebenden niederen Tierarten im Prinzip im Stande wären, noch einmal eine ähn1iche Entwicklungsreihe hervorzubringen. Vielmehr scheint die Entwicklung der Arten häufig den Weg der »Spezialisierung« gegangen zu sein. Diese Entwicklung erfolgt ja nach der Ansicht der meisten heutigen Biologen in der Weise, dass die Mutationen einfach nach den Regeln des Zufalls erfolgen und dass dann die Auslese der unter den gegebenen Bedingungen Lebenstüchtigsten den weiteren Lauf der Entwicklung bestimmt. Diese Auslese hat offenbar häufig zur Folge, dass spezielle Fähigkeiten zu einer hohen Vollendung getrieben werden, dass aber eben deshalb eine Weiterentwicklung nicht möglich ist, weil der Organismus schon zu sehr auf die besondere Art seines Lebenskampfes festgelegt ist; die Spezialisierung verhindert die eigentliche Höherentwicklung. Daneben scheint die Natur gewisse Gruppen von Organismen immer wieder davor zurückgehalten zu haben, sich zu weitgehend auf die Ausbildung bestimmter Fähigkeiten festzulegen; fur solche Gruppen war es offenbar ein Selektionsvorteil - vielleicht in Folge der häufig wechselnden Umweltbedingungen -, besonders vielseitig und bildungsfähig und damit für die Höherentwicklung geeignet zu bleiben. Man kann die Folge dieser Lebewesen die zentrale Entwicklungslinie nennen; entlang dieser Linie (die sicher nicht eine »gerade« Linie war) hat die Entwicklung von den primitivsten einzelligen Organismen bis zu den höchsten beseelten Lebewesen stattgefunden.

Wie sich der Vorgang der Bildung der verschiedenen Organismen im einzelnen auch abgespielt haben mag, sicher ist das menschliche Geschlecht der heute lebende Vertreter jener zentralen Entwicklungslinie. Wenn man nicht annehmen will, dass die Entwicklung eben jetzt ihren Abschluss gefunden habe, so wird man daher zugeben müssen, dass auch die heutigen Menschen in einer ganz langsamen Wandlung zu noch differenzierteren, noch höher organisierten Wesen begriffen sind. Vielleicht darf man sogar den Vergleich zwischen Zukunft und Vergangenheit so eng ziehen, dass man die gegenwärtige Menschheit als den Ursprung verschiedenartiger Entwicklungslinien denkt, die teils zu anderen spezialisierten Gruppen von Organismen, teils zu höher organisierten, noch völlig bildungsfähigen Lebewesen führen. Allerdings vollzieht sich eine solche Entwicklung sicher in Zeiträumen, die ausserordentlich lang sind im Vergleich zur kurzen Spanne eines Einzellebens oder zum Leben eines Volkes oder eines Kulturkreises. Man kann daher mit Recht fragen, welchen Sinn es überhaupt haben könne, eine so ferne Zukunft in den Kreis der Betrachtungen zu rücken. Aber unsere heutige Zeit ist geneigt, nicht an einen in naher Zukunft zu erwartenden Weltuntergang zu denken, sondern die Zukunftsmöglichkeiten dem, was in der fernsten noch übersehbaren Vergangenheit geschehen ist, zu vergleichen. So zwingt uns die Entwicklung, die sich in Milliarden von Jahren vor uns vollzogen hat, auch den Gedanken an ihre zukünftige Weiterführung auf. Diese fernste Vergangenheit und Zukunft bildet, so wenig wir auch jetzt mit ihr zu tun haben, doch in gewisser Weise den Rahmen, in dem wir das Bild der Weltgeschichte auch unserer Tage sehen.

Der Gedanke an eine in unvorstellbaren Zeiträumen sich abspielende Weiterentwicklung veranlasst auch noch eine zweite Folgerung. Ebenso, wie etwa ein menschlicher Embryo in den ersten Wochen zwar äusserlich die Züge der früheren Entwicklungsstufe trägt, aber doch schon unbewusst teilhat an den höheren Zusammenhängen, die nur im Menschen sich verkörpern, so muss wohl angenommen werden, dass auch die Wirklichkeit des heutigen Menschen sich nicht erschöpft in den Zusammenhängen, die als biologische, seelische oder geistige Ordnung in unser Bewusstsein treten; dass vielmehr der Mensch grundsätzlich auch an allen höheren Zusammenhängen teilhat, deren Wirken vielleicht erst in viel späteren Epochen sichtbar in Erscheinung tritt. Dieses »Teilhaben« kann zwar zunächst nur als Ausdruck für die grundsätzliche Entwicklungsmöglichkeit gemeint sein. Aber es kann darüber hinaus doch wohl auch bedeuten, dass schon im Leben der heutigen Menschen zukünftige Entfaltungen sich gelegentlich ankündigen. Allerdings liegt es in der Natur der Sache, dass wir über diese Entwicklung nicht sprechen können. Denn eine Sprache kann sich nur für den Teil der Wirklichkeit bilden, in dem sich unser Leben abspielt. Aber vielleicht kann das, was hier gemeint ist, in dem etwas unklaren Satz ausgesprochen werden, dass der Mensch im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen unserer Erde den Zugang zu den schöpfenschen Kräften besitzt.

 

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5. Das Bewusstsein

 

Die höheren Bereiche der Wirklichkeit abzugrenzen und in ihrem gegenseitigen Verhältnis zu bestimmen, darf heute wohl noch niemand wagen. Denn so viel auch über diesen Teil der Welt gesagt und gedacht worden ist, die Untersuchungen haben sich hier fast stets darauf beschränken müssen, das Erfahrbare zu beschreiben und zu ordnen, und nur einzelne wenige Versuche sind unternommen worden, durch ein fast undurchdringliches Dunkel hindurch zu den Hintergründen zu gelangen, in denen diese Bereiche der Wirklichkeit untereinander und mit den niederen Bereichen zusammenhängen.

 

 

a) Bewusstsein und biologischer Zusammenhang

 

Zu allen Zeiten scheinen sich die Menschen darüber einig gewesen zu sein, dass als die nächsthöhere, dem organischen Leben überbaute Stufe der Wirklichkeit die Existenz von Bewusstsein, von bewusstem Leben gelten kann. Die Beziehungen zwischen dem Leben eines Individuums und seinem Bewusstsein sind dabei so eng, dass man die Frage aufwerfen muss, ob überhaupt sinnvoll eine Trennung in zwei Bereiche Bewusstsein und Leben vollzogen werden kann. Viele Anzeichen deuten im Gegenteil daraufhin, dass es Wirkungen gleicher Art sind, die die Teile eines Organismus auf eine gemeinsame Einheit beziehen und die im Bewusstsein als Wünsche oder Gefühle, als Eindrücke oder Willensakte in Erscheinung treten können.

Dieser Frage gegenüber ist oft darauf hingewiesen worden -man kann etwa an die Untersuchungen von Carus oder an die moderne Psychiatrie denken -, dass das bewusste Seelenleben sich stetig anschliesst an ein viel ausgedehnteres unbewusstes Leben, zu dem es sich ähnlich verhält, wie das Spiel der Wellen

an der Oberfläche zu den Bewegungen des darunter liegenden Meeres. Jede Betrachtung der Vorgänge, die sich in unserem eigenen Bewusstsein abspielen, belehrt uns ja darüber, dass nur ein kleiner Teil unserer Gedanken ins helle Licht des Bewusstseins tritt, dass ein anderer grösserer Teil einen von einer Art Halbdunkel erfüllten Raum durcheilt, während der grösste Teil der Vorgänge sich beim Versuch ihrer nachträghchen Fixierung nur noch als eine unbestimmte Bewegung im Schattenraum des Bewusstseins zu erkennen gibt. Der Gedanke, dass es eine stetige Fortsetzung der bewussten Vorgänge in ein ganz »unbewusstes« Gebiet gibt, drängt sich uns unabweisbar auf.

Wenn dies aber wahr ist, so entsteht sogleich die weitere Frage, ob die unbewussten Vorgänge nicht unmittelbar identisch seien mit dem Leben schlechthin, also mit den Vorgängen, die einfach als Ausdruck der organischen Einheit angesehen werden können, als welche ein Lebewesen sich gegen die Umwelt abzeichnet. Schon Carus hat diese Frage gestellt. In ihrer Beantwortung hat er ein »Allgemeines« und ein »Partielles« Unbewusstes unterschieden. Das Allgemeine Unbewusste ist ihm identisch mit dem Wirken der Bildungskräfte, die das betreffende Leben gestalten; das Partielle Unbewusste gehört schon in einer bestimmten Weise zu eben der Seele, die sich auch im Bewusstsein offenbart. Es ist gewissermassen das Dunkel, in das der Strahl des Bewusstseins leuchten kann. Das Verhältnis dieser verschiedenen, stetig ineinander übergehenden Stufen des unbewussten und des bewussten Lebens ist von Carus ausführlich beschrieben worden.

Wenn nun auch sicher ein stetiger Übergang von den ganz bewussten seelischen Vorgängen bis zum völlig unbewussten Walten der organischen Bildungskräfte beschrieben werden kann, so ist damit doch noch nichts über die Frage entschieden, ob sich nicht die Erkenntnissituation bei der Betrachtung des Bewusstseins von der bei der Betrachtung des Lebens grundsätzlich unterscheide. Schon mehrfach hat sich ja eine ähnhche Lage ergeben: dass zwar in der Natur scheinbar nur fliessende Übergänge vorkommen, dass aber die Begriffsbildungen, mit denen wir an die Natur herantreten, die Sprache, die wir gebrauchen, scharfe Grenzen zwischen den verschiedenen Bereichen der Wirklichkeit notwendig entstehen lassen. So gehen ja etwa die chemischen Vorgänge in kleinsten räumlichen Bereichen durchaus kontinuierlich über in Bewegungsvorgänge der Elementarteilchen (der Atome und ihrer Elektronen). Trotzdem sind die chemischen Veränderungen begrifflich so scharf von den Bewegungsvorgängen der Elementarteilchen getrennt, dass die beiden Begriffsbildungen, wie die Quantentheorie lehrt, in einem ausschliessenden Komplementaritätsverhältnis stehen.

In ähnlicher Weise wird man sicher annehmen dürfen, dass eine neue Erkenntnissituation vorliegt, wenn es sich um die Betrachtung der Seele handelt als einer Einheit, die Eindrücke empfängt und fühlt, die Wünsche und Entschlüsse fassen kann. An dieser Stelle scheint eine scharfe Grenze zwischen zwei verschiedenen Bereichen der Wirklichkeit deutlich erkennbar. Allerdings bezieht sich diese Grenzziehung zunächst nicht eigentlich auf zwei in sich geschlossene und gedanklich überschaubare Bereiche der Wirklichkeit, sondern wieder nur auf ihre Projektionen in die Ebene (zwar nicht immer von Raum und Zeit, aber doch stets) der objektiven Geschehnisse. Nur insofern die Seele (unsere eigene oder die anderer Lebewesen) das Objekt der Betrachtungen bildet, muss sie von der Gesamtheit der biologischen Zusammenhänge, die das Lebewesen als Ganzes ausmachen, grundsatzlich unterschieden werden. Bei der Betrachtung seelischer Vorgänge finden sich ja wahrscheinlich in gesteigertem Mass Schwierigkeiten ähnlicher Art, wie sie schon bei der Untersuchung atomarer Abläufe auftraten: ein wesentlicher Teil seelischen Geschehens wird sich bis zu einem gewissen Grad der objektiven Fixierung deswegen entziehen, weil der Akt der Fixierung selbst in die Vorgänge entscheidend eingreift. So sehr es berechtigt ist, seelische Vorgänge als etwas Objektives anzusehen, und so unsinnig es wäre, die seelische Wirklichkeit der materiellen als etwas Abgeleitetes oder Sekundäres unterzuordnen, ebenso sehr muss auch betont werden, dass die Objektivierung seelischer Vorgänge eine besonders weitgehende Idealisierung des wirklichen Geschehens bedeutet. Denn das Gedächtnis, das etwa zur Fixierung eines seelischen Prozesses die gleichen Gedanken nochmal durchs Bewusstsein wandern lässt, kann zwar dafür sorgen, dass der Teil des Prozesses, der sich im hellen Licht des Bewusstseins vollzogen hatte, einigermassen genau wiederholt wird; kann aber sicher nicht erreichen, dass der grössere Teil der unbewussten Vorgänge, die mit dem Prozess verknüpft waren, unter der neuen Situation des Fixierenwollens in gleicher Weise abläuft, wie früher. Im übrigen handelt es sich hier um einen allgemeinen Zug der wissenschaftlichen Methode: Die Vorgänge verlaufen im fliessenden Zusammenhang der Natur grundsätzlich etwas anders, als dort, wo wir sie - mit den Mitteln des Experiments oder der gedanklichen Analyse - isolieren und unter die Lupe nehmen. Allerdings: alles Sprechen über einen Vorgang ist ja schon ein Isolieren, ein Unter-die-Lupe-Nehmen!

Die seelischen Vorgänge gehören also, insofern sie fixiertes Objekt unseres Nachdenkens sind, einem besonderen Bereich der Wirklichkeit an und können wahrscheinlich nicht in einen eindeutig festlegbaren Zusammenhang mit den Abläufen gebracht werden, die als der unmittelbare Ausdruck der biologischen Funktionen anzusehen sind. Dies hindert aber nicht, dass der Zusammenhang zwischen den rein biologischen und den seelischen Vorgängen doch so eng ist, dass die letzteren einfach als die dem Bewusstsein gegebene Form des biologischen Ablaufs gelten können.

Damit wird neben anderen Fragen auch das Problem des sogenannten psychophysischen Parallelismus angeschnitten. Es liegt fürs erste nahe, zu glauben, dass etwa jeder Folge von Gedanken ein bestimmter elektrochemischer Vorgang im Gehirn als parallel laufend zugeordnet sei, wobei die Gedanken logisch oder assoziativ verknüpft sind, die elektrochemischen Vorgänge aber nach Ursache und Wirkung durch die physiko-chemischen Gesetze determiniert ablaufen. eine solche Formulierung ist jedoch aus verschiedenen Gründen oberflächhch. Zwar wird etwa die Untersuchung der elektrischen Potentialdifferenzen im Gehirn - insoweit sie ohne erhebliche Störung des Gedankenablaufs vorgenommen werden kann - wohl zu dem Ergebnis führen, dass eine bestimmte Gedankenkette unter denselben Bedingungen bei dem gleichen Individuum auch immer wieder zu dem gleichen zeitlichen Potentialverlauf Anlass gibt. Das ist der Wahrheitsgehalt der genannten Formulierung. Aber es ist dabei festzustellen, dass erstens dieser Potentialverlauf für verschiedene Individuen, verschiedene Lebensalter usw. doch keineswegs der gleiche sein kann. Z. B. würde dann, wenn durch eine Verletzung wesentliche Veränderungen im Gehirn eingetreten sind, der Potentialverlauf zu dem gleichen Gedanken ganz anders aussehen als vorher. Bei der genannten Formulierung wird ferner zweitens offenbar der Umstand übersehen, dass uns die Gedanken ja nicht von der Geburt auf mitgegeben sind, so etwa wie die Organe und ihre Verrichtungen, sondern dass wir die Gedanken erst durch das Zusammenlassen mit anderen Menschen erlernen. Es kann zwar sinnvoll behauptet werden, dass etwa die Leistungen gleicher Organe in zwei verschiedenen Lebewesen im Wesentlichen »gleich« seien. Aber von der Gleichheit der Gedanken zweier Lebewesen kann erst gesprochen werden, wenn eine Verständigung über den Inhalt eines Gedankens durch Sprache oder Gebärde erreicht werden kann. Ebenso wie eine bestimmte biologische Funktion oft auf recht verschiedene Weisen materiell realisiert wird, so kann auch der gleiche Gedanke verschiedenen materiellen und biologischen Vorgängen zugeordnet werden. Es ist daher auch nicht weiter verwunderlich, dass dem elektrochemischen Ablauf im Gehirn, für den ja Begriffe wie »logische Folge« usw. nicht existieren, eine logische Kette von Gedanken »parallel läuft«. Denn das logische Schliessen ist ja etwas Erlerntes, es ist dem Gehirn erst durch die Verständigung mit anderen Menschen und durch die Erfahrung aufgeprägt.

Bei der Frage nach einer strengen Korrelation zwischen den Gedanken und dem elektrochemischen Verhalten des Gehirns ist schliesslich, wie schon angedeutet wurde, der Umstand wichtig, dass jede Untersuchung der Gedanken oder der Gehirnvorgänge eben den zu untersuchenden Prozess mehr oder weniger stark stört. Jede elektrische Beeinflussung des Gehirns wird Gedanken, Willensakte, Körperbewegungen zur Folge haben und jedes Ausspüren von Gedanken muss elektrische und chemische Vorgänge im Gehirn bewirken. Aber es ist nicht die Aufgabe dieser Zeilen, solchen verwickelten Zusammenhängen nachzugehen; es sollte nur auf die grundsätzlichen Schwierigkeiten der Erkenntnissituation bei der Frage nach den Beziehungen zwischen physischem und biologischem Geschehen hingewiesen werden.

 

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b) Bewusstsein und Wirklichkeit

 

Wie sehr nun auch bei dem Versuch der Objektivierung seelisches Geschehen als etwas dem biologischen gegenüber grundsätzlich Anderes erscheint, so dürfte doch eine wesentliche Seite dieser Verhältnisse richtig bezeichnet sein, wenn man die Gesamtheit der seelischen Vorgänge als die unserem Bewusstsein gegebene Form der Beziehungen ansieht, die durch den Begriff »biologische Funktionen« angedeutet werden.

Daher ist auch die Art, wie sich die uns umgebende Umwelt in unserem Bewusstsein spiegelt, ein unmittelbarer Ausdruck der biologischen Beziehungen, die uns mit dieser Umwelt verbinden. Daher greift die Untersuchung hier von selbst zurück auf die merkwürdigen Veränderungen der Wirklichkeit, von denen am Anfang dieses Aufsatzes die Rede war. Im kindlichen Alter, in dem die Anpassungsfähigkeit am grössten ist und in dem wir von der Welt, in die hinein wir geboren sind, aufs stärkste beeinflusst und verwandelt werden, in dem also unsere Stellung zur Welt noch nicht durch die Ausbildung spezieller Fähigkeiten festgelegt ist, wird auch unsere Wirklichkeit von den schöpfensch gestaltenden Beziehungen zwischen dieser nächsten Umwelt und uns getragen. So wie jede Beziehung gegenseitig sein muss, ist auch hier die Kraft zum Verwandeln und Gestalten der Wirklichkeit am grössten. Erst wenn dieser Wachstumsprozess sich seinem Abschluss nähert, reift die Möglichkeit zu bestimmten, gerichteten lebendigen Verknüpfungen. Dann erst können wir in eine Landschaft hineinwachsen oder uns mit einem Menschen verbinden. Der Eintritt einer solchen Verknüpfung ist dabei so plötzlich und so sehr etwas, das uns ganz unvermittelt wie von einer höheren Macht her geschieht, dass er uns wie mit einem tiefen und heiligen Schrecken erfüllen kann. Es ist, als wäre die Gottheit selber auf die Erde herabgestiegen und spräche zu uns eben durch diesen Menschen oder durch diese Landschaft. Was sich hier im Einzelnen vollzieht, vermag nur der Dichter im Gleichnis zu beschreiben; denn niemand, der an dieser Stelle dem Lieben Gott begegnet ist, würde wagen, in den Worten der gewöhnlichen Sprache über das Geschehene zu reden. Sicher aber ist, dass hinter der Wirklichkeit einer solchen lebendigen Beziehung die ganze übrige durch die Sinne aufgenommene Welt lange Zeit ihre Kraft verliert, dass sie entweder in den Schatten zurücktritt oder mit eingeschmolzen wird und teilnimmt an dem Glanz, der das ganze Bewusstsein erfüllt.

Von hier aus ist als Gegensatz auch das andere Geschehen verständlich, das am Anfang beschrieben wurde und bei dem sich die Verbindung des Menschen mit der Umwelt von einer lebendigen Berührung in eine starre mechanische Verknüpfung zu verwandein scheint. Hier handelt es sich offenbar um eine wirkliche Zerstörung lebendiger Zusammenhänge, um einen dem Tode verwandten Prozess, der durch eine Katastrophe im Seelenleben dieses Menschen oder wohl auch durch das allmähliche Erschlaffen des Organismus zustande kommen kann.

Eine besondere Folge dieses Bewusstwerdens lebendiger Zusammenhänge muss noch hervorgehoben werden: dass nämlich das Bewusstsein - im Gegensatz zu allen niederen Zusammenhängen - zu einer scharfen Trennung des Individuums von seiner Umwelt führt. ein Kristall kann in Teile zerlegt werden oder mit anderen Kristallen zu einem grösseren verschmelzen, die Kristalleigenschaft kommt dabei stets jedem dieser Gebilde zu. Auch zwei Zellen können sich im Befruchtungsvorgang zu einer vereinigen und nachträglich wieder in zwei gleiche Zellen teilen; die Teilung kann fast beliebig fortgesetzt werden; auch die Zelle macht also im Laufe der Zeit Wandlungen durch, die hindern, sie etwa immer als das gleiche Individuum wiederzuerkennen. Nur das Bewusstsein sondert völlig scharf eine bestimmte Einheit aus, und es kann schlechterdings nicht vorgestellt werden, dass etwa das Bewusstsein eines Individuums mit dem eines anderen verschmelzen könnte oder dass eine Teilung des Bewusstseins einträte. Diese Aussonderung eines einzelnen »Ich« von der übrigen Welt ist offenbar äusserlich nur möglich, weil schon in der organischen Welt das einzelne Lebewesen eine von der Umwelt bis zu einem gewissen Grade getrennte Einheit darstellt; deshalb kann bei niederen Lebewesen, bei denen durch Teilung aus einem Organismus mehrere hervorgehen können (man kann hier etwa an die Pflanzen denken, bei denen oft ein abgeschnittener und in den Boden gesteckter Trieb zu einer neuen Pflanze werden kann), von einem Bewusstsein nicht die Rede sein. Aber es wäre nicht richtig zu sagen, dass die Aussonderung des einzelnen Ich auch eben nur in dem Grad stattfände, in dem die biologische Stellung des Lebewesens das zulasse. Vielmehr wird durch das Bewusstsein die Trennung stets völlig scharf vollzogen, die Erkenntnissituation lässt hier keine gradweisen Übergänge zu. Das Ich ist seiner Natur nach eine unlösbare Einheit, die entstehen oder verlöschen, aber nicht dem Prozess des Teilens oder Zusammenfügens ausgesetzt werden kann. Während also in den niederen Bereichen der Wirklichkeit die Vorgänge sich in einem bunten, aber gesetzmässigen Wechsel ablösen, derart, dass aus einer Situation nach Ursache und Wirkung oder dem Spiel des Zufalls folgend eine andere nächste entsteht, ist für die höheren Bereiche die Existenz letzthin unwandelbarer Einheiten charakteristisch, die, eben weil sie nicht zu etwas »Anderem« werden, nur entstehen und wieder verlöschen können.

Dabei kann grundsätzlich der Einwand erhoben werden, dass es sich hier um eine scharf von der Umwelt getrennte Einheit nur in unserer Begriffsbildung handele; denn erst durch den Versuch, jene Struktur, die wir Bewusstsein nennen, zu objektivieren und zu bezeichnen, wird diese völlige Trennung erzwungen. Doch muss daran erinnert werden, dass ja die wissenschaftliche Sprache stets objektivieren und bezeichnen muss, wenn sie einen Bereich der Wirklichkeit darstellen will.

Was früher über das notwendige Zusammenpassen der verschiedenen Wirklichkeitsbereiche gesagt wurde, erzwingt wohl auch die Folgerung, dass die Einheit, die uns als das Bewusstsein eines bestimmten Menschen gegeben ist, erloschen sein muss, bevor der Körper mit dem Tode der Auflösung entgegengeht. Wenn wir trotzdem davon sprechen, dass die menschliche Seele nach dem Tode weiterleben könne, so ist damit wohl in erster Linie die Erfahrung bezeichnet, dass die Struktur, die ein

Mensch seiner Umwelt aufprägt, auch nach dem Tode noch fortwirken kann und in dieser seiner Umwelt ganz unmittelbar zu spüren ist. Wenn wir etwa die Räume betreten, in denen ein uns nahestehender Mensch gelebt hat und die überall die Spuren seines Wesens tragen, so können wir den Eindruck empfangen, dass der Geist dieses Menschen noch in den Räumen lebendig sei; und dieser Geist kann unser Tun und Leben aufs stärkste beeinflussen. Man kann freilich sagen, dass es doch nur die Wirkung einer aus den materiellen Spuren vollzogenen Rekonstruktion sei, die hier so besonders deutlich in Erscheinung trete und unser Handein leite. Aber wer weiss, ob die »Erklärung« des Fortwirkens des Geistes durch den Begriff der Rekonstruktion besser ist, als die Erklärung der biologischen Abläufe durch die physikalisch-chemischen Prozesse im Organismus. Vielleicht ist doch wieder die Kraft, die hier wirksam ist, etwas Ganzes, das sich nicht ohne Zwang in eine Summe von rekonstruierbaren Eleinenten auflösen lässt, und etwas erkenntnismässig Anderes. Aber wer versuchen wollte, die Zusammenhänge zu bezeichnen, die durch jene Kraft unser Bewusstsein berühren, der müsste wieder das Gebiet betreten, über das nur im Gleichnis gesprochen werden kann.

 

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6. Symbol und Gestalt

An der Pforte, die vom Bereich des blossen Bewusstseins zum Raum der geistigen Zusammenhänge führt, steht das »Symbol«. Vielleicht ist es sogar berechtigt - so wenig wir einstweilen über diese Beziehungen auch wissen - den ganzen Bereich der Wirklichkeit, der jenseits und über dem blossen Bewusstsein als etwas Zusammenhängendes bezeichnet werden soll, mit diesem Wort Symbol zusammenzufassen. Denn alles Geistige, sei es in der Sprache, der Wissenschaft oder der Kunst, beruht auf der Verwendung und auf der Kraft von Symbolen. Geistige Inhalte sind nicht an Körper gebunden, sondern werden durch Symbole weitergegeben. Dabei ist die symbolische Kraft eines Dings oder eines Vorgangs - ähnlich wie das Bewusstsein oder das Leben - etwas durchaus Objektives - oder vielleicht richtiger: Objektivierbares; eine Wirklichkeit, die nicht schwächer ist, als etwa die Wirklichkeit des Bewusstseins oder die eines biologischen Zusammenhangs; und es hiesse, das Bild dieses Teils der Wirklichkeit verzerren, wenn man die symbolische Kraft nur als Realität zweiten Ranges gelten lassen wollte. Ähnlich wie die Existenz von Bewusstsein in keinem niederen Bereich der Wirklichkeit auch nur angedeutet ist, so kann auch die Tatsache, dass Dinge oder Bewegungen oder Laute etwas »bedeuten« können, aus keinem Zusammenhang einfacher Art vorhergesehen werden.

Wir denken etwa an die Blume, die uns Sinnbild des Lebens und der Jugend, Verkörperung der in sich selbst ruhenden, vollendeten Schönheit ist: die Rose. Die Beziehung des Menschen zu dieser Blume liegt nicht in einer der bisher besprochenen Wirklichkeitsschichten. Die rein biologische Beziehung ist kaum besonders eng; die Rose ist als Pflanze dem Menschen weder verwandt noch irgendwie nützlich. Sie ist als Organismus in sich ebenso vollendet - nicht mehr und nicht weniger - wie etwa die Distel oder die Kellerassel. Sie enthält keine Stoffe, die uns wertvoll wären. Aber sie ist für uns Menschen mehr als all dies, das in biologischen oder physikalisch-chemischen Begriffen festgelegt werden könnte. Der Schimmer der Farben, die ohne jede Trübung von ihren Blüten leuchten, ein Windhauch, der den Duft der Rose zu uns herüberträgt, berührt das Innerste unserer Seele. Das ist wohi ein objektiver Tatbestand, so wie irgendein Tatbestand der Naturwissenschaft. Über seinen eigentlichen Inhalt freilich kann nur im Gleichnis gesprochen werden. Denn das Symbol in seiner ursprünglichen Form steht dicht am zentralen Bereich der schöpferischen Kräfte: Das Symbol »bedeutet« nicht etwas Bestimmtes, Aussprechbares; es soll nicht unsere Gedanken in eine bestimmte Richtung lenken. Sondern es versetzt uns in einen besonderen Zustand, es macht uns aufnahmebereit und eröffnet Tore zu schwer zugänglichen Bereichen der Wirklichkeit. Hierüber zu sprechen, ist die Sache der Dichter. Was hier gesagt werden muss, kann vielleicht, bezogen auf das Beispiel der Rose, ausgedrückt werden in den Worten: Der Anblick der Rose kann die Silbersaite, von der Gottfried Keller gesungen hat, zum Tönen bringen; und es ist ja eigentlich ihr tiefer Klang, um dessentwillen das Leben uns wichtig ist.

Für die Existenz von Symbolen und für die besondere Bedeutung, die für uns die Rose erhalten hat, lassen sich auch Gründe anführen. Daraus folgt aber noch nicht, dass diese Schicht der Wirklichkeit durch andere erklärt, auf andere zurückgeführt werden könnte. Auch für die Existenz des Bewusstseins - als einer zweckmässigen Zusammenfassung der Reaktionen des Organismus auf die Aussenwelt - lassen sich Gründe anführen. Trotzdem ist das Bewusstsein erkenntnismässig etwas Anderes als die biologischen Funktionen. Die Gründe, die bis zu einem gewissen Grad die höhere Schicht der Wirklichkeit aus der niederen erklären, beweisen nur, dass die verschiedenen Bereiche der Wirklichkeit »aufeinanderpassen« - so wie dies in voller Klarheit am Verhältnis der Chemie zur Mechanik der Elektronenbewegungen studiert werden kann.

Die besonderen Wirkungen, die von der Rose auf die menschliche Seele ausgehen, können bei dem Versuch, sie zu benennen, im Denken mit ihnen umzugehen, eine bestimmte Form annehmen. Die Knospe in ihrer Entfaltung wird uns etwa zum Sinnbild der Jugend, die weisse Rose das Zeichen der Reinheit. Aber mit dieser Spezialisierung entfernt sich das Symbol schon etwas vom Bereich der schöpferischen Kräfte. Es lenkt unsere Gedanken in eine bestimmte Richtung. Wenn dieser Prozess der Bestimmung und Einschränkung weitergetrieben wird, so kommt man schliesslich zu der grossen Klasse der spezialisierten Symbole, die alle Verständigung und damit alles Denken erst bedingen: zu Sprache und Schrift.

 

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a) Die Verständigungsmittel

Auf dem Wege vom reinen, lebendigen Symbol zum festgelegten Erkennungszeichen stehen unendlich vielfache Übergangsformen, die eine erste Verständigung unter den Menschen ermöglichen. Hierher gehören vor allem die Gebärden, die - ursprünglicher als Sprache und Schrift - Gedanken und seelische Inhalte von einem Menschen zum anderen übertragen können. Während wir Sprache und Schrift erlernen müssen, sind uns die Ausdrucksmittel der Gebärde von Geburt auf mitgegeben: Im Gesicht des Kindes drücken sich Staunen, Freude, Ablehnung viel unmittelbarer aus als beim Erwachsenen. Der Schrei des Schreckens ist schon dem Tier Warnungszeichen und Hilferuf.

Mit der Gebärde allein ist aber doch nur eine Verständigung sehr allgemeiner Art mög1ich. Erst durch die immer weiter gehende Spezialisierung solcher Äusserungen, die schliesslich zu einer immer schärferen »Bedeutung« der Äusserung führen, wird jene Verständigung in allen Einzelheiten zustandegebracht, die die Voraussetzung für alles geistige Leben bildet:

Sprache und Schrift. Vom Standpunkt der Entwicklungsgeschichte aus wird man die Vorfahren der Menschheit erst von der Zeit ab, da ihnen die Sprache zur Verfügung steht, als Menschen im eigentlichen Sinne ansehen. Die Entwicklung der Sprache und damit des rationalen Denkens ist dabei - ähnlich wie die Entwicklung eines Organs - die Ausführung und Festlegung einer in früheren Entwicklungsstadien angelegten Möglichkeit. Man könnte sich vorstellen, dass die Entwicklung dieses Organs »Denken« jetzt schon im wesentlichen abgeschlossen ist; dass also auch spätere, höher differenzierte Wesen sich in der Fähigkeit zum rationalen Denken nicht grundsatzlich von den jetzt lebenden Menschen unterscheiden. Wenn man dies annimmt, dann müsste die Weiterführung der Entwicklung wieder - wie stets im organischen Leben - vom zentralen Bereich ihren Ausgang nehmen; man könnte sich denken, dass die Stellen, an denen wir mit den lebendigen, nicht festgelegten Symbolen zu tun haben, also Dichtung und Kunst, schon die Richtung der weiteren Entwicklung andeuten. Doch solche vagen Vermutungen sollten wohl besser unausgesprochen bleiben.

Sprache und Schrift schaffen eine Verbindung zwischen den Menschen von ganz anderer Art als die biologischen Zusammenhänge. wahrend wir von der besonderen Gemeinschaft mit anderen Menschen, die im Leben selbst ihre Wurzel hat, ganz plötzlich ergriffen werden, können wir die Verbindung durch die Sprache bewusst herstellen und auflösen. Diese Verbindung ordnet sich damit unserem Bewusstsein und unserem Willen unter.

Der durch die Sprache und das rationale Denken geschaffene Zugang zur übrigen Welt steht offenbar wieder in einem ausschliessenden, komplementären Verhältnis zur biologischen Verknüpfung mit dieser Umwelt. Die Zugvögel finden den Weg nach dem Süden eben, weil sie nicht über die Art, wie sie dorthin gelangen, nachdenken oder sprechen können. Wir Menschen sind nicht mit der Fähigkeit geboren, solche Wege von selbst zu finden; dafür haben wir die Möglichkeit, den Weg nach der Karte zu suchen, wenn wir es von anderen Menschen gelernt haben. Debei liegt es wohl nicht nur in der Ökonomie der Natur, dass sie nicht einem Lebewesen die beiden Fähigkeiten mitgegeben hat. Sondern die Stellung zur Umwelt, die durch das schrittweise Vordringen des rationalen Denkens geschaffen wird, erlaubt nicht, dass uns diese Umwelt gewissermassen als Ganzes von selbst gegeben wird.

Daher können dort, wo wir etwa mit anderen Menschen durch das Leben selbst verbunden sind, jene Spannungen entstehen, die man als Kampf zwischen Denken und Leidenschaft bezeichnet.

Auch liegt hier die Wurzel jener Schwierigkeiten, die in unserer Zeit so viel besprochen werden und die mit dem Wort von der »Lebensfeindlichkeit des Geistes« den Kampf der Meinungen entfesseln. Diesem Streit gegenüber sollte man sich stets bewusst bleiben, dass sich zwar vielleicht die Möglichkeiten, die durch den immer weiter verfeinerten Gebrauch spezialisierter Symbole eröffnet worden sind, erschöpfen können; dass aber die weitere Entwicklung doch nur von der Schicht der Wirklichkeit, in der es Symbole gibt, ihren Ausgang nehmen kann. Denn das Leben allein ist dumpf, und erst die Kraft, Symbole zu schaffen und zu verstehen, macht uns aus Lebewesen zu Menschen.

Das komplementäre Verhältnis zwischen biologischer Verknüpfung und rationaler Verständigung kommt auch deutlich zum Ausdruck in der Verschiedenheit der Wege, durch die wir beim Beginn des Lebens zur biologischen oder zur geistigen Schicht der Wirklichkeit gelangen. Die Triebe sind uns angeboren, sie wären uns gegeben, auch wenn wir in unserer Entwicklung niemals mit anderen Menschen in Berührung kamen. Der geistige Bereich dagegen öffnet sich uns allein durch den Umgang mit den Menschen, die diese Wirklichkeit bereits besitzen. Die in Milliarden Jahren vollzogene Entwicklung vom einzelligen Lebewesen zum Menschen wird in gewisser Weise bei der Entstehung jedes einzelnen Individuums im Zeitraum zwischen der Befruchtung der Eizelle und der Geburt wiederholt. Die geistige Entwicklung der Menschheit dagegen, die sich von den ersten Versuchen der Verständigung bis heute vollzogen hat, wird vom einzelnen Individuum durch den Umgang mit anderen Menschen in den ersten Jahren seines Lebens im »Lernen« noch einmal durchlaufen. Angeboren ist uns vielleicht die »Substanz«, die durch die Flamme des Geistes entzündet werden kann, und gewisse grundlegende Denkschemata, aber nicht der Geist. Dabei kann wohl kaum bezweifelt werden, dass uns - wenn man das Wort Substanz in dieser bildlichen Weise verwendet - eine mehr oder weniger geeignete Substanz mitgegeben sein kann. Denn es gibt ja ganz primitive oder durch angeborene Krankheit entstellte Menschen, deren Leben durch Geistiges überhaupt kaum erhellt werden kann. Aber es muss als sehr fraglich erscheinen, ob oder in welcher Weise spezifische geistige Begabung angeboren sein kann. Die Tatsache, dass das geistige Leben von Geschlecht zu Geschlecht durch die Sprache weitergegeben wird, dass es gewissermassen zwischen den Menschen aufgespannt wird und nicht im einzelnen Menschen ruht - diese Tatsache ist wohl der Grund, der Bohr veranlasst, die biologische Vererbbarkeit spezifischer geistiger Begabung, z. B. musikalischer Begabung, überhaupt zu bezweifeln. Bohr gebraucht hier den Vergleich: Es sei zwar möglich, schlechtere oder bessere Flugzeuge zu bauen, solche, die kurze oder die weite Strecken bewältigen können; aber es sei nicht möglich, Flugzeuge zu bauen, die besser von Berlin nach Stuttgart als nach München fliegen können. Gegen diese Überlegung kann jedoch, so scheint mir, eingewendet werden, dass - um beim Beispiel zu bleiben - Flugzeuge sehr verschiedener Art konstruiert werden können; solche, die weite Strecken zurücklegen oder andere, die in grosse Höhen steigen können; Transportmaschinen, die schwere Lasten tragen, und Rennflugzeuge, die höchste Geschwindigkeiten erreichen. Je nach den Gelände- und Wetterverhältnissen einer Strecke wird daher doch ein Flugzeug für eine Strecke geeigneter sein als für eine andere. Oder um die Überlegung wieder auf den eigentlichen Gegenstand zurückzulenken: Die Fähigkeit zur Aufnahme von Geistigem kann wohl kaum in einer Skala gemessen werden. Vielmehr setzt sich diese Fähigkeit wahrscheinlich aus vielen verschiedenen Komponenten zusammen, die wir zwar vielleicht ihrer Art nach noch garnicht kennen, die aber doch, wie sie auch immer geartet sein mögen, in jeden besonderen Bereich des Geistigen mit verschiedenen Gewichten eingehen. Daher scheint mir, unabhängig von aller Erfahrung, eine Vererbbarkeit der Begabung, sogar spezifischer Begabung, wahrscheinlich. Andererseits kann ja geistiges Leben nur durch den Umgang und durch die Sprache übertragen werden, und daher muss die Umwelt eines Menschen für seine geistige Entwicklung von entscheidender Bedeutung sein.

Bei der Beurteilung der Frage, wieweit die geistige und charakterliche Eigenart eines Menschen erbbiologisch bedingt sein kann, ist ferner zu beachten, dass das, was wir die »Art« eines Menschen zu nennen pflegen, wieder aus vielen Komponenten zusammengesetzt ist, unter denen wohl auch die rein triebhaften Züge, die mit dem Geistigen garnichts zu tun haben, einen erheblichen Raum einnehmen. Ausserdem ist dort, wo wir gemeinhin von »Vererbung« sprechen, in den meisten Fällen garnicht speziell an eine nur körperliche Vererbung nach den Mendel'schen Gesetzen gedacht, sondern es ist, da die Kinder in den ersten Jahren fast stets bei den Eltern aufwachsen, von vornherein eine »Vererbung« durch das Blut und durch den Umgang gemeint. (Der Umgang ist ja auch ein Teil des biologischen Vorgangs.) Vielleicht wird es für die meisten praktischen Fragen auch garnicht wichtig sein, zwei Komponenten zu trennen, die im Leben fast stets vereinigt einwirken. Sicher ist z. B. dort, wo von der Vererbbarkeit musikalischer Begabung gesprochen wird, im allgemeinen die Weitergabe dieser Begabung an die nächste Generation durch den Organismus und durch den geistig befruchtenden Umgang gemeint. Aber die Frage nach der Weitergabe geistiger Begabung (d. h. der Voraussetzung für geistige Erleuchtung) durch das biologische Erbgut kann wohl grundsätzlich gestellt und beantwortet werden.

Wie die Antwort auf diese Frage auch ausfallen mag, sicher ist die Schicht der Wirklichkeit, die durch die Symbole getragen wird, von allen niederen Schichten, insbesondere auch der biologischen, erkenntnismässig durch einen Abgrund getrennt; wenn man von einer »Wirkung« biologischer Zusammenhänge im geistigen Gebiet spricht, so ist dies nur im Sinne des notwendigen »Zusammenpassens« verschiedener Bereiche der Wirklichkeit zu verstehen. In ähnlicher Weise kann ja auch von mechanischen Wirkungen im chemischen Wechselspiel der Atome oder von chemischen Wirkungen im Organismus gesprochen werden.

Beim geistigen Bereich ist es auch - noch mehr als etwa beim biologischen Bereich - offensichtlich, dass es sich um Zusammenhänge handelt, die nicht in einfacher Weise auf Raum und Zeit bezogen oder in Raum und Zeit geordnet werden können. Die Gedanken können Raum und Zeit überspringen; wir können uns im Geiste in vergangene oder zukünftige Zeiten und in ferne Räume versetzen. eine raum-zeitliche Ordnung könnte nur im Hinblick auf den Träger des Gedankens erfolgen: etwa den Menschen, der diesen Gedanken gedacht hat, oder das Buch, in dem er aufgezeichnet steht. Aber eine solche Ordnung enthält nicht das wesentliche. Eine Ordnung der Gedanken etwa nach ihrem Inhalt oder ihrer logischen Verknupfung ist ungleich wichtiger. Auch kommt man, wenn man eine raumzeitliche Ordnung der Gedanken durch ihren Träger vornehmen will, auf die alten, von den Philosophen so oft diskutierten Fragen: An welcher Stelle des menschlichen Körpers hat die Seele ihren Sitz? Ist sie nicht überall im Körper gegenwärtig, da wir doch an allen Teilen des Körpers empfinden und handeln können usw. Man erkennt aus diesen Fragen, dass man den geistigen Vorgängen Gewalt antun muss, wenn man sie in ganz bestimmter Weise in Raum und Zeit einordnen will.

An dieser Stelle wird deutlich, dass auch der konsequente Versuch der Objektivierung einer Wirklichkeitsschicht nicht immer zu einem Begriffssystem führt, das dem Begriffssystem der klassischen Physik ohne Schwierigkeiten angegliedert werden könnte. Die Qualitäten der Materie, die in der Chemie wissenschaftlich behandelt werden, fügen sich zwar dem klassischen, nach Raum und Zeit geordneten Bild der Welt noch ohne Zwang ein; höchstens wird man durch Fragen, wie: »Welche Farbe oder welche Temperatur hat ein Elektron?« an die Grenzen dieses Begriffssystems der Qualitäten erinnert. Aber schon in der Biologie wird der Abstand der verschiedenen Begriffssysteme deutlicher. Die bekannten Fragen etwa nach den räumlichen Grenzen eines Organismus oder nach den »Kräften«, die einen Ameisenstaat zusammenhalten, zeigen, dass hier der Anschluss an eine einfache raum-zeitliche Ordnung auf Schwierigkeiten stösst - was ja auch angesichts der erkenntnistheoretischen Situation der Quantentheorie garnicht unverständlich ist.

In diesem Zusammenhang soll auch kurz die alte Frage gestreift werden, ob nicht unser »Wissen« von der inneren, geistigen Welt sicherer sei als das gelegentlich durch Sinnestäuschungen verfälschte Wissen über die »äussere«, materielle Welt. ein solcher Vorrang der Sicherheit der Aussagen über die eine oder die andere Schicht der Wirklichkeit kann, so scheint es uns heute, sicherlich nicht begründet werden. Zunächst ist etwa der Satz: »Ich denke« nicht sicherer als der Satz: »Ich schreibe«, denn in beiden Fällen könnte es sich z. B. um die Täuschung durch ein Traumbild handeln. Ein allgemeiner Satz aber, der nicht auf einer besonderen Erfahrung beruht -wie etwa die Feststellung: »Ich existiere« -, kann zwar ebenso sicher sein, wie irgendein richtiger Satz der Mathematik, aber auch nicht sicherer; d. h. die Worte »Ich« und »existieren« können so definiert, axiomatisch festgelegt werden, dass der Satz »Ich existiere« richtig wird; in ähnlicher Weise sind auch die Axiome der Arithmetik so festgelegt, dass etwa der Satz 2x2=4 folgt. Aber aus der Richtigkeit des Satzes »Ich existiere« folgt noch nichts darüber, wie weit die Begriffe »Ich« und »existieren« gebraucht werden können, damit wir uns in der Wirklichkeit zurechtfinden. Ebensowenig ist bekannt, inwieweit der Zahlbegriff zur Ordnung von Erfahrung angewendet werden kann. Auch das Grundgesetz der Newton'schen Mechanik: »Kraft = Masse x Beschleunigung« gilt mit dem gleichen Grad der Sicherheit, wie der Satz: »Ich existiere«. Denn in beiden Fällen beruht diese Sicherheit erstens auf der durch Erfahrung gewonnenen Überzeugung, dass wir einen Zug der Wirklichkeit mit einem solchen Satz ergreifen, zweitens auf dem Wissen, dass dieser Satz als Glied in einem in sich widerspruchsfreien System von Axiomen vorkommt, das als Ganzes gewisse Züge der Wirklichkeit abbildet. Und mehr lässt sich wohl bei dem Versuch, über die Wirklichkeit zu sprechen, überhaupt nicht erreichen.

Obwohl also eingesehen werden kann, dass in den beiden Sätzen »Cogito, ergo sum« und »Kraft = Masse x Beschleunigung« kein Unterschied hinsichtlich des Grades der Sicherheit besteht, so ist doch zu betonen, dass die Sätze in der Erkenntnistheorie an völlig verschiedenen Stellen stehen. Der Satz: »Cogito, ergo sum« ist die Grundlage des reflektierenden Nachdenkens, er ist die a priori gegebene Voraussetzung dafür, dass überhaupt Reflexion möglich ist. Der Satz »Kraft = Masse x Beschleunigung« dagegen ist nur eines der Grundaxiome der klassischen Physik.

Auch die seit Kant immer wieder diskutierte Frage nach der a priori'schen Gültigkeit der Anschauungsformen Raum und Zeit kann hier besprochen werden. Diese Anschauungsformen haben sich so, wie sie uns gegeben sind - mit der Gültigkeit der euklidischen Geometrie, der Unabhängigkeit von Raum und Zeit usw. -, im Umgang der Menschen mit der Welt bewährt und verdanken ihre Gültigkeit eben dieser Bewährung. Freilich sind sie jetzt mehr als nur empirische Gegebenheiten, weil sie umgekehrt, wie Kant mit Recht betont, erst die Voraussetzung für mögliche Erfahrungen schaffen. Aber auch dieser Umstand - dass wir Erfahrungen garnicht anders als in diesen Anschauungsformen machen können - berechtigt nicht zu der Annahme, dass die Anschauungsformen für alle Zeiten unveränderhch bleiben. Vielmehr zeigt schon die Existenz der Relativitätstheorie, dass wir auch hier umlernen können und müssen, und man kann sich vorstellen, dass spätere Zeiten von vornherein ihre Erfahrungen anders machen und ordnen als wir. Der Biologe Lorenz hat die Ansicht vertreten, dass die Anschauungsformen als »angeborene Schemata« zu betrachten und den Instinkthandlungen der Tiere zu vergleichen seien. Diese Auffassung erklärt einerseits, warum diese Anschauungsformen für uns die notwendige Voraussetzung für alle Erfahrung bilden - wir können uns zwar vorstellen, dass es keine Dinge im Raume gebe, aber nicht vorstellen, dass Raum und Zeit nicht seien oder anders seien -, andererseits wird die »Bewahrung« dieser Anschauungsformen an der Wirklichkeit eine Bedingung unserer Existenz: Nur die Wesen können im Kampf ums Dasein bestehen, deren Anschauungsformen gut zu ihrer Umwelt passen. Daher kann der Kampf ums Dasein im Lauf der Jahrtausende mit der Veränderung der Umwelt auch bei den Menschen Veränderungen in den Anschauungsformen hervorbringen, die wir einstweilen zwar rational durchdenken, aber nicht unmittelbar vollziehen können. Die Annahme, dass die a priori gegebenen Anschauungsformen und Kategorien im biologischen Sinne angeborene Schemata seien, hält also gerade die richtige Mitte zwischen den extremen Auffassungen, die sie als unabhängig von aller Erfahrung für unbedingt gultig oder im Gegenteil als reines Erfahrungsgut erklären wollen. Bei der Anpassung dieser Anschauungsformen an die Umwelt handelt es sich danach um ein Lernen zwar nicht des einzelnen Menschen, aber der Menschheit im Ganzen. Das Lernen der Menschheit vollzieht sich nicht in der Weise, dass etwa eine grosse Menge von Menschen zu gegebener Zeit Einsicht in neue Zusammenhänge bekäme; sondern die Menschen, denen diese Einsicht verschlossen bleibt, sterben aus, und die anderen, die für die neue Erkenntnis »begabt« sind oder denen sie von vornherein mitgegeben ist, kommen besser voran.

Wenn man an dieser Stelle nochmal die Frage nach dem Verhältnis der Wirklichkeitsschicht der Symbole zu der des organischen Lebens stellt, so erkennt man, dass die Abgrenzung jedenfalls nicht so einfach vorgenommen werden kann, wie Bohr das versucht hat. Der Umstand, dass das geistige Leben von Generation zu Generation in der Sprache weitergegeben wird, dass es also gleichsam zwischen den Menschen ausgespannt ist und nicht im einzelnen Menschen ruht, genügt noch nicht, um die Behauptung zu rechtfertigen, dass Geistiges nicht vererbt werden könne. Vielmehr muss hier die Frage umgekehrt so gestellt werden: »Welches sind die Grundelemente oder Grundvoraussetzungen des Geistigen, die vererbt werden können?« Dass es solche vererbbare Grundelemente gibt, wird man im Hinblick auf die mannigfachen und komplizierten »angeborenen Schemata« in der Tierwelt von vornherein für wahrscheinlich halten; und es ist sicher ein erster Schritt auf dem richtigen Wege, wenn man die Anschauungsformen und Kategorien, die erst die Voraussetzung für alle Erfahrung bilden, zu diesen vererbbaren Grundelementen rechnet. Man wird z. B. bestimmt annehmen dürfen, dass ein Mensch, der etwa von der Geburt an ohne Sprache und ohne alle spezialisierten Symbole aufwüchse, trotzdem die Welt in Raum und Zeit erführe, dass auch Raum und Zeit für ihn unabhängige Ordnungsschemata aller äusseren Erfahrung bilden würden. Damit ist freilich die Bohr'sche Frage nach der Vererbbarkeit der geistigen Begabung noch keineswegs beantwortet, aber sie wird aus einer prinzipiellen zu einer Detailfrage. Bei ihrer Beantwortung handelt es sich darum, nachzusehen, wie im Einzelnen der biologische Bereich und das Gebiet der geistigen Vorgänge ineinandergefügt sind, so dass keine Widersprüche auftreten. Dieses Aufeinanderpassen der verschiedenen Wirklichkeitsschichten ist bisher nur bei den untersten Bereichen: Physik und Chemie vollständig verstanden worden, aber es besteht kein Grund dagegen, anzunehmen, dass es auch einmal bei den höheren Bereichen klar durchschaut werden kann.

Wenn man in der eben geschilderten Weise die a priori gegebenen Begriffe von der biologischen Entwicklungsgeschichte abhängig macht, so liegt das Missverständnis nahe, als sei der objektive Ablauf der Welt, hier insbesondere der Evolutionsvorgang, der eigentlich primäre Vorgang, der die besondere Art der Spiegelung der Welt im Geistigen erst zur Folge habe; als müsse daher gerade aus der beschriebenen Abhängigkeit auf die »Existenz einer objektiven, realen Aussenwelt« geschlossen werden. Aber das ist hier jedenfalls nicht gemeint; denn die heutige Naturwissenschaft ist durch ihre erkenntnistheoretischen Erfahrungen gezwungen worden, sofort die Frage zu stellen, was die Behauptung von der »Existenz der objektiven, realen Aussenwelt« bedeuten könne. Wahrscheinlich kann sie nicht mehr bedeuten, als die vorsichtigere Aussage: ein grosser Ausschnitt aus der Welt unserer Erfahrungen lässt sich mit Erfoig objektivieren. Diese vorsichtigere Formulierung verleitet nicht mehr zu der Überbetonung der »objektiven« Welt. -Mit der geschilderten Abhängigkeit der a priori-Begriffe von der Evolution sollte hier nur hervorgehoben werden, dass es möglich sein muss, das Problem der a priori-Begriffe auch in der Schicht der biologischen Zusammenhänge zu diskutieren, und dass man den a priori gegebenen Begriffen auch in dieser Schicht einen Platz muss anweisen können. Wie die so gegebene Ordnung sich der Ordnung in anderen Wirklichkeitsschichten anpasst, ist dann eine weitere Frage, die hier nicht weiter verfolgt werden soll.

 

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b) Die Kunst

 

Kehrt man von den spezialisierten Symbolen wieder zu ihrer ursprünglichen, lebendig-wandelbaren Form zurück, und stellt man die Frage, wie etwa sonst noch - ausser durch die Spezialisierung der »Bedeutung« - geistige Inhalte in Symbolen weitergegeben werden können, so stösst man als Nächstes auf die Möghchkeit, durch die Ordnung von Symbolen solche Inhalte zu erfassen. Hier handelt es sich um jenen Grundvorgang, auf dem alle Kunst beruht, und der schon bei den Pythagoräern so viel Bewunderung erregt hat: ein fast beliebiges Material von Sinneseindrücken kann dann, wenn es nur überhaupt geeignet ist, seelische Vorgänge auszulösen, zum Träger geistiger oder spezieller: künstlenscher Inhalte werden, wenn es geordnet, etwa nach festen, mathematisch fassbaren Strukturen gestaltet, auf uns einwirkt.

Jener Grundvorgang wird in der primitivsten Weise im Kaleidoskop dazu ausgenützt, um aus einer zufälligen Anordnung bunter Steine ein hübsches Muster zu entwerfen: Durch zwei schräg gegeneinander gestellte Spiegel wird dafür gesorgt, dass eine solche zufällige Anordnung mehrfach gespiegelt etwa als reguläres Sechseck einen Kreis erfüllt; und in den meisten Fällen genügt schon diese einfachste Sechsecksymmetrie, um ein Muster zu erzeugen, das den Eindruck eines kleinen Kunstwerks erwecken kann. Wenn nun schon eine einzige, so einfache mathematische Symmetrie genügt, um ein buntes Durcheinander mit Sinn zu erfüllen, um wieviel mehr müssen die vielfachen Strukturen und Symmetrien, die ein Künstler seinem Material aufprägen kann, ihm die Möglichkeit geben, geistige Inhalte auszudrücken. Debei werden diese Strukturen dem Aufnehmenden nur in den seltensten Fällen bewusst, und wahrscheinlich ist das Bewusstwerden der Symmetrien dem Aufnehmen des in ihnen bewahrten geistigen Inhalts in vielen Fällen eher hinderlich als förderlich.

Hierfür sind seit den Pythagoräern die Harmonien in der Musik das berühmteste Beispiel. Gleichgespannte schwingende Saiten geben dann einen harmonischen Zusammenklang, wenn ihre Längen in einfachen rationalen Verhältnissen stehen. Wir sind also offenbar unbewusst fähig, Mass und Zahl in den Tönen zu empfinden, und die rationalen Verhältnisse der Schwingungszahlen können eine Grundstruktur abgeben, die mit anderen Strukturen zusammen aus Tönen Musik entstehen lässt. Ganz allgemein ist die Musik das eindringlichste Beispiel dafür, dass Symbole, die einzeln nichts bedeuten, durch ihre Ordnung zum Träger geistigen Inhalts werden können. In allen anderen Künsten klingt fast stets eine spezielle Bedeutung des einzelnen Symbols mit an: in der Dichtung der gewöhnliche Sinn der Worte, in der Malerei der gemeinte Gegenstand. In der Musik jedoch kann von einer speziellen Bedeutung einzelner Töne kaum die Rede sein, und ausser den eigentlichen Strukturen können höchstens allgemeine Empfindungswerte wie: laut -leise; ruhig - unruhig (bewegt) usw. eine Rolle spielen.

Die Musik wird durch Strukturen sehr verschiedener Art erzeugt. Ausser den rationalen Verhältnissen von Schwingungszahlen seien aufgezählt: das Zeitmass in der Aufeinanderfolge der Töne (Takt, Rhythmus, Phrasierung, d. h. rationale Verhältnisse der Ton- bzw. Tongruppenlängen); Symmetrien in der Melodieführung (Wiederholung, Spiegelung, Verkürzung, Verdopplung usw.); Symmetrien in der Aufeinanderfolge von Harmonien (»Kadenz«); Wiederholung, Spiegelung usw. beim Zusammenfügen verschiedener Stimmen (Polyphonie); Satzbau (Wiederholung und Gruppierung der Themata im einzelnen »Satz«, gegenseitige Beziehungen verschiedener Sätze) usw. Erst diese Fülle verschiedenartiger Strukturen erzeugt den Reichtum der Musik, der sie etwa über das Figurenspiel eines Kaleidoskops erhebt und der es verständhch macht, dass auf einem Notenblatt das Glück, das einer bestimmten Zeit erwachsen ist, für Jahrhunderte an spätere Generationen weitergegeben werden kann.

Die Tatsache, dass geistige Inhalte in der Ordnung von Symbolen von Mensch zu Mensch übertragen werden können, gehört zu der Schicht der Wirklichkeit, die mit den Begriffen Geist oder Symbol abgegrenzt werden kann, und ist keiner »Erklärung« durch Zusammenhänge in niederen Wirklichkeitsschichten fähig. Trotzdem kann diese Tatsache wieder nicht als völlig unabhängig von solchen Zusammenhängen betrachtet werden, und schon aus dem, was früher über das »Zusammenpassen« der verschiedenen Wirklichkeitsbereiche gesagt worden ist, folgt, dass die Ordnung von Symbolen nur dort geistige Inhalte tragen kann, wo sie unseren Sinnen unmittelbar, d. h. ohne den Umweg über das rationale Denken zugänglich ist. Das rationale Verhältnis der Schwingungszahlen zweier Töne kann als Harmonie empfunden werden, weil diesem Verhältnis ein besonderer, charakteristischer Schwingungszustand der Gehörorgane entspricht, der sich von dem Schwingungszustand bei etwas abweichenden, nicht-rationalen Verhältnissen erheblich unterscheidet. Dagegen kann z. B. das Zusammenwirken zweier Farben, deren optische Schwingungszahlen in rationalem Verhältnis stehen, nicht den Eindruck irgendeiner Harmonie erwecken, da sich der Zustand unseres Auges und der Sehnerven bei dem gleichzeitigen Aufnehmen von Farben rationaler oder benachbarter nichtrationaler Schwingungsverhältnisse nicht wesentlich unterscheidet.

Wenn also in der Zusammenstellung von Farben geistiger Inhalt weitergegeben werden soll, so ist dies nur möglich, sofern auch in unseren optischen Organen diese Zusammenstellungen charakteristische Wirkungen auslösen. Daher muss eine Harmonielehre der Farben von ganz anderen Gesichtspunkten ausgehen als die der Musik: vom Begriff der Kompleinentärfarbe, vom Farbkreis (als einer nach den Begriffen »benachbart« und »komplementär« durchgeführten Ordnung der Farben) und von den an ihn anschliessenden Symmetrieüberlegungen. Die Goethe'sche Farbenlehre enthält eine solche Harmonielehre. Die Strukturen, die einer Farbzusammenstellung künstlerischen Inhalt geben können, sind dabei in mancher Hinsicht komplizierter, als die Strukturen der Musik. Hier handelt es sich zunächst um das »Verhältnis« von Farben (als Grenzfälle: sie können »komplementär« oder »benachbart« sein, doch sind mit diesen beiden Begriffen die möglichen Verhältnisse keineswegs erschöpft), dann um ihre Beziehung zu den Wertpaaren Hell - Dunkel bzw. Weiss - Schwarz, schliesslich aber auch stets um ihre räumliche Verteilung, die an sich wegen der drei Dimensionen des Raumes, etwas Komplizierteres sein muss als die eindimensionale Folge von Tönen in der Zeit. Die räumliche Verteilung entspricht dem Rhythmus in der Musik; aber sie kann etwa in einem Bild kaum ohne Rücksicht auf den Inhalt des Bildes festgelegt werden, und damit ergibt sich hier bereits eine Verknüpfung mit dem Bereich der spezialisierten Symbole, die etwas Bestimmtes »bedeuten«.

Noch viel enger wird diese Verbindung schliesslich in der Dichtung, in der sich erst hinter dem einfachen Wort-Sinn ein weiterer geistiger Inhalt durch Strukturen der Sprache darstellt. Dabei kann die äussere Ordnung, wie Versbau, Rhythmus, Reim, Disposition, und eine innere Ordnung, die sich an associative Verwandtschaften von Wortsinn oder von Bildern knüpft, den Inhalt tragen. Jedenfalls ist Dichtung ohne den direkten Wortsinn kaum denkbar, während noch in der bildenden Kunst - wenigstens in einigen Zweigen: der Ornamentik, der Architektur - von einem bestimmten Sinn des einzelnen Symbols kaum gesprochen werden kann.

Man kann nun die, Frage aufwerfen, wie sich denn der geistige Inhalt, der in den geordneten Symbolen der Kunst weitergegeben wird, zu dem anderen verhalte, der in den gewöhnlichen Verständigungs-mitteln, Schrift und Sprache ausgedrückt werden kann.

Dieses Verhältnis wird gewöhnlich beschrieben, indem man sagt: Es sei die Aufgabe der Kunst, die menschliche Seele zu bewegen, Gefühle wachzurufen und Stimmungen zu erzeugen, während die Sprache (insbesondere die wissenschaftliche Sprache) Erkenntnis vermitteln solle. Nach dieser Auffassung hatten also Kunst und Wissenschaft völlig verschiedene Aufgaben, und der geistige Inhalt, der in der künstlerischen Ordnung von Symbolen weitergegeben werden kann, unterschiede sich grundsätzlich von den Inhalten, die in den spezialisierten Symbolen: Sprache und Schrift ausgedrückt werden. Wenn nun auch diese Ansicht eine bestimmte Seite jenes Verhältnisses richtig darstellt, so muss doch betont werden, dass die hervorgehobenen Unterschiede geringer sind, als es zunächst den Anschein hat; dass insbesondere wohl ein kontinuierlicher Übergang von den geistigen Inhalten der einen Art zu denen der anderen Art existiert. Man kann im Gegenteil sehr wohl vom Erkenntniswert eines Kunstwerks sprechen und ihn vergleichen mit dem Erkenntniswert, der in der gewöhnlichen oder der wissenschaftlichen Sprache niedergelegt werden kann.

Die allzustarke Betonung der Verschiedenheit der wissenschaftlichen und der künstlerischen Erkenntnis entstammt wohl der unrichtigen Vorstellung, als hafteten die Begriffe fest an den »wirklichen Dingen«, als hätten die Wörter in ihrer Beziehung zur Wirklichkeit einen völlig klaren, bestimmten Sinn und als könne ein aus ihnen gebildeter richtiger Satz uns einen gemeinten »objektiven« Sachverhalt gewissermassen vollständig ausliefern. Aber wir wissen ja, dass auch die Sprache die Wirklichkeit nur ergreift und gestaltet, indem sie sie idealisiert. Auch die Sprache wendet sich mit bestimmten geistigen Formen an die Wirklichkeit, von denen zunächst nicht bekannt ist, welchen Teil der Wirklichkeit sie aufnehmen und gestalten können. Die Frage nach »richtig« oder »falsch« kann in aller Strenge zwar innerhalb einer Idealisierung, aber nicht in der Beziehung zur Wirklichkeit gestellt und entschieden werden. Daher bleibt als letzter Massstab auch für die wissenschaftliche Erkenntnis nur das Mass der Erhellung der Wirklichkeit, das durch diese Erkenntnis erreicht werden kann, oder: das bessere »Sichzurechtfinden«, das durch die Erhellung möglich wird - und wer könnte bestreiten, dass auch der geistige Inhalt eines Kunstwerks die Wirklichkeit für uns erhellt und durchleuchtet? Man hat sich hier damit abzufinden, dass erst durch den Erkenntnisprozess selbst entschieden wird, was unter »Erkenntnis« verstanden werden soll.

Daher steht auch jede echte Philosophie auf der Schwelle zwischen Wissenschaft und Dichtung. Die grossen Philosophen sind sich des »schwebenden« Charakters aller Erkenntnis stets bewusst gewesen. Sie haben verstanden oder gefühlt, dass jede sprachliche Formulierung die Wirklichkeit nicht nur ergreift, sondern auch gestaltet und idealisiert, und dass eben in dem Mass, in dem die Begriffe sich verschärfen, die Idealisierung sich wieder von der Wirklichkeit löst; daher auch werden die letzten, tiefsten Erkenntnisse schliesslich im Gleichnis ausgesprochen.

Erkenntnis ist letzten Endes wohl nichts anderes als Ordnung - nicht von etwas, das als Gegenstand unseres Bewusstseins oder unserer Wahrnehmung schon vorhanden wäre, sondern von etwas, das erst durch diese Ordnung zum eigentlichen Bewusstseinsinhalt oder zum wahrgenommenen Vorgang wird. Die innere Erleuchtung, die wir bei einer neuen Erkenntnis empfinden, ist der unbewusste oder bewusste Vollzug dieser Ordnung.

 

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c) Die Wissenschaft

 

Die Wissenschaft kann als besondere Erweiterung des Bereichs der Wirklichkeit aufgefasst werden, der mit den Verständigungsmitteln Sprache und Schrift ergriffen werden kann. Diese Erweiterung zielt darauf ab, die Verständigungsmittel in einer subtileren Weise als gewöhnlich zu verwenden, mit ihnen eine Fülle feinerer Einzelheiten in irgendeinem Bereich der Wirkiichkeit darzustellen, die sonst der Beobachtung entgangen wären, und schliesslich in dieser Weise zu neuen Ordnungen der Wirklichkeit vorzudringen. Da dieses Streben nach harmonischen Ordnungen stets die treibende Kraft des wissenschaftlichen Denkens bildet, so bleibt auch die Wissenschaft stets der Kunst eng verwandt. Selbst dort, wo es sich zunächst nur um die Anwendung wissenschaftlicher Methoden auf praktische, durch den äusseren Nutzen vorgeschriebene Ziele handelt, wird der Erfoig häufig dem künstienschen Menschen zuteil, dem sich auch in den unwichtigen Einzeiheiten geheime (d. h. nicht trivial zugängliche) Ordnungen erschliessen - während der allzu aktive Mensch häufig der Gefahr erliegt, den Schmetterling der Erkenntnis mit so rauher Hand zu greifen, dass das bunte Muster auf seinen Flügeln zerstört ist, bevor er es sehen und in sich aufnehmen konnte.

Es ist in den früheren Abschnitten gesagt worden, dass man die Wirklichkeit in zweierlei Weise in der Sprache darstellen könne; diese beiden Arten wurden als »statisch« und »dynamisch« voneinander geschieden. Die Verständigungsmittel, die ja an sich schon durch Spezialisierung, durch die Festlegung von Symbolen (oder von Beziehungen zwischen Symbolen) entstehen, können weiter präzisiert, in genaue und eindeutige Zusammenhänge gebracht werden, so dass man in dieser Weise schliesslich zu einer immer genaueren Darsteilung des gemeinten Wirklichkeitsbereichs kommt. Dadurch entsteht das, was eine »statische« Darstellung der Wirkiichkeit genannt wurde. Oder aber die Verständigungsmittel behalten den Grad von Variabilität und Vieldeutigkeit, der für die Verständigung im taglichen Leben genügt. Die mannigfachen Zusammenhänge, die sich unter den Symbolen der Sprache bei ihrer Entstehung oder durch den Gebrauch von selbst gebildet haben, werden dazu benützt, dem gemeinten Gegenstand immer neue Seiten abzugewinnen, ihn durch immer neue Formulierungen neu zu gestalten, und in diesem Wechseispiel des Formulierens, des Aufsuchens neuer Beziehungen oder Deutungen bildet sich ein geistiger Inhait, der als Bild des gemeinten Wirklichkeitsbereichs gelten kann.

Die verschiedenen Wissenschaften bedienen sich in verschiedenem Grad der statischen oder der dynamischen Darstellungsweise, und dementsprechend kommen auch künstlerische Elemente in den Wissenschaften an sehr verschiedenen Stellen zur Wirkung.

Die Geisteswissenschaften können, da ihr Gegenstand viel zu verwickeit ist, um eine vöiiig präzisierte, durch eindeutige Zusammenhänge gebundene Sprache zuzulassen, den zu beschreibenden Bereich der Wirklichkeit fast nur in der »dynamischen« Form abbilden und ordnen. In der Geisteswissenschaft ist daher - ähnlich wie in der Dichtung - der sachliche Inhalt eines Werkes in vielen Fällen kaum von der sprachlichen Form der Darstellung zu trennen, die grosse geisteswissenschaftliche Leistung setzt die vollendete künstlerische Form der Darstellung voraus. In der Mathemathik umgekehrt spielt die sprachliche Form der Darsteilung gar keine Rolle, der gemeinte Bereich der Wirklichkeit kann hier »statisch« durch eine Formelsprache abgebildet werden, die exakt und widerspruchsfrei sein muss, die aber keinerlei Bezüge auf andere Teile der Wirklichkeit braucht. Die enge Beziehung der Mathematik zur Kunst ist durch die unmittelbare Schönheit der Strukturen gegeben, die durch einen mathematischen Satz ausgesprochen werden. Von der Kunst der Darstellung kann man hier nur insofern reden, als eine bestimmte Formelsprache vielleicht die gemeinten Strukturen besonders einfach und durchsichtig in Erscheinung treten lässt.

Mathematik und Geisteswissenschaften haben debei die Grundeigenschaft gemeinsam, dass ihr Gegenstand ganz dem Bereich der Wirklichkeit angehört, der erst durch die Existenz der Symbole geschaffen wird. Dabei nimmt die Geisteswissenschaft im allgemeinen die Symbole hin, so wie sie sich unabhängig von der Wissenschaft zwischen den Menschen gebildet haben: als Sprache, als Denkformen, als religiöse Gebräuche, und sie bewahrt in ihnen die Beziehung zu allen Teilen des menschlichen Daseins. Die Mathematik dagegen verzichtet von vornherein auf diese Beziehung, fordert aber dafür, dass ihre Symbole scharfe, eindeutig bestimmte Verknüpfungen untereinander zulassen. Den mathematischen Symbolen entspringt der eigentliche Inhalt erst aus den Verknüpfungen, und dieser Umstand bedingt die oft besprochene enge Verwandtschaft zwischen Mathematik und Musik. Der zu ordnende Inhalt entsteht in der Mathematik erst durch die Tätigkeit des Ordnens, während er für die Geisteswissenschaften als die Fülle der zwischen den Menschen gebildeten Symbole von vornherein gegeben ist.

Die anderen Wissenschaften, für die bestimmte Seiten der sinnlich erfahrbaren und objektivierbaren Wirklichkeit den Gegenstand bilden, haben mit den Geisteswissenschaften die unübersehbare Mannigfaltigkeit des von vornherein halb geordneten, halb ungeordneten Materials gemein, aus dem die neuen geistigen Strukturen gebildet werden sollen. Dieses Material kann zu den niederen Bereichen der Wirklichkeit gehören, von denen in den früheren Abschnitten die Rede war. Es kann geordnet werden durch die idealisierende Bildung präziser Begriffe, die wie in der Mathematik eindeutige Verknüpfungen zulassen, oder es kann durch vergleichende Deutung von verschiedenen Seiten beleuchtet werden und uns damit neue, vorher unsichtbare Strukturen erkennbar machen. In jedem Fall bemisst sich der Wert einer wissenschaftlichen Leistung nicht nach dem Gegenstand, d. h. nicht nach der menschlichen Bedeutung des zu ordnenden Materials, erst recht nicht nach irgendeinem »praktischen Nutzen«, sondern nur nach der Schönheit und nach der fruchtbaren Kraft der ausgesprochenen Strukturen. Immer wieder setzt uns ja in der Wissenschaft das Phänomen in Verwunderung, dass an eine Struktur sich wie von selbst neue Strukturen angliedern und dass dieses Netz von Strukturen schliesslich ein grosses Gebiet überdeckt, auf das sich die erste Struktur garnicht bezogen hatte. Diese formbildende Kraft einer ausgesprochenen Struktur macht das eigentliche Wesen einer wissenschaftlichen Erkenntnis aus, und an dieser Stelle tritt die enge Verwandtschaft von Wissenschaft und Kunst wieder aufs deutlichste in Erscheinung.

Hier erhält man auch die Antwort auf die oft aufgeworfene Frage, warum es nicht möghch sei, grosse künstlerische Leistungen im Stil einer früheren Epoche hervorzubringen, oder bedeutende wissenschaftliche Erkenntnisse jetzt noch etwa im Gebiet der klassischen Physik oder der Hegel'schen Geschichtsbetrachtung zu gewinnen. Die Gebiete, die durch solche Gedanken geordnet werden könnten, haben eben ihre Ordnung schon in der früheren Epoche der Wissenschaft empfangen, die formbildende Kraft jener früheren Gedanken hat längst all das Material ergriffen, das zu einer solchen Ordnung fähig war. Die grosse wissenschaftliche Leistung ist erst wieder möglich, wenn durch den Wandel der Zeiten neues Material dem menschlichen Denken zugewachsen ist; wenn der Schmelzofen geschichtlicher Prozesse neues Material geläutert freigibt, das nun des Kristallkeimes harrt, der seine zukünftige Form für immer festlegen wird. Dass entscheidende wissenschaftliche Gedanken oft fast gleichzeitig und unabhängig von verschiedenen Menschen ausgesprochen werden, ist nicht weniger natüriich, als dass sich in der erstarrenden Schmelze oft an verschiedenen Stellen unabhängige Kristallkeime bilden, die dann von verschiedenen Seiten her fast gleichzeitig den Kristall entstehen lassen.

 

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d) Die Symbole der menschlichen Gemeinschaften

Schon früher ist davon die Rede gewesen, dass die Fähigkeit der Menschen zur Verständigung in einem ausschliessenden Verhältnis steht zu jenem unmittelbaren instinktmässigen Handeln, das uns bei den Tieren so oft in Verwunderung versetzt. Nun nimmt aber auch der Mensch andererseits stets an biologischen Zusammenhängen teil, die den Ablauf seines Lebens gewissermassen von aussen her entscheidend bestimmen, und denen er sich, obwohl er doch scheinbar frei handelt, in Wirklichkeit nicht entziehen kann. In dieser Situation muss, da ja die verschiedenen Schichten der Wirkiichkeit »zusammenpassen« müssen, das biologische Geschehen auch in der Wirkiichkeitsschicht der Symbole seinen Sinn erhalten, und der vollzieht sich häufig durch eine besondere Gruppe von Symbolen, von denen jetzt die Rede sein soll.

Hier handeit es sich in erster Linie um biologische Vorgänge an einer Gesamtheit von vielen Menschen; etwa um die Bildung menschlicher Gemeinschaften, um das sogenannte politische Geschehen und ganz allgemein um die Handlungen, die wir gemeinhin als die Folge menschlicher Triebe und Leidenschaften bezeichnen. Wenn im Herbst eines jeden Jahres die Zeit gekommen ist, so sammeln sich wie auf ein unhörbares Kommando die Zugvögel zu riesigen Schwärmen, um den Weg nach dem Süden gemeinsam anzutreten. In ähnlicher Weise kann es geschehen, dass über grosse Landstrecken hin die Menschen plötzlich in Unruhe geraten und sich zusammenrotten, dass sie wie von einer unsichtbaren Macht getrieben gemeinsam in einen Rausch der Begeisterung geraten oder ein Werk sinnlosester Zerstörung beginnen. Diese Vorgänge finden ihren Ausdruck in der Wirklichkeitsschicht der Symbole, indem bestimmte Wörter oder Begriffe, gelegentlich auch nur irgendwelche äusseren Erkennungszeichen zum »Symbol der Bewegung« werden. So sind in Frankreich die Wörter »Freiheit und Gleichheit«, in Russland die rote Fahne, in der Zeit der Kreuzzüge das Kreuz die Zeichen der Bewegung gewesen. An solchen Zeichen bilden sich die menschlichen Gemeinschaften, und scheinbar entscheidet erst die Kraft der Symbole darüber, nach welchen Gesichtspunkten die Menschen sich als »Wir« und »die Anderen« vereinigen und trennen und oft bis zur Vernichtung bekriegen. Debei kann etwa der sachliche Unterschied zweier feindlicher Thesen so gering sein, dass in der logischen Sphäre garnicht verständlich wird, worüber hier Krieg geführt wird - ein deutliches Zeichen dafür, dass diese Thesen nur äussere Zeichen sind, die ein Geschehen anderer Art in der Wirklichkeitsschicht der Symbole abbilden.

Der Zusammenschluss grosser menschlicher Gemeinschaften vollzieht sich stets unter einem solchen »Zeichen«. So wurde der Kulturkreis des Abendlandes seit dem Ausgang der Antike durch das Kreuz zusammengehalten, und das Deutsche Reich im Mittelalter war unter der Kaiserkrone, vereinigt. ein Symbol, das für lange Zeiten eine grosse Gemeinschaft repräsentiert, wird häufig auch zum Symbol einer bestimmten Rechtsordnung, als der mündlich überlieferten oder schriftlich niedergelegten Form, in der das Leben der Gemeinschaft sich vollziehen soll.

Die Rechtsordnung selbst kann als ein besonderer Teilbereich aus der Wirklichkeitsschicht der Symbole betrachtet werden. Tatsächlich enthält ja die Rechtsordnung in ihren Grundbestandteilen alle charakteristischen Elemente dieser Wirklichkeitsschicht. Erstens setzt jede Rechtsordnung die Existenz gewisser spezialisierter Symbole voraus, der Rechtsbegriffe, die erst die Formulierung des Rechts ermöglichen; dann aber, und das ist das Entscheidende, ist sie eben eine »Ordnung«, d. h. sie verkörpert das Grundelement dieser Wirklichkeitsschicht schlechthin, die Wiederholung gleichartiger oder irgendwie entsprechender Dinge. Der Gedanke, dass unter gleichen Voraussetzungen auch das Gleiche geschehen solle, dass es möglich sein solle, vorauszusehen, wie die Menschen in bestimmten Situationen handeln oder wie die Allgemeinheit die Handlungen eines Einzelnen beurteilen oder bestrafen wird, dieser Gedanke hat eine so ungeheure Üerzeugungskraft, dass er sich nicht nur in jeder menschlichen Gemeinschaft von selbst durchsetzt, sondern er kann auch selbst die Grundlage grosser Gemeinschaften bilden. Wenn man sich in der Geschichte umsieht, welche Kräfte grosse menschliche Gemeinschaften zusammenhalten, so tritt neben das primitive Gefuhl der gleichen Rasse, das schon im Tierreich geläufig ist, zunächst die gemeinsame Sprache. Aber es gibt neben diesen Kräften noch zwei andere, die stärker sind und die selbst Völker verschiedener Rasse und Sprache zusammenschweissen können: der gemeinsame Glaube und, als das stärkste, das gemeinsame Recht. Bei der Entstehung und Ausbreitung etwa des Römischen Reiches hat die militärische Kraft der Römer nicht die Hauptrolle gespielt; sondern die Römer brachten den Völkern, die sie unterwarfen, das Recht, und die Bindung durch das Recht ist offenbar stärker als alle anderen Bindungen. Auch die Ausbreitung des Reiches der Angelsachsen in der heutigen Welt beruht - trotz allem Unrecht, das mit dieser Ausbreitung wie mit allem politischen Geschehen im Einzeinen verbunden war - auf der Einsetzung eines bestimmten Rechtes, und auf der im Grund des englischen Denkens und der englischen Sprache verankerten Fähigkeit, menschliche Verhältnisse von allen Seiten, also gerecht, anzusehen und nüchtern-sachlich zu beurteilen.

Die fast unüberwindliche gemeinschaftsbildende Kraft des Rechtes ist auch der Grund für den tiefen Hass, den alle revolutionären Bewegungen dem bestehenden Recht entgegenbringen. Denn so, wie aller Hass aus der Ohnmacht entspringt, ist auch hier der Hass verbunden mit dem Bewusstsein, dass das bestehende Recht der eigentliche Kern der feindlichen alten Gemeinschaft ist, die gesprengt werden soll, und mit dem uneingestandenen Gefühl, dass sich dieses Recht, allen revolutionären Kräften zum Trotz, am Schluss eben doch in irgendeiner Form wieder durchsetzen werde.

Der biologische Prozess, der sich in unserer Zeit an den Völkern der Erde vollzieht und dessen unheimliche Kraft nun schon im Zweiten Weitkrieg grauenvoll in Erscheinung tritt, zielt sicher auf die Bildung grösserer menschlicher Gemeinschaften ab, die weiter reichen als die durch die gemeinsamen Sprachen oder Rassen bedingten nationalen Einheiten. Debei sammeln sich die grösseren Gemeinschaften, die um ihre Existenz kämpfen, um sehr verschiedene Zeichen; in Deutschland und Russland soll die angestrebte höhere Einheit durch ein neues Bekenntnis verbunden werden, wobei sich aber doch, ähnlich wie in China und Japan, die Ideologie eng an die alte Ideologie der Nationalstaaten anlehnt; für die von den Angelsachsen geführte Gemeinschaft bleibt das Band eben das gemeinsame Recht und der aus ihm erblühende gemeinsame Wohlstand. Den Ausgang des Kampfes wissen wir nicht, und das Ergebnis des Krieges wird wohl erst ein oder zwei Jahrzehnte nach seinem Ende zu erkennen sein, wenn sich herausstellt, welche neugebildeten Gemeinschaften als feste Einheiten in die zukünftige Geschichte eingehen und welche endgültig vergessen sind. Sicher wird sich dann auch in den neugebildeten Einheiten von selbst eine Rechtsordnung entwickeln, die erst als das äussere Zeichen dafür angesehen werden kann, dass hier eine dauernde Gemeinschaft entstanden ist.

Vielleicht sollte noch gesagt werden, dass der einzelne Mensch niemals glauben soll, durch neue Ideen oder Programme in den Gang der Weltgeschichte wirklich eingreifen zu können. Die Weltgeschichte wird von anderen und stärkeren Machten gestaltet, und der Geist der Zeiten wird nicht vom Menschen gemacht. Der einzelne Mensch kann höchstens den Geist der Zeit spüren, sein Wirken vorausahnen und ihm in Worten eine bestimmte Gestalt geben. Dann freilich können diese Worte Kristallisationskeime sein, an denen die lange vorbereitete Wandlung sich plötzlich wie mit einem Zauberschlag vollzieht. Aber auch dann ist der einzelne Mensch ja nur Werkzeug, nicht die treibende Kraft des Vollzugs. Deshalb ist der einzelne Staatsmann oder Politiker fast immer ersetzbar – das Werk Cäsars wurde nach seiner Ermordung durch andere vollendet –, während der grosse Künst1er wohl auch in diesem Sinne unersetzbar ist. Zwar kann auch der Künstler nur gestalten, wenn die Zeit dafür reif ist, und wenn Jahrzehnte oder Jahrhunderte der Entwicklung diesen bestimmten Schritt in der Kunst vorbereitet haben. Aber er gestaltet dann doch ganz se1bständig, sein Werk ist wirklich an seine Person geknüpft; wenn etwa Beethoven dreissig Jahre früher gestorben wäre, so wären viele Stücke nie geschrieben worden, die, da sie geschrieben sind, für Jahrhunderte immer wieder, wenn sie erklingen, den Menschen den Weg zu den eigentlichen und letzten Dingen zeigen, die sie besser und für das Schöne empfänglicher machen. Der Staatsmann aber braucht oft kaum ein Mensch zu sein.

Daher gelten auch als die grossen fruchtbaren Epochen der Menschheit die Zeiträume, in denen Kunst entstehen kann; während die anderen Jahrhunderte, deren Gesicht durch grosse Staatsmänner, Juristen oder Techniker bestimmt wird, späteren Geschlechtern eher als Epochen des Niedergangs oder der Vorbereitung erscheinen.

 

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7. Die schöpferischen Kräfte

Nachdem nun dies alles gesagt ist, muss schliesslich noch von der obersten Schicht der Wirklichkeit die Rede sein, in der sich der Blick öffnet für die Teile der Welt, über die nur im Gleichnis gesprochen werden kann. Man könnte auch eben ein Gleichnis hier an den Anfang stellen und von der Schicht der Wirklichkeit sprechen, die uns mit der Ewigkeit verbindet. Aber Gleichnisse sind hier noch nicht verständlich, und ausserdem muss vorerst noch einmal rückschauend von der Stufenleiter der Wirklichkeitsbereiche gesprochen werden, die mit dieser obersten Schicht ihren Abschluss finden soll.

Die Ordnung der Bereiche sollte ja die grobe Teilung der Welt in eine objektive und eine subjektive Wirklichkeit ersetzen, sie sollte sich zwischen diesen Polen: Objekt und Subjekt ausspannen, so dass an ihrem untersten Ende die Bereiche stehen, in denen wir vollständig objektivieren können. Dann sollten sich die Bereiche anschliessen, in denen die Sachverhalte nicht völlig getrennt werden können von dem Erkenntnisvorgang, durch den wir zur Feststellung des Sachverhalts gelangen. Ganz oben sollte schliesslich die Schicht der Wirklichkeit stehen, in der die Sachverhalte erst im Zusammenhang mit dem Erkenntnisvorgang geschaffen werden. Diese Formulierung kann in zweierlei Weise missverstanden werden; einmal als Paradoxie, indem doch Erkenntnis nur möglich sei von etwas, das schon vor der Erkenntnis bestehe, und dann durch die Auffassung, das Wort Sachverhalt solle hier offenbar irgendwelche subjektiven Illusionen bezeichnen, die sich sozusagen beim Streben nach Erkenntnis von selbst einschleichen. Um die hier gemeinte Beziehung zwischen Sachverhalt und Erkenntnis naäher zu erläutern, soll nocheinmal von den Verhältnissen in früher besprochenen Bereichen der Wirklichkeit an einem Beispiel die Rede sein.

Wir wissen, dass es unter den Menschen die Liebe gibt; und von der Liebe kann auch oft wie von irgendeinem objektiven Tatbestand gesprochen werden. Aber wir haben auch erfahren, dass die Beziehung zu einem anderen Menschen ein sehr zartes Gebilde sein kann, das durch jede Berührung durch das Wort oder auch nur durch den Gedanken verändert werden kann. Schliesslich gibt es menschliche Beziehungen, die überhaupt nur dadurch in der gleichen Form weiterbestehen können, dass sie nicht ins Bewusstsein treten. In diesen Fällen ist es ganz offenbar, dass jede Erkenntnis des Sachverhalts den Sachverhalt selbst verändern muss. Ein grüblerischer Mensch etwa, der gewohnt ist, seine eigenen Gefuhle stets sehr genau zu kontrollieren, wird eine solche Beziehung sehr schnell in etwas Anderes verwandeln, während ein nach aussen gewandter, offener Mensch in einer solchen Beziehung lange Zeit leben kann, ohne sie zu bemerken, selbst wenn sie schon grosse Teile seines Wesens ergriffen hat; und auch hier wird das Bewusstwerden der Beziehung den ganzen Zustand vollständig verändern. Nun hätte diese erkenntnismässige Schwierigkeit kein allzugrosses Gewicht, wenn es sich nur um die Erkenntnis einer speziellen psychologischen Situation handelte. Aber wir wissen andererseits, dass die Liebe in einer viel allgemeineren und ernsteren Weise die ganze Wirklichkeit verwandelt. Die Welt, die uns umgibt, verändert ihr Gesicht mit unserer Beziehung zu den Menschen. Debei verändert sich zwar nicht der kleine Teil der Welt, der sich vollständig objektivieren lässt. Aber überall dort, wo die Dinge etwas für uns bedeuten, wird diese Bedeutung von unserer Stellung zu den Menschen entscheidend beeinflusst. Zwar hängt etwa die objektive Helligkeit und Farbe der Dinge um uns, so wie sie mit optischen Instrumenten registriert werden kann, nicht von uns ab. Aber ob die Welt uns in hellen Farben leuchtet oder ob sie grau in grau erscheint, das wird ganz von unserer Stellung zu den Menschen und vom Zustand unseres Bewusstseins bestimmt. Dabei wiegt dieser Teil der Wirklichkeit für das ganze menschliche Schicksal oft viel schwerer, als der objektive Bereich. Glück und Unglück hängen nur zum kleinen Teil von den objektiven äusseren Geschehnissen ab. Um glücklich zu sein, bedarf es bestimmter Voraussetzungen in unserer Seele, nicht nur günstiger äusserer Umstände. Mit der Liebe wachsen die Flügel der Seele, wie Platon im Phaidros sagt. Ferner bestimmt diese innere Einstellung zur Welt auch unser Denken und Handeln und greift insofern indirekt auch in den objektiven Bereich über. Aber diese Einstellung zur Welt hängt dabei doch wieder so entscheidend von den Erkenntnisvorgängen ab, durch die sie in unser Bewusstsein tritt, und sie ist von Mensch zu Mensch so verschieden, dass dieser Teil der Wirklichkeit nicht mehr objektiviert werden kann. Der Zustand etwa, in dem uns die Welt fremd und wie durch einen Nebelschleier von uns getrennt vorkommt, kann durch die teilnehmende Frage eines Freundes, ob es uns nicht gut gehe, in einen anderen Zustand verwandelt werden; für die gleiche Erkenntnissituation liessen sich noch viele Beispiele aufzählen.

Als ein erster charakteristischer Zug der Wirklichkeitsschicht, um die es sich in den folgenden Abschnitten handeln soll, kann also das Nebeneinander der folgenden beiden Tatsachen bezeichnet werden: Dass die Wirklichkeit zu einem erheblichen Teil vom Zustand unserer Seele abhängt, dass wir die Welt insofern von uns aus verwandeln können; und dass doch die Wirkung dieser Fähigkeit zum Verwandeln der Objektivierung teilweise entzogen wird, da eben die Menschen verschieden sind und sich verschieden zur Welt verhalten und da dieser schöpfensche Zustand der Seele dem Meer der unbewussten seelischen Vorgänge angehört und niemals ohne Veränderung an die Oberfläche des Bewusstseins gebracht werden kann.

Dieser zweite Punkt hängt noch mit einem anderen wichtigen Umstand eng zusammen: Die Kraft der Seele zum Verwandeln der Welt kann nicht vom menschlichen Willen gelenkt werden. Auch durch die schärfste Anspannung der Willenskräfte kann niemand erreichen, dass etwa zwischen ihm und einem anderen Menschen die Beziehung entsteht, die wir Liebe nennen. Im Gegenteil sagt uns ein instinktives Gefühl, dass der Wille ein ganz ungeeignetes Instrument sei zur Behandlung des Teiles unserer Seele, in dem sich die entscheidenden Veränderungen der Wirklichkeit vollziehen. Wenn also gesagt wird, dass wir die Welt durch die Kräfte der Seele verwandeln können, so muss doch dazu gesagt werden, dass wir sie nicht nach unserem Willen verwandeln können.

Allerdings: die Fähigkeit der Menschen, zu verstehen, ist unbegrenzt, und deshalb gibt es auch Wege, um vom Bewusstsein aus die schöpfenschen Kräfte der Seele zu beeinflussen. Die religiösen Lehren etwa, in deren Mittelpunkt die Kontemplation steht, enthalten ausführliche Vorschriften, wie die Menschen sich verhalten sollen, um die Kräfte der Seele zu erhalten und zu stärken. Im Grunde ist wohl auch jede Sittenlehre zum Teil eine Sammlung solcher Vorschriften, die gemacht sind, um die Seele gesund zu erhalten. Nur für einen oberflächlichen Betrachter erscheint ja das Sittengesetz als eine Erschwerung des Lebens des Einzelnen zugunsten der Allgemeinheit, eine Eminschränkung der Freiheit. Für den Einsichtigen ist es die Sammlung uralter Erfahrungen darüber, wie man sich verhalten muss, um - wie die Alten gesagt hatten - »glücklich zu sein«; oder, in der christlichen Sprache, um »vor Gott Gnade zu finden«; oder, in den Gedankengängen dieses Abschnitts, um »die schöpfenschen Kräfte der Seele zu bewahren«. Dass die drei verschiedenen Formulierungen grundsatzlich das Gleiche meinen, wird verstanden werden.

 

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a) Die Religion

Alle Religion beginnt mit dem religiösen Erlebnis. Über den Inhalt dieses Erlebnisses aber wird man sehr verschieden sprechen, je nachdem man ihm gewissermassen von innen oder von aussen begegnet. Wenn es uns selbst angeht, so können wir vom Inhalt des Erlebnisses überhaupt nur in Gleichnissen reden. Wir können etwa sagen, dass uns plötzlich die Verbindung mit einer anderen, höheren Welt in einer für das ganze Leben verpflichtenden Weise aufgegangen sei, oder dass uns in einer bestimmten Situation Gott unmittelbar begegnet sei und zu uns gesprochen habe (ich selbst würde hier z. B. zuerst an die Nacht auf dem Söller der Ruine Pappenheim im Sommer 1920 denken); oder wir können es so ausdrücken, dass uns mit einem Male der Sinn unseres Lebens klar geworden sei und dass wir nun sicher zwischen Wertvollem und Wertlosem zu unterscheiden wüssten. »Wer je die Flamme umschritt, bleibe der Flamme Trabant« -dieses Bewusstwerden der anderen, höheren Welt ist dabei etwas, das ganz unvermittelt, gewissermassen von aussen an uns herantritt, so dass wir garnicht daran zweifeln können, dass eben eine andere Welt uns plötzlich gegenübersteht und uns fordert. Debei berührt uns diese andere Welt doch auch wieder als etwas, das wir längst kennen, das uns von Anbeginn des Lebens vertraut gewesen ist. So wie uns bei der Rückkehr zu einer Stätte unserer Kindheit etwa der Geruch des heimatlichen Hausflurs wie durch einen Zauber die längstvergangenen Tage gegenwärtig machen kann, so berührt uns der Atem jener anderen Welt, als sei er uns schon in einer aller Erinnerung entrückten Zeit begegnet. Und wie auch immer das Bild sein mag, mit dem wir das Erlebte in Worte zu fassen suchen: die Verpflichtung bleibt für unser ganzes Leben und wird von uns anerkannt, auch wenn wir ihr nicht genügen. Wer wirklich im Lauf des Lebens diese Verpflichtung vergessen sollte und ihr gegenüber gleichgültig wird, der hat den Zugang zum wertvollsten Teil des menschlichen Lebens verloren.
»Nur wenn sein Blick sie verlor
eigener Schimmer ihn trügt
fehlt ihm der Mitte Gesetz
treibt er zerstiebend ins All«.
Dies gilt auch, insbesondere jetzt in unserer Zeit, für viele Menschen, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, und denen etwa in den Tönen einer Bach'schen Fuge oder in dem Aufleuchten einer wissenschaftlichen Erkenntnis die andere Welt zum ersten Mal begegnet ist. Auch für sie bleibt die Verpflichtung und das Bewusstsein, seit dieser Begegnung unterscheiden zu können zwischen den Dingen, auf die es ankommt, und denen, auf die es nicht ankommt.

Von aussen gesehen erscheint das religiöse Erlebnis als eine Veränderung in der Struktur des menschlichen Bewusstseins und seines unbewussten Grundes. Wir bemerken, dass der betreffende Mensch seine Stellung zur Welt verändert hat und dass diese Veränderung sich in seinen Worten und seinen Handlungen auswirkt. Man würde bei dieser Betrachtung von aussen kaum auf den Gedanken kommen, von einer Verwandlung der Wirklichkeit zu sprechen, sofern sich die Veränderung nur an einem einzelnen Menschen vollzogen hätte. Dann aber beobachten wir das merkwürdige Phänomen, dass dieselbe Veränderung viele Menschen ergreifen kann; dass es hier offenbar ähnlich ist, wie bei der Liebe, die sich immer, wenn sie echt ist, vom Liebenden auf den geliebten Menschen überträgt. Der Zugang zur anderen Welt, wie es vorhin im Gleichnis ausgedrückt worden ist, öffnet sich also durch einen Menschen auch vielen anderen, er findet seinen Ausdruck in Symbolen, die damit schon eine Gemeinschaft von den übrigen Menschen trennen, und schliesslich erhält der Inhalt des religiösen Erlebnisses eine fassbare Form im religiösen Mythos; in dem Gleichnis, das erst die Sprache schafft, durch die über den Inhalt der religiösen Erfahrungen gesprochen werden kann. Wenn sich in dieser Weise schliesslich in grossen Völkergemeinschaften eine Veränderung des menschlichen Bewusstseins vollzogen hat, so wird es sinnvoll, von einer Verwandlung der Wirklichkeit zu sprechen. Die Tatsache, dass in irgendwelchen anderen Gebieten der Erde noch Menschen einer anderen Bewusstseinsstruktur leben, bedeutet dann ja nicht allzuviel; denn innerhalb der grossen Religionsgemeinschaft werden die Symbole des religiösen Mythos von allen verstanden, sie beschreiben für die Mitglieder der Gemeinschaft wirkliche Erfahrungen und bezeichnen daher einen echten Teil der Wirklichkeit. Der verpflichtende Charakter des religiösen Erlebnisses bringt es dabei mit sich, dass auch die anderen Wirklichkeitsbereiche in die Deutung durch die religiösen Symbole einbezogen werden und dass die Frage nach der Objektivierbarkeit ihre Wichtigkeit verliert. Von der Wahrheit wird nicht mehr gefordert, dass sie objektiv, sondern dass sie für alle verbindlich sei.

Man kann sich zum Verständnis dieser Sachlage wieder an das berühmte Gespräch zwischen Luther und Zwingli erinnern über die Frage, ob das Brot im Abendmahl der Leib Christi »sei« oder ihn »bedeute«. Diese Fragestellung zeigt offenbar einen Bruch im Bewusstsein der Menschen jener Zeit. Man interpretiert dieses Religionsgespräch häufig, indem man darauf hinweist, dass im Mittelalter der christliche Glaube so fest verankert gewesen sei, dass niemand daran gezweifelt habe, dass das Brot der Leib Christi sei. Und erst die Zweifel und die Umwälzungen der Reformationszeit hätten die Frage aufkommen lassen, ob es sich hier nicht nur um die symbolische Bedeutung handeln solle, da ja von einer materiellen Verwandlung offenbar nicht die Rede sein kann. Wahrscheinlich ist es aber noch richtiger, anzunehmen, dass es für das Mittelalter umgekehrt ganz selbstverständhch gewesen ist, dass es sich hier nur um die symbolische Bedeutung und nicht etwa um die materielle Realität handelt (- auch wenn das Mittelalter das nie so ausgesprochen hätte -); denn nur die symbolische Bedeutung war für die damalige Zeit so wichtig, dass sie das Wort »ist« oder das Wort »Substanz« für sich in Anspruch nehmen konnte, sie war die oberste Schicht der Wirklichkeit, und daher war das Brot auch »wirklich« der Leib Christi.

Der verpflichtende Charakter des religiösen Erlebnisses macht es auch verständlich, dass die Verschiedenheit des Glaubens die Menschen im allgemeinen hoffnungslos trennt; Menschen verschiedenen Glaubens sind über das Wesentliche uneinig. Daher auch die Erbitterung aller Religionskriege, die stets für die heiligsten Güter geführt werden gegen einen ungläubigen Feind, der den Gläubigen mehr als Tier denn als Mensch erscheint; denn tatsächlich ist der Ungläubige, als ein Mensch einer anderen Bewusstseinsstruktur, fast ebenso fremd wie ein Tier, und seine blosse Existenz bedroht schon die eigene Wirklichkeit.

Wenn man in dieser Weise die Religion und das Wirken der Religionsgemeinschaften betrachtet, so erscheint die Kraft der menschlichen Seele zum Verwandeln der Wirklichkeit eher als Unglück denn als Glück, und man könnte versucht sein, zu wünschen, die Menschen möchten in Zukunft mehr und mehr darauf verzichten, ihre Erlebnisse von einer, wie man im Gleichnis sagt, höheren Welt in dieser Weise ernst zu nehmen, und mit Symbolen über sie zu sprechen.

Aber dieser Wunsch wäre ganz und gar unerfüllbar. Denn an der Tatsache, dass sich die Wirklichkeit von unserer Seele her verwandeln kann, ist nichts zu ändern; und wir können uns hier auch keine Änderung wünschen, denn alle grossen geistigen Güter der Menschheit entspringen letzten Endes dieser Tatsache. Da dann aber die religiösen Erlebnisse (im allgemeinsten Sinne) notwendig den letzten Wertmassstab darstellen, an dem alles menschliche Tun und Denken gemessen wird, so werden die Menschen auch stets Symbole bilden, in denen sie über diesen Wertmassstab sprechen.

Man könnte hier einwenden, dass sich gerade in unserer Zeit ein grosser Teil der Menschheit ausdrücklich von aller religiösen Bindung losgesagt hat. Doch in Wirklichkeit werden hier zwar die Bindungen gelöst zu den Religionen, in denen ausdrücklich von Gott die Rede ist; aber dadurch wird Raum geschaffen für religiöse Bindungen anderer Art, in deren Mythos etwa gerade von der schöpfenschen Kraft der Seele soweit wie möglich abgesehen wird. Für einen Teil der Menschheit ist die Abkehr von den bisherigen Religionen offenbar nur die Vorbereitung, um neue Bindungen einzugehen, und die Entstehung solcher merkwürdiger Diesseits-Religionen wie Nationalsozialismus und Bolschewismus deutet darauf hin, dass sich hier vielleicht neue entscheidende Änderungen in der Struktur des menschlichen Bewusstseins anbahnen. Für einen anderen Teil -insbesondere in der angelsächsischen Welt - ist an die Stelle der früheren Religion längst eine Bindung etwas anderer Art getreten. Diese andere Bindung knüpft an die Erlebnisse der ersten grossen Geister der beginnenden Neuzeit an, die neben der aus der Offenbarung stammenden christlichen Wirklichkeit noch jene andere objektive Realität entdeckten, die dann in der entstehenden Naturwissenschaft der Neuzeit ihren Siegeszug angetreten hat. Für einen grossen Teil der heutigen Menschheit ist die objektivierbare Schicht der Wirklichkeit zur Wirklichkeit schlechthin erhoben, sie bildet die Grundlage für jeden Wertmassstab; und die so unbewusst angenommene Bewertung ist, wie in jeder Religion, nur bei einem Teil der Gläubigen auf die Wiederholung der Erlebnisse der führenden Geister gegründet, bei der grossen Masse werden die gleichen Erlebnisse wohl nur unklar und dumpf mitempfunden. Immerhin können viele Menschen von den Auswirkungen des menschlichen Geistes in der objektiven materiellen Welt ergriffen werden; der Anblick etwa eines riesigen Schiffes oder der zu den Wolken reichenden Bauwerke von Manhattan kann uns ein Staunen einflössen, in dem wir die dämonischen Mächte deutlich spüren, denen sich der Mensch hier verbündet hat; und vielleicht beruht die Überzeugungskraft der angelsächsischen Weltanschauung auf solchen Erlebnissen. Es ist aber doch wohl die Frage, inwieweit man diese Weltanschauung mit den anderen Religionen vergleichen kann. Sie hat zwar manche Züge mit den anderen Religionen gemein; insbesondere gilt auch hier, dass der Gläubige kaum einen inneren Zugang zur Erlebniswelt des Angehörigen einer anderen Religion gewinnen kann. Ebenso wie die anderen Religionen weist auch diese Weltanschauung uns Menschen auf etwas hin, dass ausser oder über uns und unserem Willen nicht mehr unterworfen ist: die ewigen Gesetze, nach denen die objektive Welt abläuft. Aber der Umstand, dass in dieser Weltanschauung kein Mythos existiert, der in symbolischer Form von der schöpferischen Kraft der Seele redet, hat doch zur Folge, dass sie an einer entscheidenden Stelle weniger bedeutet als die echten Religionen. Während die wirklichen Religionen den Blick immer wieder nach innen wenden und so dafür sorgen, dass der schöpferische Bereich der Seele trotz allem Unglück in der Welt möglichst unverletzt bleibe, gibt die dem Objektiven verschriebene Weltanschauung die Seele allen Unbilden schutzlos preis; wobei der Schaden, der hier angerichtet wird, um so grösser sein kann, als er im allgemeinen nicht ins Bewusstsein der Menschen tritt. Deshalb ist es wohl nicht wahr-scheinlich, dass diese Weltanschauung auf die Dauer bestehen

kann, wenn einmal die Worte des Christentums völlig unverständlich geworden sein sollten. Vielmehr wird sich dann eine andere Sprache gebildet haben, in der wieder die Kräfte ausdrücklich benannt werden, die durch unsere Seele hindurch die Welt verwandeln.

 

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b) Die Erleuchtung

Die Liebe und die »andere Welt« kommen zu uns nicht nach unserem Willen. Wir können uns vielleicht für ihr Kommen empfänglich machen, wir können sie herbeiwünschen oder auch alle Hoffnung auf ihr Erscheinen aufgegeben haben - jedenfalls müssen wir sie immer, wo sie in unser Leben eingreifen, einfach als Geschenk hinnehmen, ohne nach dem Woher zu fragen, als die Gnade einer höheren Macht, die unser Schicksal bestimmt und der wir uns dankbar fügen dürfen. Wenn man daran denkt, wie dieses Geschehen von aussen als eine Änderung der menschlichen Bewusstseinsstruktur erscheint, so wird man vergleichend sagen können, dass solche Änderungen ebensowenig unserem Willen unterworfen seien, wie etwa das Wachstum oder die heilenden Kräfte unseres Körpers. Zwar können wir durch Übung und Pflege den Körper so kräftig erhalten, dass bei einer Verletzung die heilenden Kräfte ohne Schwächung eingreifen können, aber mit dem Willen können wir das Eintreten der Heilung nicht erzwingen. Ähnliches gilt in gesteigertem Mass von den schöpferischen Kräften der Seele, die als ein Teil der letzten und innersten Kräfte alles Lebens schlechthin unser Schicksal ohne unseren Willen von einer höheren Schicht her bestimmen.

Schliesslich wird man hier daran erinnert, dass die schöpferischen Kräfte noch in einer anderen Form spürbar in Erscheinung treten, und zwar an dieser letzten entscheidendsten Stelle ausdrücklich nur für den einen begnadeten Menschen: dort, wo wir von der geistigen Erleuchtung oder von der Eingebung des Genies sprechen. Zu allen Zeiten ist dies von den Menschen ja so gesehen worden: ob man wie Plato vom göttlichen Wahnsinn gesprochen hat, oder ob der Mensch als das Werkzeug, der Gesandte Gottes erschien, oder ob man, wie im letzten Jahrhundert, den genialen Menschen als einen Menschen besonderer Art verehrte. Immer ist erkannt worden, dass einzelnen seltenen Menschen ohne ihren Willen die Kraft zuströmt, das Unvergängliche in Symbole zu bannen, das Wirken Gottes in ihrer Zeit zu offenbaren und damit in das Schicksal der Menschen, Glück oder Unglück, für Jahrhunderte einzugreifen. Natürlich geschieht dies nicht ohne die innere Vorbereitung, die etwa durch jahrelange Arbeit oder durch schwierige menschliche Schicksale die Voraussetzung dafür schafft, dass hier Entscheidendes ausgesprochen werden kann. Aber schon dieser äussere Gang des betreffenden menschlichen Lebens gehört ja mit zu der Aufgabe, die diesem Menschen offenbar von Anfang an gestellt war. Auch wird die Aufgabe vom Reifwerden des Bewusstseins an stets bewusst anerkannt und zur Richtschnur des Lebens gemacht, ungeachtet der Opfer, die debei gebracht werden müssen. Die Menschen, in denen dies geschieht, sind eben nicht mehr nur Menschen, sondern sie sind die Werkstät-ten, in denen die schöpfenschen Kräfte sichtbar wirken und Zeugnisse schaffen, die über alles Menschliche hinausweisen. Was in dieser obersten Schicht der Wirklichkeit entsteht, ist zugleich das Objektivste und das Subjektivste: Das Objektivste, denn der betreffende Mensch ist sich in jedem Augenblick des Schaffens bewusst, dass er hier im Auftrag einer anderen Welt handelt, die durch ihn hindurch schafft, und das Subjektivste, denn das Geschaffene konnte allein von diesem einen Menschen so gesagt oder geschrieben oder gedacht werden.

Man kann hier, wo es sich um die Aufgabe handelt, die dem einzelnen Menschen gestellt wird, nocheinmal die Frage aufwerfen nach der Rolle, die das menschliche Geschlecht im Ganzen in der Entwicklungsgeschichte der Erde oder - wenigstens für uns - der Welt spielt. Als diese Frage zum ersten Mal berührt wurde, war davon die Rede, dass der Mensch wohl einer zentralen Entwicklungsreihe von Organismen entstammt, in der die Natur die Spezialisierung auf bestimmte Leistungen immer wieder vermieden und durch Bewahrung des höchsten Grades von Anpassungsfähigkeit die Erhaltung der Linie erreicht habe. Ferner war davon die Rede, dass der einzelne Mensch im Wachstum von der Eizelle an bis zu einem gewissen Grade die ganze Entwicklungsreihe nocheinmal durchläuft und dass er in der Kindheit auch die ganze bisherige geistige Entwicklung der Menschheit in wenigen Jahren wiederholen muss. Man kann, an diesen Gedanken anknüpfend, die Frage stellen, wie lange der einzelne Mensch in diesem Sinne im Kern der zentralen Entwicklungslinie bleibt, d. h. an der Höher- und Weiterentwick-lung als Individuum beteiligt wird, und wann er als Einzelner ausscheidet und nur durch seine Nachkommen oder durch seine Spuren auf dieser Erde fortwirkt. Wenn man dieser Frage nachgeht, so sieht es so aus, als ob für viele Menschen bis zum Abschluss der Kindheit der ganze Bereich menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten offenstünde; und in den Jahren, die den Übergang in einen anderen Zustand einleiten - also etwa vom 13. bis zum 18. Lebensjahr -vereinigen sich scheinbar nocheinmal alle Lebenskräfte, um auch diesen Einzelnen teilnehmen zu lassen an dem Letzten und Höchsten, das der Plan der Schöpfung uns Menschen für diesen Zeitpunkt zugebilligt hat. Aber die Knospe, die hier wächst, kommt schon in den meisten Fällen nicht mehr zur Entfaltung. Mit dem Übertritt in das Leben des Erwachsenen entscheidet sich für viele Menschen, dass ihre Aufgabe nur in der Weitergabe des menschlichen Geschlechts bestand; die Spannung, die das einzelne Leben an die grosse zentrale Linie gebunden hatte, wird gelöst und überträgt sich auf die nächste Generation. Nur in Wenigen geht der Prozess der Entwicklung weiter. Zwar erwacht gelegentlich noch bei vielen das Bewusstsein, in diesen grossen Lebensprozess jenseits der Grenzen der Persönlichkeit verwoben zu sein, etwa in den Zeiten grosser Leidenschaft oder im Opfer für eine menschliche Gemeinschaft oder etwa unter der Wirkung eines grossen Kunstwerks; aber allmählich verlischt auch dies wie eine Erinnerung, und nur wenige Menschen bleiben im Brennpunkt der Kräfte, die am menschlichen Geist weiterbauen zu etwas Höherem. Für diese Wenigen wird das menschliche Schicksal allein von der gestellten Aufgabe her bestimmt. Nicht selten sprengen die Kräfte das Gefäss des Geistes, in dem sie wirksam sind, und beenden durch eine Katastrophe die einzelne geistige oder körperliche Existenz: Hölderlin, Hugo Wolf. In anderen Fällen genügt wohl einfach die körperliche Kraft nicht, auf die Dauer dem Übermass an geistiger Wirksamkeit standzuhalten: Mozart, Schubert. Ganz wenige schliesslich sind ein ganzes langes Leben hindurch auch der Last einer solchen Aufgabe gewachsen. Bei ihnen löst sich im Lauf der Jahre das Werk von allem Zufälligen, von allem Persönlichen und von jeder Bindung an eine frühere, überwundene Entwicklungsstufe. So stehen am Ende eines solchen Lebens jene ganz reinen, von allem Irdischen abgelösten geistigen Gebilde, wie etwa der Schluss des »Faust« oder die Takte:

 

 

Plato sagt, dass die Liebe die Sehnsucht der Menschen nach der Unsterblichkeit sei, und dass jenes heilige Erschrecken vor der Schönheit zugleich ein Erschrecken vor der Unendlichkeit sei, die uns dabei plötzlich vor das Bewusstsein tritt. Vielleicht darf man das auch so aussprechen, dass nicht nur in der Liebe, sondern in all den Augenblicken, in denen uns die »andere Welt« begegnet, in unserem Bewusstsein ein Gefühl für jenen unendlichen Lebensprozess erwacht, an dem wir für eine kurze Zeitspanne teilnehmen und der sich an uns und über unser irdisches Dasein hinweg vollzieht.

 

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c) Das grosse Gleichnis

Das, was hier gesagt worden ist, kann auch in eine Diskussion gefasst werden über die ewige Frage nach der Existenz Gottes. Bei der Antwort auf diese Frage hat das menschliche Denken schon so viele Stufen überschritten, und jede Stufe ist notwendig, um die nächste zu erreichen.

Zuerst konnten wir einfach sagen: »Ich glaube an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden.«

Der nächste Schritt ist - wenigstens für unser heutiges Bewusstsein - der Zweifel: Es gibt keinen Gott, es gibt nur ein unpersönliches Gesetz, das nach Ursache und Wirkung das Schicksal der Welt leitet. Es ist daher Selbstbetrug, von einem persönlichen Gott sprechen zu wollen, an den wir uns wenden könnten. Was wir an Ordnung und Harmonie der Welt vorfinden, ist nur das Wirken der ewigen Gesetze oder der ordnenden Kraft unseres Geistes.

Die nächste Stufe wäre vielleicht die frivole Formulierung Voltaire's: Wenn es keinen Gott gäbe, müsste man einen erfinden. D. h. der Glaube an einen persönlichen Gott ist wenigstens ein zweckmässiger, ein erlaubter Selbstbetrug; ein Selbstbetrug, der zur Harmonie unserer Seele führt.

Aber all diese Formulierungen stammen doch nur von einem ersten vorbereitenden Nachdenken über das, was hier gemeint ist. Denn nachdem wir alle diese Gedankenfolgen durchlaufen haben, merken wir, dass wir ja garnicht genau wissen, was das Wort »Gott« und insbesondere, was das Wort »es gibt« bedeutet. Das Wort »es gibt« ist ja ein Wort der menschlichen Sprache und bezieht sich auf die Wirklichkeit, wie sie sich in der menschlichen Seele spiegelt; über eine andere Wirklichkeit kann man nicht sprechen. Wenn das Wort »es gibt&kaquo; aber keine andere Wirklichkeit bedeuten kann, so verwandelt sich sein Sinn, so wie sich die Wirklichkeit mit unserem Glauben verwandelt. Über den letzten Grund der Wirklichkeit kann nur im Gleichnis gesprochen werden, und wenn die Menschen im Gleichnis sagen: »Ich glaube an Gott, den Vater«, so lenkt dieser Gott durch den Glauben wirklich die Schicksale der Menschen wie ein Vater. Dieser Glaube ist kein Selbstbetrug, sondern nur die bewusste Hinnahme der nie zu lösenden Spannung in der Wirklichkeit, die sicher unabhängig von uns Menschen objektiv »ist« und abläuft, und die doch auch wieder nur der Inhalt unserer Seele ist und sich von unserer Seele her verwandelt. Der gleiche Sachverhalt kann die Menschen daher auch in die entgegengesetzte Richtung führen: wenn sich etwa in der heutigen Zeit grosse Gruppen von Menschen zu dem Glauben bekennen, dass das Wort »ist« eigentlich nur auf den objektivierbaren Teil der Wirklichkeit anzuwenden sei, so läuft die Welt auch »wirklich« nur noch nach Ursache und Wirkung, ohne höheren »Sinn« ab. So scheint es schliesslich einfach vom Glauben der Menschen abzuhängen, ob ein gütiger Vater die Geschicke der Welt leitet, oder ob das Gesetz von Ursache und Wirkung mitleidlos über alle menschlichen Schicksale hinwegschreitet.

Aber auch mit dieser Erkenntnis steht man ja erst am Anfang dieses unendlichen Problems. Es mag wahr sein, dass alle die grossen Gleichnisse: der persönliche Gott, die Auferstehung der Toten, die Wanderung der Seelen Wirklichkeit sind, solange die Menschen die Kraft haben, sie zu glauben. Aber müssten wir uns dann nicht abwenden von einer Wirklichkeit, die so sehr subjektiv und damit - im Lauf der Jahrhunderte - scheinbar unbeständig ist, und uns beschränken auf den objektivierbaren Bereich der Wirklichkeit, der auch die Jahrtausende sicher überdauert? Das ist ja wohl die Stellung, die viele Men-schen heute einzunehmen suchen. Aber auch dieser Standpunkt beruht auf einer Illusion; nämlich der Annahme, dass es möglich sei, die Verwandlung der Welt von der Seele her zu vermeiden. Doch schon das Bekenntnis zu dem Glauben, dass die objektivierbare Schicht der Wirklichkeit die »eigentliche« Wirklichkeit sei, verwandelt oder bestimmt die Wirklichkeit in ähnlicher Weise wie irgendein anderer Glaube, und damit sind wir der subjektiven Bedingtheit der Wirklichkeit wieder ebenso ausgeliefert wie früher.

Danach sieht es so aus, als sei die Wirklichkeit über den Glauben der Menschen gewissermassen ihrer subjektiven Willkür ausgeliefert, und als seien z. B. die grossen Religionskriege der Menschen (wie wohl auch der jetzige Krieg) echte Entscheidungen über die Gestaltung der Wirklichkeit schlechthin. Dieser grauenvollen Möglichkeit gegenüber ist es für das menschliche Denken befriedigend, zu erkennen, dass ja der Glaube selbst nicht von unserer Willkür abhängt, sondern dass er zu uns kommt ohne unser Zutun und dass wir ihn, uns aufgetragen durch unser Schicksal oder- unsere Zeit, hinnehmen müssen als Geschenk oder als Verhängnis. Freilich können wir uns auch dann noch einem Glauben entweder hingeben oder uns gegen ihn wehren, uns innerhalb oder ausserhab einer menschlichen Gemeinschaft stellen, und es ist wohl ein Glück, dass an dieser Stelle doch scheinbar noch ein wenig Raum bleibt für das Eingreifen der eigenen Verantwortung und des sittlichen Bewusstseins. Aber im Grossen entscheidet eine höhere Macht über den Glauben der menschlichen Gemeinschaften.

Nach all diesen Überlegungen können wir in unserer Zeit wohl nicht mehr so sicher wie die Kinder sagen: »Ich glaube an Gott den Vater, allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden«. Aber wir dürfen uns doch voll Vertrauen der höheren Macht in die Hände geben, die für unser Leben und im Lauf der Jahrhunderte unseren Glauben und damit unsere Welt und unser Schicksal bestimmt. Ähnlich wie es bei Goethe einmal anklingt, dass er die Zeit einer grossen Leidenschaft als Geschenk hinnähme wie ein besonders gutes Weinjahr, so darf vielleicht auch die Menschheit die Jahrhunderte eines neuen Glaubens trotz allem Unglück dankbar als Geschenk annehmen, im vollen Vertrauen, dass auch diese Episode ihrer Geschichte letzten Endes gute Früchte tragen und einer höheren Entwicklung dienen werde. Insofern sollen und dürfen wir als Menschen immer an den Sinn des Lebens glauben, auch wenn wir einsehen, dass das Wort Sinn nur ein Wort der menschlichen Sprache ist, dem wir hier kaum einen anderen Sinn beilegen können als eben den, dass er unser Vertrauen rechtfertige. Aber das Vertrauen ist vielleicht das Letzte.

Die Frage nach der Existenz Gottes ist ja längst keine wissenschaftliche Frage mehr, sondern die Frage nach dem, was wir tun sollen. Das aber ist auch im Wechsel der Zeiten immer ganz einfach: wir sollen als tätige Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft den Anderen helfen und tüchtig sein. So bleibt uns in den Symbolen der Gemeinschaft der Hintergrund der Welt lebendig und fruchtbar, dem wir uns als harmonische Glieder der Gemeinschaft anvertraut fühlen. Und dieses Aufgehen in der Welt, die zugleich die »Welt Gottes« ist, bleibt auch schliesslich das höchste Glück, das uns die Welt zu bieten vermag; das Bewusstsein der Heimat.

 

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III.

Die Zeit, in der wir leben, bedroht mit ihrer Unruhe und ihrem Ung1ück die Werte, die uns bisher gesichert schienen; und wenn man die politischen Wirren als Massstab nimmt für Bewegungen in den Fundamenten des Denkens, so deuten die Katastrophen dieser Jahrzehnte darauf hin, dass sich die Gewichte des menschlichen Denkens verlagern und dass sie die Fundamente verschieben. Wie die Welt aussehen wird, wenn diese Verschiebung ihr Ende erreicht hat, wissen wir nicht. Aber wahrscheinlich deutet man die Zeichen der Zeit richtig, wenn man annimmt, dass die Bereiche der Wirklichkeit, die wir selbst unbewusst gestalten, an Wichtigkeit wieder zunehmen werden gegen dem objektivierbaren Bereich; zunächst scheinen freilich die finstern Dämonen aus diesen Bereichen die Hauptrolle zu spielen. Vielleicht wird diese Verschiebung so weit gehen, wie jene beim Beginn unserer Zeitrechnung, sodass die Verbindung mit der Vergangenheit nur noch von ganz kleinen, abgeschlossenen Menschengruppen aufrecht erhalten werden kann. Aber vielleicht wiederholt sich nicht das Gleiche noch einmal, vielleicht wird doch das Wesentliche an der Erkenntnis der Vergangenheit übrigbleiben und die Verschiebung dort ihr Ende erreichen, wo das Nebeneinander und Ineinander der verschiedenen Schichten der Wirklichkeit nicht mehr als Widerspruch erscheint, sondern als fruchtbare Spannung ertragen wird. Der Einzelne kann dazu nichts tun, als sich innerlich bereitmachen für die Veränderungen, die ohne sein Zutun geschehen.

Frühere Generationen konnten an dem Werk weiterbauen, das sie von ihren Vorfahren übernommen hatten. Unserer Zeit, in der auch die alten geistigen Werte mit eingeschmolzen werden, ist notwendig ein bescheideneres Ziel gesteckt. Uns bleibt zunächst nichts, als das Zurückwenden zum Einfachen: wir sollen die Pflichten und Aufgaben, die uns das Leben selber stellt, gewissenhaft erfüllen, ohne viel nach dem Woher und Wohin zu fragen; wir sollen das, was uns noch schön dünkt, an die nächste Generation weitergeben, Zerstörtes aufbauen und den anderen Menschen, über den Lärm der Leidenschaften hinweg, Vertrauen schenken. Und dann sollen wir abwarten, was geschieht; das Neue braucht ja nicht gleich sichtbar zu sein, auch so soll es uns recht sein - die Wirklichkeit wandelt sich ohne unser Zutun von selber.

Wenn wir an die nächste Zeit denken, so droht uns die stärkste Gefahr wohl von der Verwechslung der bösen und der guten Mächte. Gerade in einer Epoche, in der sich die Bindung zur alten Religion löst, ist die Gefahr, dass Dämonen die Herrschaft der Götter übernehmen, grösser als je; und die Dämonen verbünden sich stets mit jenem glänzenden Phantom, das die Menschen zu allen Zeiten irregeführt hat, mit der politischen Macht.

Um hier den Blick zu schärfen, müssen wir uns vor allem daran erinnern, dass die politische Macht noch stets durch Verbrechen begründet worden ist. Dies wird nicht dadurch gebessert, dass die politische Macht, wenn sie einer grossen menschlichen Gemeinschaft als Ordnung aufgeprägt ist, schliesslich auch gute Wirkungen hervorbringt. Bei der Ausbreitung der Macht versuchen die Menschen doch stets, die anderen, die sich nicht von selbst der Gemeinschaft einordnen, durch brutale Gewalt einzugliedern. Das banale Leitwort: »Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein« gilt auch heute noch für jeden der grossen politischen Machtbereiche. Daher sollen wir hier misstrauisch sein; zwar wird es stets politische Macht geben, und stets werden ungezählte Scharen von Menschen im Kampf um die politische Macht leiden und sterben. Aber darauf kommt es nicht an, dadurch wird nichts über den Wert der Sache entschieden, für die die Menschen sterben. Vielleicht wird der neue Sinn, der dieser Welt gegeben wird, noch lange Zeit fern und unbemerkt von der politischen Macht weiterwachsen, bis er eines Tages wie von selbst grosse Gemeinschaften zusammenordnet.

Auch müssen wir uns wohl damit abfinden, dass es grosse Massen von Menschen gibt und geben wird, denen, um im Gleichnis zu sprechen, der Liebe Gott nicht mehr begegnen kann. Daran wird nichts gebessert dadurch, dass man diesen Massen materielle Güter als Compensation gibt. Auch sind hier garnicht die gemeint, denen es äusserlich schlecht geht oder die nicht denken können: sondern eben die, für die die Welt ein graues und starres Antlitz trägt. In einer grossen geordneten Gemeinschaft nehmen diese Menschen, geführt von der kleineren Gruppe der anderen oder von der Jugend, doch noch irgendwie teil an dem Sinn, der alle verbindet. Aber in einer Zeit, in der dieser Sinn unklar geworden ist und neu gefunden werden muss, sind sie in einer hoffnungslosen Lage, in der auch die Fürsorge der anderen keinen Trost (mehr) bedeutet. Aber auch darauf kommt es nicht an. Vielleicht kann niemand diese Massen vor dem Schicksal bewahren, auf irgendeiner Seite erbittert um politische Macht kämpfen zu müssen. Aber es kommt jetzt darauf an, dass die wenigen, für die die Welt noch leuchtet, zusammenhalten und sich über die anderen hinweg erkennen. Denn nur denen kann sich der Sinn erschliessen, der der Welt neu gegeben wird.

Nicht der Mächtige ist wichtig, der im Bewusstsein seines Rechts den Feind vernichtet und die Widerstrebenden ins Gefängnis wirft, sondern der Gefangenenwärter, der es entgegen dem Verbot doch nicht lassen kann, den Gefangenen gelegentlich ein Stück Brot zuzustecken. Wir müssen uns immer wieder klar machen, dass es wichtiger ist, dem Anderen gegenüber menschlich zu handeln, als irgendwelche Berufspflichten, oder nationale Pflichten oder politische Pflichten zu erfüllen. Auch das lauteste Getöse grosser Ideale darf uns nicht verwirren und nicht hindern, den einen leisen Ton zu hören, auf den alles ankommt. Es ist so oft gesagt worden, dass das Schwache untergeht und nur das Starke sich im Lebenskampf siegreich behauptet. Das wird wohl richtig sein. Aber was ist das Starke? In der Musik sind oft nicht die Stellen am lautesten, an denen das volle Orchester den ganzen Raum mit Tönen füllt, sondern die Takte, in denen eine einzelne Geige ganz leise eine Melodie singt. Deshalb müssen sich jetzt die verbinden, die noch die weisse Rose kennen, oder die den Klang der Silbersaite vernehmen können.

Vielleicht wird bei der zukünftigen Gestaltung der Welt die Wissenschaft eine noch wichtigere Rolle spielen als bisher. Nicht so sehr deshalb, weil sie zu den Voraussetzungen der politischen Macht gehört, sondern weil sie die Stelle ist, an der die Menschen unserer Zeit der Wahrheit gegenübertreten. Während im politischen Leben ein dauernder Wechsel der Werte, der Kampf verlogener Ideale gegen andere verlogene Ideale garnicht vermieden werden kann, betreten wir in der Wissenschaft einen Bereich, in dem das, was wir sagen, eben letzten Endes entweder wahr oder falsch ist, hier gibt es noch eine höhere Macht, die unbeeinflusst durch unsere Wünsche endgültig entscheidet und damit wertet. Am wichtigsten sind daher auch die Gebiete der reinen Wissenschaft, in denen von praktischen Anwendungen nicht mehr die Rede ist, in denen vielmehr das reine Denken den verborgenen Harmonien in der Welt nachspürt. Dieser innerste Bereich, in dem Wissenschaft und Kunst kaum mehr unterschieden werden können, ist vielleicht für die heutige Menschheit die einzige Stelle, an der ihr die Wahrheit ganz rein und nicht mehr verhüllt durch menschliche Ideologien oder Wünsche gegenübertritt. Freilich hat die grosse Masse der Menschen zu diesem Bereich ebensowenig den Zugang wie früher zum Allerheiligsten des Tempels. Aber für die Masse genügt es auch, zu wissen, dass einige Menschen dorthin vordringen, und dass dort nicht betrogen werden kann, dass dort eben der Liebe Gott entscheidet und nicht wir.

Solange dieser zentrale Bereich der Wissenschaft unangetastet bleibt, ist wohl auch die Gefahr nicht allzugross, die dadurch heraufbeschworen wird, dass wir die Kräfte der Natur in viel höherem Mass beherrschen als frühere Zeiten. Diese Kräfte können in ihrer Wirkung zum Guten geleitet werden, solange sie noch durch uns von einer Mitte her geordnet werden, die nicht von uns, sondern von einer höheren Macht gesetzt ist. Nur wenn die ordnende Mitte fehlt, führen die Kräfte ins Chaos. Auch für die Menschheit im Ganzen gelten hier die Verse von Stephan George: »Wer je die Flamme umschritt...«. In gewisser Weise wiederholt sich jetzt im Grossen eine Ordnung, die früher bei primitiven Völker-stämmen bestanden hat. Der Forscher ist, wenn auch gegen seinen Willen, für das Volk der Magier, dem die Kräfte der Natur gehorchen. Aber seine Macht kann nur dann zum Guten ausschlagen, wenn er gleichzeitig Priester ist und nur im Auftrag der Gottheit oder des Schicksals handelt.

Daher ist es wohl auch kein Zufall, dass gerade in der Wissenschaft die Verwandlung der Wirklichkeit klarer in Erscheinung getreten ist, als in irgendeinem anderen Bereich. Hier zeigt uns das Schicksal selber den Weg, der von der Welt beschritten wird; nicht erst auf dem Umweg über die Erfahrungen und Leiden, die der Menschheit in ihrer Geschichte gesetzt sind, sondern unmittelbar bei dem Versuche, die Wahrheit zu finden. Daher bedeutet auch die Erkenntnis von der Grenze der Objektivierbarkeit wohl mehr als nur eine neue naturwissenschafuiche Erfahrung nach vielen anderen; sie bedeutet, dass wir uns mit der Seite der Wirklichkeit auseinandersetzen müssen, bei deren Erkenntnis vom Erkenntnisprozess nicht mehr abgesehen werden kann. Freilich ist diese Erkenntnis auch wieder nur ein Baustein, so wie etwa früher der Gedanke von der Existenz der Atome oder der von der Stellung der Sonne im Planetensystem; und erst viele hunderte solcher Bausteine genügen, um mit dem Fundament eines Verständnisses der Wirklichkeit zu beginnen. Alle Erkenntnis beruht eben letzten Endes auf Erfahrung, und dieser Weg der Anpassung des Denkens durch die Jahrhunderte kann durch nichts verkürzt werden. Oft ist ein Jahrhundert von Erfahrungen nötig, um einen neuen entscheidenden Gedanken hervorzubringen. Auf die Frage, wie denn die Wirklichkeit eigentlich sei, kann man daher kaum anders antworten als auf die alte Frage im Märchen:

»Wie lange dauert die Ewigkeit?« »Am Ende der Welt steht ein Berg, ganz aus Diamant, und alle hundert Jahre fliegt ein Vögelchen dorthin und wetzt dort seinen Schnabel, und wenn der ganze Berg abgetragen ist, dann wird erst eine Sekunde der Ewigkeit vergangen sein.«

 

 

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